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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1667 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Montag, 28. September 1857

Schlagwörter: Eidgenössischer Schulrat, Eidgenössisches Polytechnikum, Familiäres und Persönliches, Gesandtschaft in Paris, Vereinigte Bundesversammlung, Wahlen

Briefe

Glarus den 28. September 1857.

Mein theurer Freund!

Vorgestern Abends erhielt ich einen Brief von Herrn Dr. Furrer, in welchem er die Anfrage an mich stellte, ob ich geneigt wäre, die durch Herrn Dr. Kern's Abgang nach Paris vakant werdende Stelle eines eidgen. Schulrathspräsidenten, welche in den nächsten Tagen wieder besetzt werden soll, anzunehmen. Da ich eine leise Vermuthung hege, Du möchtest dieser Anfrage nicht ganz fremd seyn, so fühle ich mich verpflichtet, von der darauf ertheilten Antwort Dir Kenntniß zu geben.

Was die Stelle selbst betrifft, so öffnet sie wohl in diesem Augenblicke nicht gerade einen großen Wirkungskreis, da die polytechnische Schule vollständig organisirt ist u. ihren geregelten Gang geht; immerhin aber wird Niemand verkennen, daß sie an u. für sich eine sehr schöne u. ehrenvolle ist. Für mich aber hatte sie noch einen besondern Reiz, indem sie mir einen recht einladenden Anlaß bot zur Uebersiedlung nach Zürich, wo sich mir ohne Zweifel die angenehmsten geselligen Verhältnisse öffnen würden u. ich namentlich auf Deinen Umgang häufiger geniessen könnte. Du wirst also wohl begreifen, daß ich nicht abgeneigt gewesen wäre die Stelle (falls wirklich die Wahl auf mich gefalllen wäre) anzunehmen; hoffend, daß, was mir noch an Spezialkenntnissen für dieselbe abgeht, durch Dich u. andere Freunde hätte ergänzt werden können. | Indessen haben sich wieder, wie früher bei ähnlichen Anlässen, meine Familienverhältnisse hindernd in den Weg gelegt. Meine Eltern, die, bei zunehmendem Alter u. immer mehr hervortretenden Gebrechen desselben, in meiner Frau u. mir nun vorzugsweise ihre Stützen erblicken, hätte es zu sehr geschmerzt, wenn wir uns – obwohl nur auf kleine Distanz – von ihnen getrennt hätten. Sie erklärten zwar, mir in keiner Weise die Hände binden zu wollen, aber ich sah es ihnen an, daß ich ihnen tiefen Kummer bereitet hätte, würde ich die Stelle angenommen haben. So entschloß ich mich denn, Herrn Furrer in verneinendem Sinne zu antworten, u. gewärtige nun, was für eine Wahl in Bern getroffen werden wird. Es ist freilich möglich, daß ich auch bei einer bejahenden Antwort doch nicht gewählt worden wäre, allein die zum voraus geschehene Anfrage erheischte eben doch von meiner Seite einen Entschluß, der mir wirklich etwas schwer gefallen ist. Indessen hoffe ich es niemals bereuen zu müssen, daß ich der kindlichen Pflicht gefolgt bin. Was meine Frau betrifft, so war sie vollkommen bereit mir zu folgen, obschon auch ihr die Trennung von ihren Geschwistern Mühe gemacht hätte.

Gestern waren wir bei Pfarrer Zwicki in Obstalden. Er hat sich Gottlob! wieder bedeutend erholt; vor einigen Wochen hielt er hier eine sehr gelungne Synodalpredigt. Von Fräul. Riggenbach hat er noch keine sehr günstige Nachrichten; ich bewundere die Gelassenheit u. Geduld, die er in dieser Angelegenheit zeigt.

Seit der Bundesversammlung bin ich, da mich keine Geschäfte wegführten, nicht über meine nächste Umgebung hinausgekommen. Nach einigen Wochen werde ich in | Schaffhausen ein Schiedsgericht (Peyer c. Moser) haben u. bei diesem Anlasse gerne ein wenig in Zürich verweilen, um Dich zu besuchen.

Deiner Frau, sowie Deiner Frau Mutter u. Schwester lassen wir beide uns bestens empfehlen. Sey herzlich gegrüßt von

Deinem treuen Freunde

J J Blumer.