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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B1649 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Konstanz, Donnerstag, 6. August 1857

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Gesandtschaft in Paris, Kuraufenthalte, Schweizerische Nordostbahn (NOB), Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

F: G: EHRHARDT
Cantonsfursprech
ZÜRICH

Mein bester Freund!

Herzlichen Dank für deinen treuen, langen Brief, den ich um so mehr zu schätzen weiß, da ich aus den Zeitungen erfahre, wie sehr du in Bern in Anspruch genommen bist u. zwar von Arbeiten, die in Form u. Erfolg recht unerquicklich sind. Ein Glück ist es, daß Du die Religentien hast, nicht den Beifall der Mehrheit für unumgänglich nöthig zu erachten, daß dir die Zustimmung deiner wahren Freunde für jenen Ersatz bieten kann u. daß Du – u. das ist ein großes Glück – außer dem Rathszimmer in so angenehmen u. ansprechenden Verhältnissen u. Umgebungen leben zu können, das Glück hattest. Ich bewundre übrigens deine Ausdauer u. deinen Muth, mit dem Du immer u. immer gegen den bösen Willen u. den Unverstand ankämpfest, trotz dem, daß Du oft schon vom Anfange an das Erfolglose Deines Kampfes ahnen wirst. Die Anerkennung wird hoffentlich auch in Kreisen nicht aus bleiben, welche sie Dir jetzt noch versagen u. die Uneigennützigkeit u. Wahrheit Deiner Bestrebungen muß doch den Sieg davon tragen; denn Intriguen u. Neid tragen, Gott sei Dank, den endlichen u. dauernden Sieg nicht davon! Deine Mittheilungen sind sehr interessant u. ich | zweifle nicht [daran?], daß die Pläne wirklich vorhanden sind, von denen du Andeutungen giebst; allein ich hoffe, daß die Herren die Rechnung ohne den Wirth machen: ein Bundesrath St. Hgb, Dubs geht durchaus nicht & davon will weder die Schweiz noch die Bundesversammlung die ziemlich wie die jetzige, nur etwas conservativer sein wird, nichts wissen. Im Canton Z. würde D. sich durch eine Intrigue gegen Furrer sehr schaden.

Unser Freund K. macht einen dummen Streich. Er sollte gar nicht nach P. gehen – u. auf seinen Lorbeern ausruhen, weitere sind unter den voraussichtlichen Verhältnissen für ihn nicht zu sammlen. Er wird in Paris jetzt eine ganz andre Rolle spielen wie früher, wahrscheinlich gar keine! Die Pläne mit K sind vortrefflich in jeder Beziehung. Ich gratuliere mir, daß er mein unmittelbarer Vorgesetzter in der Direction wird, trotzdem daß Herr Kern gar nichts zu wünschen übrig gelassen hat.

An deine gute Mutter habe ich einen langen, langen Brief geschrieben, aus welchem du ersehen haben wirst, wie es mir geht u. wie ich hier lebe. Das Facit ist im Ganzen: etwas langweilig. Ich sehne mich nach Z. zurück u. werde wohl kaum nach Baden-Baden gehen; eben das Badeleben ist mir gründlich zum Ueberdruß. Ich denke am | 17 oder 18. August in Zürich einzutreffen. Von speciellen Landsleuten sind jetzt die Herren Schmid, Abegg, Ammann u. Schwarzenbach-Landis hier. Wir wohnen sämmtlich im Kurhaus, wohin ich nach der ersten Woche gezogen bin, da es bequemer u. sogar wohlfeiler ist. Von St. Gallen ist Oberst Ritter hier, der jedoch mit den übrigen Schweizern in keinen Verkehr gekommen ist. Unter uns gesagt läßt dieser Umgang doch allerlei zu wünschen übrig u. ich bedaure, daß ich weder zahlen noch Schmauser's spielen kann, denn ich würde dann mehr von der Gesellschaft Genuß haben. Frau W. spricht fortgesetzt mit großer Liebenswürdigkeit von Frau Bürgermeister u. dir, ist aber sehr trübe gestimmt, indem sie an einem günstigen Kurerfolge zweifelt, den meinigen will ich Gott u. der Zeit anheimstellen.

Diese Zeilen werden dir zeigen, wie schwer mir das Schreiben wird. Hitze, Wasser u. Diät haben mich förmlich heruntergebracht u. ich befürchte mein erster Eindruck wird kein günstiger sein; doch anerkenne ich dankbar, daß ich mich im Ganzen recht erträglich befinde.

Empfiehl mich der Frau Bürgermeister, u. Deiner guten Mutter aufs Herzlichste u. empfange Du die Versicherung meiner unwandelbaren Treue u. Anhänglichkeit.

Auf baldiges Wiedersehen

Dein

Er

Kn 6. Aug. 1857.