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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Friedrich Peyer im Hof

AES B1648 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#391*

Johann Friedrich Peyer im Hof an Alfred Escher, Schaffhausen, Freitag, 31. Juli 1857

Schlagwörter: Chemin de fer de Lausanne à Fribourg et à la frontière bernoise, Eisenbahnanschluss an ausländische Netze, Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Betrieb, Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahnen Fusionen, Eisenbahnen Verträge, Gesandtschaft in Paris, Personelle Angelegenheiten, Regierungsrat AG, Schweizerische Centralbahn (SCB), Schweizerische Nordostbahn (NOB), Vereinigte Bundesversammlung, Vereinigte Schweizerbahnen (VSB)

Briefe

Mein lieber Freund!

Ich schreibe dir von hier aus, da es mir, wie ich es dir vorhergesagt, durchaus unmöglich gewesen wäre, mich für mehrere Tage von hier zu entfernen. Uebrigens können wir uns, glaube ich, hinsichtlich des Nicht-Vertretenseins in München, doch um so eher beruhigen, als es sich im Grunde doch nur um eine Formalität gehandelt hätte und irgendwelche Geschäfteinleitung od. dergl. bei einer so großen Versammlung kaum denkbar gewesen wäre. –

Die penible Oron-Debatte ist nun also vorbei. Deinen Standpunkt begreife ich vollkommen und theile ihn; – dagegen bedaure ich, daß du dich diese Angelegenheit | so viele Mühe hast kosten lassen, die sie wahrlich nicht verdient; noch mehr aber bedauern würde ich es, wenn du dich durch diese Angelegenheit verstimmen lassen solltest. Immerhin macht es einen ganz eigenthümlichen Eindruck, wenn man Männer wie Hungerbühler, Stämpfli, Dufour usw. als Kämpen in der Bundesversammlung für eine Sache auftreten sieht, welche in Paris von den zunächst Betheiligten auf eine allerdings wenig ehrenhafte Weise aufgegeben wurde –.

Vor meiner Abreise habe ich Trog noch gesprochen. Er sagte mir, daß die Centralbahn stetsfort eine Fusion wünsche, und daß namentlich Geigi, wankelmüthig und impressionabel wie er ist, sich jetzt selbst Vorwürfe über das Scheitern unseres Vertrages zu machen scheine. Auch Gutzwiller machte mir beiläufig gesagt, einigermaßen den Eindruck eines reuigen Sünders. Ich nahm gegen Gutzwiller und Trog eine sehr zurückhaltende Stellung ein und | stellte namentlich darauf ab, daß nach den gemachten Erfahrungen die Stimmung eine für Wiederaufnahme der Unterhandlungen ganz ungünstige seie und daß die Nordostbahn für einmal wohl vorziehen dürfte, den weiteren Gang der Dinge ruhig abzuwarten und mittlerweile ihre Linien zu vervollständigen. Trog sagte mir, er habe im Auftrage seines Direktoriums für die von diesem s. Zt beantragte Wiederaufnahme der Unterhandlungen ein Projekt in erster Linie für einen Fusions-Vertrag, in zweiter Linie für ein Omnium ausgearbeitet und darin diejenigen kleinen Modifikationen aufgenommen, mittelst derer, wie erhofft, die Schwierigkeiten umgangen werden könnten. Das Direktorium habe diese Projekte gutgeheißen, mit der einzigen Abänderung, daß der Omnium-Vertrag in erste, der Fusions Vertrag erst in zweite Linie gestellt worden seie. Trog both mir die Mittheilung dieser Aktenstücke an, und ich glaubte dieß nicht ablehnen zu sollen, gewärtige sie sonach. ­ Uebrigens bemerkte er mir, | er werde auch noch mit dir über die Sache sprechen und deßhalb hatte ich keine dringende Veranlassung dir sofort zu schreiben.

Ich habe, wie gesagt, bei alledem sehr den Spröden gespielt, allein im Innern ist es mir nicht halb so spröde, denn ich habe stetsfort die feste Ueberzeugung, im Gegentheil diese Ueberzeugung wird bei mir mit jedem Tage fester, daß die Linie vom Bodensee nach dem Genfersee die beste und, es mag links und rechts geschehen was da will, die rentabelste sein wird und daß am Ende die Gesellschaft, welche diese Linie in der Hand hat, Meister im Lande sein wird. Dazu kömmt daß die Betriebs-Ergebniße vom Bodensee bis zum Genfer-See schon jetzt diese Annahme bestätigen. – Dagegen würde ich die Oronbahn außer Spiel lassen, Versoix ­ Genf kann uns auf die Länge doch nicht entgehen. Du wirst dich erinnern, daß ich schon in Paris diese Ansicht äußerte, damals wurde aber in die andere Wagschale die Erwägung gelegt, daß mit dem Fallen der Oronbahn der Erstellung der | zweiten Linie vom Bodensee nach dem Genfersee der Boden genommen seie und diese Erwägung überwog damals. Wie die Sachen jetzt hingegen stehen ist es wohl besser und klüger, die Oronbahn ihren eigenen, gewiß nicht glänzenden Weg gehen zu lassen.

Den Grundsatz der Parität der Aktien würde ich nicht mehr zugeben, sondern auch nach dieser Seite auf die Erträgniße abstellen, etwa nach zweijahrigem Betrieb der ganzen Linie von Versoix bis Romanshorn, natürlich unter Zuzug der Seitenlinien. – Ebenso würde ich aber dann gleichzeitig die Bestimmung aufnehmen, daß unter gleichen Bedingungen auch der Union suisse der Beitritt offen sein solle. Damit wäre dann ein für allemal der Vorwurf niedergeschlagen, daß man eine Verbindung mit dem Osten nicht wolle, denn ein Mehreres als Aufnahme unter gleichen Bedingungen kann doch wohl Niemand mit Recht oder auch mit einem Schein von Billigkeit | verlangen und was uns betrifft, so könnte uns wirklich unter solchen Voraussetzungen der Anschluß der Ostbahnen nur sehr erwünscht sein. Doch für einmal genug hievon.

Was man schon lange vermuthete, ist nun also zur offiziellen Thatsache geworden, unser Freund Kern geht nach Paris und so hätten wir in unserer Direktion zwei Vakanzen, so daß man sich nun doch wohl ernstlich mit der Wiederbesetzung wird beschäftigen müssen. Das Mitglied aus dem Thurgau wird ziemlich schwer zu finden sein, oder weißt du in dieser Beziehung schon Rath? –

Vorgestern war ich in Zürich und habe alle kleinern laufenden Geschäfte aufgeräumt. Auffallend war es mir, aus einem spätern Berner- Protokolle zu entnehmen, daß Beck ein Schreiben nach Bern über die neueste Redaktion der Instruktion des Maschinenmeisters hat abgehen lassen, während er in Zürich sich jeder Bemerkung über die ihm jeweils rechtzeitig mitgetheilten Entwürfe enthielt. | Nicht minder bin ich sehr verwundert, daß von der Argauischen Regierung hinsichtlich der Genehmigung der Waldshuter Linie bis an die Grenze noch keine Rückäußerung erfolgt ist. – Neues von Belang ist Nichts vorgekommen. Die Betriebs Ergebniße sind befriedigend, obgleich sie die etwas sanguinischen Erwartungen unseres H Hüni nicht erreichen. Ich habe für den July auf höchstens fr 270000 gehofft und ich glaube wir werden abschließlich nicht viel darunter bleiben. Sein ganzes Dichten und Trachten ist überhaupt wesentlich auf Steigen der Aktien, wenn vielleicht auch nur momentan, gerichtet, allein das kann doch wahrlich nicht die maßgebende Richtschnur für uns sein. Doch dieses unter uns. –

Ich hoffe, die Bundes-Versammlung werde nun bald schließen und verbleibe inzwischen auf baldiges Wiedersehen

Dein

Peyer im Hof

Schaffhausen, 31 July 1857.

Meine höflichen Empfehlungen an deine verehrte Frau! –