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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Friedrich Peyer im Hof

AES B1628 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#391*

Johann Friedrich Peyer im Hof an Alfred Escher, Schaffhausen, Samstag, 6. Juni 1857

Schlagwörter: Compagnie de l'Ouest-Suisse (Westbahn) (OS), Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Betrieb, Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahnen Fusionen, Eisenbahngesetze, Eisenbahnrückkauf, Schweizerische Centralbahn (SCB), Schweizerische Nordostbahn (NOB), Vereinigte Bundesversammlung, Vereinigte Schweizerbahnen (VSB), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Schweizerische Waggons-Fabrik
BEI
SCHAFFHAUSEN

Mein lieber Freund!

Von Herrn Schweizer wird mir mitgetheilt, daß Du heute wieder in Zürich eintreffen, morgen aber schon wieder nach Bern abgehen werdest. Ich will daher nicht unterlassen, Dir noch einige Zeilen von mir zugehen zu lassen.

Vor allen Dingen: Ein herzliches Willkommen in der Heimath, wo Du, wie ich hoffe, mit Deiner verehrten Frau Gemahlin glücklich und wohlbehalten eingetroffen sein wirst! –

Ueber den Stand der verschiedenen Angelegenheiten werden Dir unsere Freunde & Kollegen die nöthigen Mittheilungen gemacht haben; über Manches wirst Du Dich nun auch in Bern noch weiter | orientiren können. – Für heute theile ich Dir zunächst noch einen Brief von Herrn Aubert mit, der mir gestern eingegangen ist. Die betreffende Mittheilung erscheint mir darum nicht uninteressant, weil es möglich wäre, daß sich Bern zu einer weitern Aktien-Betheiligung herbeiließe, um der in Noth befindlichen Centralbahn neue Zugeständniße, vielleicht unter anderm den Verzicht auf die Linie BernFreiburger Grenze, abzunöthigen. Die Aktien-Betheiligung von Seite des Staats liegt ja ohnehin in den Anschauungen von Stämpfli, so daß es mir gar nicht unwahrscheinlich erscheinen würde, den Kanton Bern unter Bedingungen zu einer Aktien-Uebernahme geneigt zu sehen. Der Moment, die Einwirkung der Staatsgewalt zu erweitern, dürfte nicht so bald wieder so günstig sein wie gegenwärtig. – Und welche Ansichten, Wünsche und Gelüste in dieser Beziehung vorwalten, darüber giebt das Konferenz-Protokoll über die in Bern | abgehaltene Eisenbahn-Konferenz mehr als genügenden Aufschluß. Ich wünsche sehr, daß Du von diesem Protokoll Einsicht nehmest; ich glaube, wir finden darin manchen bedeutsamen Fingerzeig für das, was wir im Auge zu behalten haben. – Mit besonderm Interesse habe ich dem Protokolle entnommen, wie es namentlich das Bewußtsein, daß eine Fusion, welche die Hauptpositionen inne hat, Konkurrenzen faktisch unmöglich macht, gewesen ist, was gewisse Herrn so sehr gegen unsere Fusion in Harnisch gebracht hat. – Der Eisenbahn-Anarchie ein Ende zu machen, das war nun aber ja gerade unser Zweck, den wir auch nach meiner innersten Ueberzeugung stetsfort fest im Auge behalten müssen. Die nächste Gefahr die uns droht, liegt in dem, was etwa die Bundes-Versammlung zur Erweiterung des Bundesgesetzes über die Eisenbahnen thun wird. Indeßen will es mir scheinen, daß es uns da an Allirten nicht fehlen sollte, zumal wenn | die Ostbahnen noch immer einige Aussicht haben sich fusioniren zu können. – Ueber die Grundlagen einer Fusion mit der Westbahn und den Ostbahnen habe ich die Zeit her viel hin und her gedacht. Es will mir scheinen, daß eine Werthung der Aktien auf Grundlage der spätern Betriebs-Ergebniße, wobei etwa Bahnen, die 4% ertragen, mit Pari eintreten; vielleicht über manche Schwierigkeiten hinwegführen und überdieß, was die Hauptsache ist, für die Nordostbahn sehr vortheilhaft sein würde. Ich glaube die Westbahn würde hierauf eingehen und auch die Ostbahnen dürften dieß nicht unbillig finden. Es ist zwar denkbar, daß von letztern die Konkurrenz-Stellung der Romanshorner- & St.Galler-Linie in dem Sinne entgegengestellt wird, daß es von der Verwaltung abhänge, namentlich den Güter-Verkehr künftig von der letztern ab und auf die erstere zu leiten; – es liegt etwas hierin, und es könnte einer solchen Einrede, wenn sie kömmt auf die eine oder andere Weise Rechnung getragen werden. Dann ist aber noch ein weiterer Punkt, der namentlich in Betracht kömmt, ich meine | das Verhältniß von Aktien zu Obligationen, wie es sich nun in Folge der Konversion gestalten wird. – Ich habe Dir vor Deiner Abreise mitgetheilt, daß mir von St Gallischer Seite Andeutungen gemacht worden seien, wie sehr man dortseits eine Verständigung wünsche. Seitdem habe ich jede Berührung vermieden, um die Sache intakt zu lassen. – Der Faden kann aber leicht aufgenommen werden. –

Die Sitzfrage würde ich definitiv entscheiden lassen, der Centralbahn zu gleichen Bedingungen den Eintritt offen lassen, ohne jedoch die Fusion von demselben abhängig zu machen. Sie mag sich dann mit dem Kanton Bern abfinden oder – nicht. Wir hätten immer soviel erreicht, daß dieser so ziemlich isolirt wäre und vom hohen Roß herabsteigen müßte

Doch genug. Mit gewohnten Gesinnungen

Dein

Peyer im Hof

Schaffh. 6 Juny 1857.

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