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Korrespondenz: Alfred Escher – J. K. Truttmann
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  • von J. K. Truttmann, 1. Juni 1857 Schlagwörter: Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Finanzierung, Schifffahrt, Zürich-Zug-Luzern-Bahn (ZZL) AES B1626
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AES B1626 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#506*

J. K. Truttmann an Alfred Escher, Luzern, Montag, 1. Juni 1857

Schlagwörter: Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Finanzierung, Schifffahrt, Zürich-Zug-Luzern-Bahn (ZZL)

Briefe

Wohlgeborner,
Hochzuverehrender Herr Regierungsrath!

Die Verbindung Zürich mit Luzern, über Küßnacht ist die gerädeste Linie, und die, welche am wenigsten kosten würde und die auch für Zürich die vortheilhafteste wäre – Warum man diesen Plan nicht ausgeführt hat, können viele Leite nicht begreiffen, welche in dieser Gegend genau bekannt sind. Auf die Frage Albis oder Albisbahn, wage ich es, Ihnen ein pro memoria zu Ihrer Prüffung vorzulegen, jedoch mit peinlichem Gefühl, weil ich weiß, daß Sie immer mit einem Drang von Geschäften überladen sind, und ich Ihnen mit diesem Brief Ihre köstliche Zeit raube. Zu meiner Beruhigung hat man mich aber versichert, daß Sie jeden Vorschlag mit Bereitwilligkeit anhören, welcher dem Vaterlande frommen könnte. – Ich hofe also, daß Sie meinen Brief mit Geneitheit lesen werden. – Voraus bitte ich mir eine Frage zu erlauben. – Würde man in der projektirten Verbindung Luzern mit Zürich vermittest eines Kanals von Zug nach Küßnacht einer Eisenbahn vorziehen? – Der Bau dieses Kanals ist leicht ausführbar, und viel wohlfeiler als eine Eisenbahn. Zwei geschickte Ingenieurs haben die Erbauung dieses Kanals auf 600,000 F berechnet, von Böschenroth bis Küßnacht; seine Länge beträgt 30–45 Minuten | Die Natur hat den Gang dieses Kanals bezeichnet. Zwischen einem ganz ebenen sumpfigen Gegend-terrain durchfließen zwei kleine Bäche, wovon einer in Zugersee, und der andere in den Vierwaldstädtersee sich ergießt. – Der Kanal wäre einer Eisenbahn vorzuziehen, weil die Erbauung desselben nicht soviel kosten würde, und auch geschwinder benützbar wäre. Dieser Kanal würde sich eine Celebrität- Berühmtheit erwerben. Es ist bekannt u. auch erwiesen, daß jährlich 30–40 tausend Reisende in die Urkantone kommen; keiner würde in diese Gegend kommen, ohne dem Tells Kanal einen Besuch abzustatten, welcher rechts dabey vorbei fließt, so wie von den Rudern Geßlers Schlosse. Die Ufer längst dem Kanal sind malerisch. Vom Zugersee im Vordergrund hat man den majestätischen Pilatus vor sich bis Küßnacht und im Hintergrund Zugs freundliche Umgebungen, besetzt mit lauter Obstbäumen, diese immer so schön abwechselnde Scenen, müssen einen angenehmen Eindruck auf einen Reisenden machen. Dieses Zusammentreffen Naturschönheiten mit historischen Merkwürdigkeiten, casuale Glüks Zufälle, müßten diese Eisenbahn nutzbarer machen, und von den Rigi Reisenden angerühret werden zu einer bleibenden Route; unversiegbare Geld Grube. Die Eisenbahn Gesellschaft sollte mit einem Spekulanten darüber sprechen; welcher gewis bereit wäre an diesem Kanalbau Antheil zu nehmen, wenn sie nicht Lust hätte, den Gewinn für sich allein zu behalten. |

Es ist evident, daß die Bahnlinie von Zürich mit Luzern über Küßnacht sehr vortheillhaft wäre. Dadurch würde Zürich, Luzern umgehen und dadurch an Spesen gewinnen; Zürich hätte mit Luzern nie kein Conflit zu befürchten, weil Zürich eine eigene Bahn hätte; Z. hätte auch seine eigene Schiffart auf dem ganzen Waldstädtersee und wäre mit Bern in direkter Verbindung vermittelst der neuen Brünigstraße. – Die Zürcherische Pavillon-Flagge würde auch stolz unter den andern Dampfschiffen figuriren. Dann würde Küßnacht das Zürcherische Emporium-Stapelhafen für den Italienischen Handel. Ein bequemer geschmakvoller Bahnhof und ein sichrer Hafen würden diesen zwei nothwendigen Bauten viel Relief geben und den Eisenbahn Reisende an sich ziehen. – Würde das abgelegene Brunnen, Schutzscheibe des wüthenden Fönes-Sirene diese Vortheile darbieten; – Was würden die Herren Luzerner zu diesem Plan sagen? – Antwort, die Herren Zürcher, als gescheide Kaufleute benützen die Umstände u. die günstige Lage. Die strengste Moral kann dieses Verfahren nicht misbilligen.

Man hat vor über Imensee nach Brunen eine Eisenbahn zu bauen. Warum nicht gleich nach Küßnacht da Küßnacht doch um ½ Stunde von Immisee entfernt ist u. dorthin ein viel günstigeres Terrain darbieten als nach erstern Ort; Krümmungen und Hügel würden viel Arbeit geben, während dem der Weg nach Küßnacht in gerader Linien fort geht. |

Würde man dadurch eine Streke Eisenbahn von vier Stunden erspahren – und dadurch den gleiche Zweck erreichen. Ist die Landfuhr nicht immer theurer als die Wasserfuhr? Konkurriert man mit andern Straßen, so können nun wohlfeile Frachten dieselbe in guten Ruf bringen. Mit der Brunnen Eisenbahn würde man eine Million nutzlos vergraben. - Es kann aber leicht seyn, daß ich mich irre; Sachverständige Männer leiten diese Arbeiten deren Urtheil ich mich unterwerfe. Sind meine Vorschläge weder ausführbar noch zweckmäßig, so legen Sie meinen Brief ad acta und sehen Sie das Gesagte als pium desiderium an. Doch würden Sie mir einen Gefallen erweisen, wenn Sie die Güte haben wollten mir Ihre Ansichten über meine Vorschläge mitzutheilen, ich nehme sie mit Dank an, wenn Sie gleich ungünstig sind. Lassen Sie einstweillen den Inhalt meines Briefes nicht offenkundig werden, bis ich mich mit Ihnen darüber ausgeredtet haben, dadurch werden Umtriebe und Intrigen vermieden. Das Weitere Warum werde ich Ihnen vielleicht mündlich sagen. Genehmigen Sie einstweilen die Versicherung meiner aufrechten Werthschätzung, mit der ich die Ehre habe ich seye,

Euerer Wohlgebornen

gehorsamster Diener

J. K. Truttmann,

im obren
Grund No 471.

Luzern den 1 Juny 1857. |

Die Luzerner und Zürcher Bahn wird sich nicht verständigen, weil ihre Interesse unvereinbar sind. Es handelt sich um den Paß des St. Gotthard. L. möchte ausschließlich im Besitz desselben bleiben und gründet sein Recht auf der Ancienität; in politischer u. geographischer Beziehung stehen beide Partheyen in gleichem Recht. Der thätigere und geschicktere wird am Ende siegen.

Als L. Z. den Vorschlag zu einer gemeinschaftlichen Eisenbahn machte, war L. geheime Absicht (l'arrive pensée) Z. fern von dem Ufer des Vierwaldstädtersees zu halten. Das merkte Z. – Dieser Plan ist ganz leicht zu vereiteln. Z. braucht nur eine direkte Eisenbahn an den Waldstädtersee zu führen, und am Ufer dieses Sees sich ansiedeln, seys in Brunen oder Küßnacht und an einem von diesen zwei Orten ein Stapelplatz, Scala-étapé Faktorei zu errichten, vonwo aus die Zürcherischen Waaren nach Flüele befördert werden, u. die von Italien kommenden nach Zürich verladet. Durch diese Einrichtung könnte Z. den eigen und zugleich Speditions-Handel mit Italien führen. Dabey würden zwei Provisionen gewonnen, seiner eignen Waaren, und allimentirte damit ihre Eisenbahn von u. nach Flüelen. Es fragt sich nun an welchem Orte soll diese Niederlage gegründet werden in Brunnen oder Küßnacht? – |

Das muß die Berechnung zeigen. Was an Kosten erspahrt werden kann, ist schon Gewinn; Küßnacht ist der Mittelpunkt des Waldstädtersees nach allen Direktionen und vermög seiner Lage wäre von da aus auf eine große Personalfrequenz hofen, nach allen Seiten des Sees, selbst bis in das bernerische Oberland. Hat nun Z diese Straße nach gesagten Plan organisirt, so kündet man die Unterhandlung der Eisenbahn auf und zeigt L. an, daß vermög neuern Anstalten L. mit Z. über Küßnacht sich in Verbindung setzen kann. Dadurch würde L. die Kosten einer Eisenbahn von wenigstens fünf Millionen erspahren. L. liegt es viel daran, mit Z. auf solche Art in Verbindung zu stehen, wird also diesen Vorschlag nolens volens annehmen. Dadurch entgeht Z. vieler Unannehmlichkeiten, die unvermeithlich sind. Diese Kommunikation würde von Zürich den Weg nach der Rigi zu Folge haben. Wie der Wassertransport von Küsnacht nach Flüelen und den ganzen Waldstädtersee systematisch zu ordnen wäre, ist ein Punkt, über den erst berathen werden kann, wenn Z beschlossen hat K. zu seinem Lagerplatz zu bestimmen. Wird Zürich sich zu Gunsten von K. entschließen, so würde ich mir sehr angelegen seyn lassen diesen Plan der Behörde von K. zu empfehlen, von der man gewis allen Vorschub zu erwarten hätte.|

Ich wünsche mich um Z verdient zu machen, und mir Ehre u. Zufriedenheit zu erwerben. Dan auch noch meinem Geburtsort nützlich zu seyn, welches ich von Herzen liebe.

Der Kanalbau, wird es heißen, ist ein spanisches Luftschloß, Dieses ist nicht zu behaupten, so lange man das Für und das Dawider nicht durch eine Equation nach Benjamin Franklinischer Art abgewogen hat. – Wie diese [lausige] ½ Million zu bekommen wären, könnte plausible gezeigt werden. Schon die Neugierde diesen Kanal zu sehen würde eine Menge Reisende anloken; gewis aber diejenige, welche den Rigi besuchen und deren Zahl ist nicht klein. Der Seltenheit wegen dürfte man im Anfange die Pläze hoch stellen.

Ein Herr Franzos sagte den Herren Segesser u Salzmann, daß er die Erbauung der Luzerner-Zürcher Eisenbahn für 5 Millionen übernemmen wolle. [Französische?] Fanfaronade! -Luzern könnte diesen Großhans dem Zürcherischen Comite als Garant redossiren.

Mit meinen vielen Briefen will ich Ihnen gar nicht lästig seyn. Zudringlichkeit liegt nicht in meinen Grundsätzen. Sie erweisen mir einen Gefallen, wenn Sie die Güte haben wollten, mir nur mit ein paar Worten anzuzeigen, daß meine Mitheilungen nicht benutzt werden können. Sie adressiren diesen Brief an Herrn J. Trutmann, Bezirksschreiber in Küsnacht, K. Schwiz.


Ihr Handbekanter