Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1624 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Samstag, 30. Mai 1857

Schlagwörter: Bundesgericht, Familiäres und Persönliches, Landsgemeinde GL, Neuenburger Frage (1848–1857), Reisen und Ausflüge, Ständerat, Vereinigte Bundesversammlung, Wahlen

Briefe

Glarus den 30. Mai 1857

Mein theurer Freund!

Ich ergreife die Feder, weil ich voraussetze, daß Du in Folge der außerordentlichen Einberufung der Bundesversammlung Deine Hochzeitreise um einige Tage abkürzen wirst. Lange würdest Du wohl ohnehin nicht mehr weggeblieben seyn u. es freut mich daher, daß meine Prophezeiung, daß die Neuenburger Angelegenheit Dich nicht in Deiner Reise stören werde, beinahe wenigstens in Erfüllung gegangen ist.

Vorerst nun habe ich Dir auf's herzlichste zu danken für Euern telegraphischen Gruß aus Bonn, der mich u. besonders auch meine Frau sehr gefreut hat. Wir haben vor- u. nachher oft an Euch gedacht u. uns herzlich gefreut des schönen Wetters, welches – vom Anfange abgesehen – Eure Reise begünstigte; schien doch die Natur selbst deinen «Wonnemond» mitzufeiern! Das | mitfolgende kleine Freundschaftszeichen möge Euch zu steter Erinnerung dienen an Eure «nunmehrigen Commilitonen» es ist nicht so poëtisch wie Dein Hochzeitgeschenk für mich es war, sondern hält sich mehr auf praktischem Boden, wie es Leuten von unserm Alter geziemt.

Ich habe seit der letzten Bundesgerichtssitzng ein ununterbrochnes häusliches Stilleben geführt, wie seit vielen Jahren nicht mehr, u. mich vorzugsweise mit der Fortsetzung meiner Rechtsgeschichte beschäftigt, welche hoffentlich bald im Druck erscheinen wird. Meinen Austritt aus der Eisenbahnverwaltung habe ich noch keinen Augenblick bereut; denn ich bin mit Vielem, was meine ehemaligen Collegen treiben, nicht einverstanden u. es fehlt mir jenes volle Vertrauen in die Zukunft des Unternehmens, ohne welches ein ersprießliches Wirken sich nicht denken läßt. Wird indessen, wie ich hoffe, das Ziel der Eisenbahnbestrebungen, die ich für meinen Kanton verfolgte, gleichwohl erreicht, so freue ich mich u. überlasse gerne Andern den Ruhm der Vollendung. |

Unsre Landsgemeinde hat wegen Regenwetters, das gerade an zwei Sonntagen eintrat, bis dahin nicht gehalten werden können u. ich warte daher noch meiner Bestätigung als Mitglied des Ständeraths. Erfolgt diese, so werden wir uns sehr bald wieder sehen; denn ich denke, Du wirst an deinem Posten in Bern wieder erscheinen wollen, so unangenehm Dir auch diese außerordentliche Sitzung seyn mag. Deine Frau wirst Du wohl für diese Sitzung, welche voraussichtlich nur einige Tage dauern wird, nicht mitnehmen; sollte es bei Euch anders beschlossen seyn, so möchte Dich ersuchen mir es anzuzeigen, denn meiner Frau würde es sich eigentlich jetzt besser als im Juli schicken, mich nach Bern zu begleiten u. dann in der Zwischenzeit bis zum Bundesgericht etwa eine kleine Schweizerreise mit mir zu machen. Indessen bei Euch sind eben die Verhältnisse ganz anders; Du wirst ohne Zweifel Deine Frau für die ordentliche Julisitzung mitnehmen, u. ich hoffe, daß es dann meiner Frau auch möglich seyn werde nach Bern zu kommen.

Mit den herzlichsten Grüßen u. Empfehlungen von uns beiden an Dich u. Deine Frau, wie auch an Deine Frau Mutter u. Schwester verbleibe

Dein treuer

J J Blumer.