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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B1622 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

In: Jung, Aufbruch, S. 241 (auszugsweise)

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Zürich, Freitag, 29. Mai 1857

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Haus und Garten (Bewirtschaftung), Krankheiten, Neuenburger Frage (1848–1857), Personelle Angelegenheiten, Reppischtallinie, Sihltallinie, Tunnelbau, Unglücksfälle, Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

E: G: EHRHARDT
Cantonsfürsprech
ZÜRICH

Mein bester Freund!

Zuerst will ich dem Auftrage deiner guten Mutter die Genüge leisten u. deiner Frau Gemahlin u. Dir deren wärmsten Dank für die eingelaufenen Briefe sagen. Wenn ich nicht deinen Egoismus zu beleidigen fürchten müßte, dürfte ich fast die Briefe der Frau Escher vor den Deinigen den Preis in den Augen deiner Mutter zuerkennen, nachdem was mir über den Eindruck mitgetheilt wurde. Recht traurig ist es aber, daß ich diesen Auftrag, den ich so eben erfüllte, nicht direct von deiner armen Mutter empfangen konnte, indem dieselbe seit gestern das Bett hüten muß, da sie leider von Ihren Anfällen heimgesucht worden ist. Schon die beiden vorhergehenden Tage war sie unwohler u. angegriffener, befolgte aber den Rath, sich Ruhe zu gönnen nicht, wollte aller Orten sein u. hatte wieder mannichfachen Verdruß wegen der Saumseligkeit der Arbeiter u. so ist es erklärlich, daß sie endlich zusammenbrechen, das Bett aufsuchen u. den Arzt beschicken mußte, der aber die Hoffnung gemacht hat, daß der Anfall sich nicht wiederholen u. die Folgen des überstandnen nicht zu anhaltend sein werden. Das Unangenehmste ist aber wieder, daß selbst im Bette sie weder Ruhe noch Befreiung von Sorgen u. Aerger findet; denn der Gedanke, daß im Belvoir Alles | noch so sehr im Rückstande sei u. daß Du vielleicht annehmen könntest, sie habe es an der erforderlichen Energie fehlen lassen, beunruhigt sie nach wie vor. Dr. Rahn erklärt das Leiden für nervös mit Einwirkungen von Gicht. So sehr wie deine Frau Gemahlin u. dich diese Nachricht schmerzen muß, so glaube ich doch den Trost hinzufügen zu dürfen, daß gefährlicher, wie in frühern Fällen, auch dies mal die arme Kranke nicht darnieder liege.

Nachdem was ich wiederholt geschrieben, wirst Du nicht glauben, daß im Belvoir Alles zum Empfange vorbereitet sei. In der Wirklichkeit ist in diesem Augenblicke noch kein Raum vollständig fertig u. wie es in ungefähr 8 Tagen aussehen wird, weiß der Himmel; ich wage gar keine bestimmte Ansicht zu äußern. Unter diesen Verhältnissen wünscht Frau Escher keine zu große Beschleunigung der Heimkehr; trotz ihrer Sehnsucht u ihrer Vakanzen auf der andern Seite. Nur Du kennst Deine Mutter u. wirst diesen Wunsch richtig verstehen.

Frau Stocker fand ich gestern weit wohler u. ruhiger wie früher. Alle übrigen befinden sich wohl u. lassen Frau Bürgermeister u. Dich bestens grüßen.

Die Bundesversammlung wird am 9. Juni eröffnet werden wegen der Neuenb Angelegenheit. Ich kann nicht glauben, daß jemand den Muth hat, auf Verwerfung anzutragen. Herrn Kern hatte die | Aufmerksamkeit, Dich telegraphisch vom Unterzeichnen des Vertrages zu benachrichtigen. Wenn Du nicht nach Bern gehen willst, solltest Du jedenfalls noch nicht in Zürich sein, sonst würde man es dir übeldeuten.

Im Hauensteintunnel ist gestern beim Sprengen ein Einsturz erfolgt u. 55 Menschen sind jetzt noch verschüttet, ohne Hoffnung auf Rettung. Das ist mehr als fürchterlich!

In der Eisenbahnfrage «Sihlthal oder Baldern?» neigt sich alles wie es scheint auf die Reppischlinie.

Pfingsten gehe ich 3 Tage nach Aarau, wo ich Augenschein gebe.

Zum ersten mal muß ich schließen, ohne die vier Seiten zu füllen; wobei Du übrigens nicht viel verlieren dürftest. Ich habe dieser Tage noch viel fertig zu machen, was nicht aufschiebbar ist.

Deine Bekannten tragen mir stets Grüsse auf u Heichel wird das nächstemal (?) einen Brief beifügen.

Empfehle mich der Frau Bürgermeister, der Frau Oberst Uebel u. Fräulein Anna aufs das Angelegentlichste.

Dir einen treuen u. herzlichen Freundesgruß.

Stets Dein

Er

Zürich
29. Mai 1857