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Korrespondenz: Alfred Escher – Oswald Heer

AES B1621 | ZBZ Nachl. O. Heer 184.2

In: Jung, Aufbruch, S. 259–260 (auszugsweise)

Oswald Heer an Alfred Escher, Zürich, Sonntag / Montag, 24. / 25. Mai 1857

Schlagwörter: Berufsleben, Familiäres und Persönliches, Flora und Fauna, Haus und Garten (Bewirtschaftung), Krankheiten, Personelle Angelegenheiten, Reisen und Ausflüge

Briefe

Zürich 24 Mai 1857.

Mein theuerster Freund!

Es hat mich ungemein gefreut aus Deinem l. Briefe vom 9 h. m. zu vernehmen, daß Eure Reise einen glücklichen Fortgang nimmt und das rauhe, unfreundliche Wetter, das wir anfangs hatten, Deiner Gesundheit nicht nachtheilig war. Ich war in der That Deinetwegen besorgt, wie es scheint werden aber unsere Hoffnungen, daß Du neu gestärkt und gekräftigt zu uns zurückkehren werdest, in Erfüllung gehen. Dazu wird das unvergleichlich schöne Maien-Wetter, das wir nun seit Anfang des Mo nates haben, gewiß sehr viel beitragen, obwol die große Hitze, die in Wien noch drückender sein wird, als hier, Euch etwa einmal belästigen mag. Ich habe Wien noch in frischem Andenken und begleite Euch im Geiste auf Euern Ausflügen, die Euch des Intereßanten und Neuen vieles darbieten werden. Auf der Heimreise solltet Ihr von Linz aus nach Gmunden fahren; die Gegenden von Gmunden über Ebensee Ischl , Wolfgangsee , St. Gilgen bis nach Salzburg , sind in der That ausnehmend schön und in jetziger Jahreszeit besonders reitzend. Mit der Heimkehr aber müßt Ihr nicht so sehr eilen. Du hast, mein lieber Freund, nun während einer langen Reihe von Jahren Dir fast keine Erholung gegönnt, bist immerwährend in einem Meer von Geschäften gewesen; jetzt ist Dir endlich einmal ein Ruhepunkt zu Theil geworden, der für Dein Gemüth wie Dein körperliches Wohlbefinden vom wohlthätigsten Einfluße sein wird; die Genüße, welche die Reise darbietet, werden vervielfacht | dadurch, daß Du sie mit einem so theu'ren Wesen theilen kannst und die mannigfaltigen und schönen Bilder, die Ihr in Euch aufnehmet werden Euch doppelt theuer werden, da so viele Erinnerungen Eueres innigen, geistigen Zusammenlebens und Ideenaustausches in sie hineingelegt werden; sie werden Euch durchs ganze Leben begleiten und Ihr werdet damit die Zimmer Eueres geistigen häuslichen Heerdes aufs Schönste ausschmücken! Genieße darum diese schöne Zeit in vollen Zügen; sie kehret nie wieder im Leben! Unendlich würde ich mich freuen, wenn ich etwas dazu beitragen könnte, daß Du sie in ungetrüb tester Gemüthsstimmung genießen könntest. Zu meinem größten Leidwe sen muß ich Dir aber sagen, daß dieß nicht der Fall ist, indem über der Besetzung der Gärtnerstelle ein ganz besonderes Mißgeschick waltet und wir jetzt nicht weiter sind, als zur Zeit Deiner Abreise. Gleich nach Empfang Deines Briefes habe an Blattner geschrieben und da mündlich die Sache leichter und sicherer abgethan werden konnte, habe ihn hierher kommen laßen. Heute vor 8 Tagen war er bei mir und wie Dir Freund Ehr hart geschrieben haben wird, glaubten wir damals der Sache in Ordnung. Ich habe ganz im Sinne Deiner Weisungen mit ihm gesprochen und aus der Art und Weise wie er dieß aufgenommen und überhaupt sich über die Aufgabe, die ihm werde, aussprach, hatte ich die Ueberzeugung gewonnen, daß dieser Mann sich in der That trefflich für die Stelle eignen würde. Nur mißfiel mir, daß er noch von Wein sprach und ferner | von Pflanzland, um Gemüse für seine Familie darauf bauen zu können. Ich habe ihm in Betreff dieser Punkte gesagt, daß ich keinerlei Vollmachten habe ihm sowas zuzusagen, daß aber nach Meiner Ansicht von Lieferung des Weines keine Rede sein könne, wogegen ein par Gartenbeete zum Anpflanzen von Gemüse vielleicht von Dir würden bewilligt werden, wenn Du mit seinen Leistungen völlig zufrieden seiest. Da er sich mit dieser Auffaßung einverstanden erklärte und sein bestimmtes Jawort abgab, wenn Herr [Fehr] ihm die Aufkündung auf die bestimmte Zeit abnehme, hielt ich die Sache für erledigt. Auch in Betreff des Gehilfen hatte ich das Nöthige mit ihm verabredet und der Eintritt sollte auf Mitte August Statt finden. Da erhalte ich letzten Mittwoch einen Brief worin er nun anzeigt, daß seine Frau welche schon seit 5 Jahren an Schwermuth leide, durch seine Absicht seinen Wohnort zu verändern in einen so krankhaften Zustand versetzt worden sei, daß «mehrere Ärzte es ihm verbieten eine Aenderung vorzu nehmen, insofern er nicht seine Frau absichtlich zu Grunde richten wolle». Und somit waren plötzlich meine Hoffnungen, die ich auf diesen Mann gesetzt hatte, zu Waßer geworden. Da ich Hr. Ortgies gebeten hatte auf seiner Hochzeitreise nach Stuttgart und Frankfurt sich nach einem Gärtner zu erkundigen, mußte ich seine Zurückkunft abwarten um mit ihm die Sache zu besprechen. Er hatte sich nach München an seinen Freund Effner gewendet, welcher an die Stelle, einen Georg Burkhard , Gehilfe in der Blumentreiberei zum königl. Wintergarten (Triftgang N. 1.) empfiehlt. Dieser nun wäre geneigt die Stelle anzunehmen, frägt aber nach, ob die Stelle nur | für kürzere Zeit oder aber lebenslänglich sei und ferner ob die Gärtnerei der Art sei, daß sie Gelegenheit biete, sich auszuzeichnen und ob sie Zeitgemäß vorwärts schreite. Die letztere Bemerkung scheint zu sagen, daß er mehr Blumengärtner ist, doch hatte er Gelegenheit sich auch in der Landschaftsgärtnerei auszubilden. Er war in der Landesbaum schule zu Herrenhausen u. auf dem Berggarten; später in dem kleinen Garten zu Schönhausen bei Berlin , dann bei Handelsgärtner Priem in Berlin , von wo er nach Schoenbrunn bei Wien kam; später in die Handelsgärtnerei Gräber in Wien u. zu Hr. Beer u. 1852 in die Blumentreiberei zum Wintergarten in München . Wie Hr. Ortgies versichert ist Hr. Effner ein zuverläßiger Mann, so daß auf seine Empfehlung zu gehen sei. Da mir Burkhard aber keineswegs allen Anforderungen, die Du gerade für Deinen Zweck im Auge hast, zu entsprechen scheint und ferner Du jedenfalls in naher Zeit nach München kommen wirst, möchte ich in dieser Sache keine entscheidenden Schritte thun, sondern Dich bitten den Mann dann zu Dir kommen zu laßen . Es ist immer sehr gut, wenn man die Leute sehen und sie sprechen kann, indem man da in einer Viertelstunde sich ein sichereres Urtheil über dieselben bilden kann, als durch alle briefliche Mitthei lungen. Ich werde ihm daher durch Ortgies schreiben laßen, daß Du bei Deiner Anwesenheit in München ihm werdest das Nähere mittheilen. In zweiter Linie hat Hr. Effner einen Meier Gehilfen im Garten des Prinzen Adalbert empfohlen. – Unterdeßen werde ich meine Erkundigungen fortsetzen und Dir das Resultat jedenfalls nach München mittheilen und bitte | Dich diese abzuwarten bevor Du mit Burkhard sprichst, indem ich immer noch hoffe, beßere Vorschläge Dir machen zu können und jeden falls es so einrichten werde, daß Du bald möglich diese erhälst. Ich habe nach Basel geschrieben, ferner mich nach dem Gärtner des Hr. Laui er kundigt. Ein tüchtiger junger Gärtner Namens Theiler von Hirslanden sei Gehilfe bei Hrn. Delessert in Passy bei Paris , wie mir Heusser sagt, der mir ferner einen Hüssi Gärtner in Richtensweil empfiehlt. Es sei dieß ein Mann ähnlich wie Blattner . Ich werde über diesen mich noch genauer erkundigen. Immerhin wird leider die Anstellung des neuen Gärtners sich unter diesen Umständen noch länger verzögern, allein die Sache läßt sich nicht ändern, so gerne ich es auch möchte. Denn es wäre gut wenn in Belvoir bald ein andrer tüchtiger Gärtner hinkäme, da Otto seinen Pflichten nicht nachkommt. Was den Untergärtner anbetrifft, weißst Du, daß Huber nach Basel gegangen ist; unterdeßen versieht ein gewißer [Resemann?] die Stelle, welcher sonst bei Heusser arbeitet und da täglich 2½ Fr. sammt «Nüni und Abendbrodt» bekommt. Ich habe heute mit Heusser darüber gesprochen, daß dieser bleibt, bis ein neuer Gehilfe ge funden, der am besten mit dem neuen Gärtner eintreten würde. Ich habe mit Heußer auch wegen den neuen Anlagen gesprochen und ihm meine Verwunderung ausgesprochen, daß die Bäume u. Sträucher so dicht in einander gesetzt wurden, weil manches so zu Grunde gehen muß und auch die übrigen bei dieser dichten Stellung nicht gut sich beasten und oft ein häßliches Aussehen bekommen. Er behauptet aber, daß Du es so habest haben wollen, um schnell eine volle grüne Maße zu | erhalten. Du hast aber daran nicht gut gethan. Solche Dinge laßen sich nicht erzwingen; da muß man Geduld, recht viel Geduld haben. Du weißst daß Dein theurer Vater von diesem u. jenem Baume oft gesagt hat, ja jetzt sieht er noch ärmlich aus, aber die Kinder u. Kindeskinder werden sich einst deßelben erfreuen. Und so können auch die neuen Anlagen erst in einigen Jahren ihre volle Wirkung thun. – Zum Auspflanzen war der ganze Monat Mai sehr ungünstig, eben weil das Wetter so schön und trocken war; heute aber haben wir einen wohlthätigen Regen und Heusser verspricht dieß zu benutzen.

Als ich gestern Abend in Belvoir war, traf ich die gute Frau Escher in einem wahren Fieber von Geschäften. In allen Zimmern wird gearbeitet; alle Arbeiten werden von Frau Escher überwacht und wie Dir wohl bekannt ist, weiß sie mit einem seltenen Geschick die Arbeiten der verschiedenen Handwerker so einzurichten, daß sie sich nicht gegenseitig stören und hindern. Da werden aber ihre wohl über dachten Plane auf allen Seiten durchkreutzt, indem bald der Vergolder sein Versprechen nicht hält, bald der Tapezirer ausbleibt und dadurch die Arbeiten ungemein [...?] verzögert werden. Der letztere ist nun vollends nach Bern verreist und hat Alles im Stich ge laßen und ebenso der Vergolder. Unter Thränen hat sie mir gestern geklagt, wie sie mit dem besten Willen und trotz der größten Anstrengungen (sie hatte gestern nicht einmal Zeit das Frühstück zu nehmen und konnte während diesen herrlichen Tagen nie auch nur ¼ Stunde lang sich ins Freie begeben) nicht im Stande | sei Alles bis zu der bestimmten Zeit in Ordnung zu bringen. Auch hier heißt es daher, mein Lieber, Geduld, Geduld. Wenn nun freilich der Zustand der Anlagen Deine baldige Heimkunft sehr wünschens werth machen muß, so muß dagegen anderseits der Zustand des Hauses, die noch unvollendeten Zimmer, die noch nicht angekommenen Meubles u. s. w. es sehr rathsam machen, daß Du Deine Reise noch verlängerst, damit Du nicht alles noch in großer Unordnung antreffest. Im Uebrigen traf ich Frau Escher nach Umständen in ziemlich leidlichem Zustand, nur wäre auch für sie Ruhe und Erholung sehr zu wünschen. Natürlich machen ihr auch diese Gärtnergeschichten viele Sorgen, dann wieder daß eine neue Köchin gesucht werden muß, vor allem aus aber, daß Frau Stocker seit einiger Zeit wieder an ihren Bangigkeiten leidet. Die liebe theure Frau kommt leider nie dazu ihres Lebens froh zu werden und würde dieß doch in so hohem Grade verdienen. Doch wird, so Gott will, das häusliche Glück, das Dir beschieden ist, auch das Ihrige erhöhen und das Bewußtsein nicht nur von einem so theuren Sohne, sondern auch von einer trefflichen Tochter, die ihr neu geworden, geliebt und geachtet zu werden ihren Lebensabend verschönern und ihre Körperleiden erträglicher machen.

Ich habe mich in letzter Zeit viel in Gedanken mit Deinem theuren seligen Vater beschäftigt und an meiner Seele die vielen schönen Bilder meines Lebens in Belvoir vorübergehen laßen. Sie sind dadurch aufs Neue aufgefrischt worden, zugleich aber auch meine Verehrung und Liebe zu ihm. | So eben berichtet auch Hr. Erhart , daß dieser Brief Dich nicht mehr in Wien treffen würde und nun nach München addressirt werden könne, wo Du wahrscheinlich nächsten Freitag anlangen werdest. Ich laße ihn daher abgehen, werde Dir aber, wenn ich in der Gärtnerangelegenheit was Neues erfahre, sogleich darüber Nachricht geben. Es wird nun doch am besten sein, wenn Du sogleich den Burkhard zu Dir kommen läßt und Dir den Mann ansiehst; da Deine Rückreise schneller von Statten gieng, als ich es erwartet habe, weiß ich nicht ob es möglich sein wird Dir bestimmte Vorschläge von hier aus Dir noch nach München zukommen zu laßen; denn wenn ich auch nach verschiedenen Seiten geschrieben habe, so kann man nie wißen, wann Antwort kommt, und wer sie bringt. Gefällt Dir Burkhard, so wirst Du wohl sogleich mit ihm die Sache in Ordnung bringen.

Was den Oben erwähnten Hüssi betrifft, so ist dieser ver heirathet (habe 1 Kind) und man müßte ihm wohl ähnliche Propositionen machen wie dem Blattner.

Ich bitte Dich Deine l. Frau Gemahlin aufs herzlichste zu begrüßen und mich der Frau Uebel und Fräulein Anna freundlichst zu empfehlen.

Mich ungemein auf Eure Heimkehr freu end doch wünschend, daß Ihr sie nicht zu sehr beschleunigen möget

Dein treu Ergebner

Oswald Heer

Montags morgen.