Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B1620 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Zürich, Samstag, 23. Mai 1857

Schlagwörter: Eisenbahnanschluss an ausländische Netze, Familiäres und Persönliches, Haus und Garten (Bewirtschaftung), Krankheiten, Neuenburger Frage (1848–1857), Personelle Angelegenheiten, Presse (allgemein), Regierungsrat ZH, Reisen und Ausflüge

Briefe

F: G: EHRHARDT
Cantonsfürsprech
ZÜRICH

Zürich, den 23. Mai 1857.

Mein Herzensfreund!

Der Brief an deine gute Mutter, den ich gelesen habe u. die telegraphische Depesche von gestern geben uns allen die Gewißheit, daß Frau Escher u. du dich vortrefflich befinden u. daß die längste Zeit deiner u. deiner Frau Gemahlin Abwesenheit verstrichen ist. So sehr wie ich u. alle deine Verwandten u. Freunde sich auf die Rückkehr freuen, so hätten wir dennoch es sehr zu bedauren, wenn Du – Deine Reise – wie es fast nach dem Briefe an deine Mutter scheint – wegen deines Geschäftseifers verkürzen würdest. So sehr, wie auch deine Collegen in der Direction wünschen müssen mit dir (: oder richtiger unter Dir: ) zu arbeiten, so sind die Geschäfte nicht der Art u. Dringlichkeit, daß es nicht möglich wäre, auch bei einer etwas längern Abwesenheit deinerseits durchzukommen. Benütze die Zeit, die dir so karg zu Erholungen zugemessen ist u. die dir niemals wieder kehren wird, bis zu dem letzten möglichen Augenblicke. Zu den Geschäften kommst du zeitig genug zurück u. leicht dürftest du lange warten, bis ein Moment wieder kehren wird, in welchem die Geschäfte selbst dir es so erleichtern würden ganz ungestört dir u. deinem Glücke leben zu können. Bist du einmal wieder in den leidigen Geschäftskarren eingespannt, so wird in Eisenbahnsachen | u. Politik sich so allerlei anspinnen, daß Du Dich der thätigen Theilnahme beim Abspinnen nicht wirst entziehen können u. du für längere Zeit der größern Freiheit wirst Adieu sagen müssen. Prüfe das was ich Dir sage ernstlich u. sollten wir verschiedener Ansicht sein, so ersuche Frau Escher, daß sie die Stelle eines Obmanns übernehmen möge.

Angeschlossen findest du: 1) den Brief von D. an Rüttimann. Auf welchen die Direction natürlich nichts gethan hat. Baden fängt an, sich auf das hohe Roß zu setzen; allein ich denke man wird jedenfalls bauen u. das Uebrige wird sich finden. 2) Das Resume der erst vorgestern an den RR eingekommenen Expertise der HHerrn Pestalozzi u. Wild. Was deine Collegen dazu sagen weiß ich nicht; sie haben erst durch die N.Z.Z. von der Sachlage Kenntniß empfangen u. ich habe seither keinen derselben gesprochen. Ebenso weiß ich nicht wie unsre Regenten die Sache ansehen. Fast nehme ich an, daß das neue Project viele Liebhaber finden wird. Sulzer gefällt es; doch erfuhr er das Erste darüber von mir selbst u. war somit noch ganz in der Angelegenheit, als ich ihm sprach; Franz war dagegen, weil Zürich abgeschnitten werde. Andre habe ich noch nicht gesprochen.

Was wir über Neuenburg wissen, kannst Du aus jeder Zeitung entnehmen. Hoffentlich wird die Sache bald zu Ende gehen; selbst wenn wir die Million besolden müssen; worüber unsre Unzufriedenen sehr unzufrieden sind!! |

Im Belvoir hat die chaotische Unordnung den höchsten Gipfel erreicht, trotz dem, daß Deine gute Mutter ihn von früh 6 Uhr bis Nachts zu steuern u. dabei sich mit einem Minimum an freiem Platz zu begnügen sucht. Gestern empfing sie mich im Zimmer vom Pfarrer u. da kein Platz war, einen Tisch zu benützen, mußte ich allerlei auf den Knien schreiben. Alles geht weit langsamer als wie man glaubte u. wie versprochen worden war. Am schlechtesten benimmt sich Gull, der erst gestern die Umhänge von St Gallen bekommen haben will u. somit auch erst gestern mit Aufmachen begonnen; morgen aber nach Bern gehen wird, freilich versprochen hat Mittwoch nach Pfingsten zurückzukommen u. seine Arbeiten fortzusetzen; die Meubeln aber jedenfalls später liefern wird. Bereite somit Frau Escher darauf vor, allerlei noch unfertig zu finden. Auch im Garten ist noch vieles zu machen u. ein Theil der neuen Anpflanzungen, besonders die Stechpalmen – die zu sehr beschattet sind – will nicht recht gedeihen. Das Unangenehmste ist aber, daß Plattner abgeschrieben hat. Aus Rücksichten gegen seine Frau, die sich nicht entschließen kann nach Zürich zu gehen. Heer u. ich glaubten seines Kommens ganz sicher zu sein u. bedauren sehr seine Renitenz, denn, wie ich früher bemerkte, er hat uns gut gefallen. Die erneuerten Bemühungen von Heer sind für diesen Augenblick noch erfolglos gewesen. |

Die Köchin wird bestimmt mit dem Ziele austreten. Deine gute Mutter, die sie sehr wegen ihres Benehmens, gerade in der letzten Zeit lobt, ist deshalb sehr besorgt, wie dieser für sie so wichtige Platz wird besetzt werden.

Alle diese Vorgänge die ich dir angeführt habe, beunruhigen u. regen deine arme Mutter sehr auf, dabei gönnt sie sich keinen Augenblick Ruhe u. so ist es erklärlich, daß sie sich oft angegriffen u. matt fühlt. Wäre sie zu bewegen, Alles ruhiger aufzufassen u. sich Ruhe zu gönnen, so würde sie jedenfalls sich auch wohler fühlen; doch glaube ich trotz dem sagen zu dürfen – aber freilich ganz unter uns –, daß es ihr im Ganzen recht erträglich geht u. daß du sie weit wohler finden wirst, als bei deinem Weggange. Von Frau Escher u. dir spricht sie, besonders wenn wir allein sind – u. du weist ja, daß sie dann ganz offen gegen mich ist – mit großer Zärtlichkeit u. den besten u. festesten Hoffnungen für die Zukunft. Der Hauptkummer für sie ist, daß bei der Rückkehr noch nicht Alles in Ordnung sei u. daß Frau Escher u. Du vielleicht glauben möchten, sie trage daran mit Schuld.

Frau Stockar leidet viel an Bangigkeit, sonst sind Alle wohl u. gesund u. lassen deine Frau Gemahlin u. dich aufs herzlichste grüssen. Deine Bekannten u. Freunde tragen mir das Gleiche auf, besonders dein Stellvertreter Oberst Heinrich, der wo er mich sieht, sich warm nach dir erkundiget. Heichels neuer Ehestand möge sein Schweigen entschuldigen; trotz dem, daß er mir stets einen Brief geben will. Adieu, mein Herzensfreund! Die besten Empfehlungen u. Grüsse an Frau Escher u. Dich.

Dein treuer Freund

Er.

Der «Graue» wird nach Johanns Bericht bei deiner Rückkehr wieder berauchsfähig sein|

Schreibe, wann du hier ankommen wirst. Kann ich, so komme ich vielleicht bis Romanshorn dir entgegen.