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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Rüttimann

AES B1619 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#422*

In: Jung, Escher Briefe, Band 5, Nr. 57 | Jung, Aufbruch, S. 481 (auszugsweise)

Johann Jakob Rüttimann an Alfred Escher, Zürich, Mittwoch, 20. Mai 1857

Schlagwörter: Chemin de fer de Lausanne à Fribourg et à la frontière bernoise, Compagnie Franco-Suisse (FS), Compagnie de Lyon–Genève (LG), Compagnie de l'Ouest-Suisse (Westbahn) (OS), Diplomatische Aktivitäten, Eisenbahnanschluss an ausländische Netze, Eisenbahnen Bau und Technik, Familiäres und Persönliches, Konflikte mit Drittstaaten, Neuenburger Frage (1848–1857), Reisen und Ausflüge, Schifffahrt, Schweizerische Centralbahn (SCB), Schweizerische Nordostbahn (NOB), Vereinigte Bundesversammlung, Vereinigte Schweizerbahnen (VSB)

Briefe

Zürich 20 Mai 1857

Lieber Freund.

Indem ich die Feder ergreife, kommt es mir vor, zwischen dem Tage, welcher für alle Zukunft der schönste in deinem Leben bleiben wird, & an den auch ich mich immer mit herzlicher Freude erinnern werde, & heute liege ein halbes Jahr in der Mitte.1 Wir befinden uns hier mitten im Sommer, & ich zweifle nicht daran, daß auch für dich & deine liebenswürdige Reisegefährtin die Herrlichkeit des Mai, der dießmahl so recht als Wonnemonath sich bewährt hat, eine nicht geringe Würze des Genußes gewesen sein wird. Doch, es liegt mir ob, dich weder über Natur noch Kunst, sondern über höchst prosaische Dinge zu unterhalten. Ich weiß zwar wohl, daß Gustav dich fortwährend mit Hinsicht auf Alles, was hier vorgeht, unterrichtet; doch habe ich mir vorgenommen, ihm wenigstens einmahl ins Amt zu greifen, & dir ebenfalls einen Sack voll Neuigkeiten zu schicken.

1. Neuenburg. Es liegt außer Zweifel, daß die Preußische Majestät H. v. Hatzfeldt2 instruirt hat, die Conferenzbeschlüße zu unterzeichnen & auf die Million zu verzichten. Unter diesen Umständen kann man wohl die Sache als abgemacht betrachten. Denn es ist doch kaum gedenkbar, daß man in Berlin wetterwendisch genug sei, um die Ratification zu verweigern, wenn einmahl die Bevollmächtigten ihre Unterschrift hingesetzt haben. Daß die Bundesversammlung ratificirt, versteht sich von selbst. – Es scheint die Reise des Prinzen Jerome Napoleon3 (le dernier effort) diese günstige Wendung herbeigeführt zu haben. – Ob die Bundesversammlung zur Behandlung dieser Angelegenheit (zur Ratification des Vergleichs) außerordentlich (vor dem 1 Julii ) einbe| rufen werden wird, davon verlautet noch nichts.4

2. Eisenbahn. Auf deinen Wunsch hin habe ich H. v. Dusch5 geschrieben & es ist nun gestern eine Antwort von ihm eingelaufen, die mir wenig befriedigend zu sein scheint. Baden will sich nicht verpflichten, keiner andern Bahn zwischen Waldshut & Schafhausen den Anschluß zu gestatten; es will Euern Schiffen nur in Constanz freie Ladung gestatten; es verlangt ca. 13 000 fcs jährlich für die Benutzung des Bahnhofs in Waldshut & der für Aufnahme der Nordostbahn zutreffenden Einrichtungen etc etc Die Direction beschäftigt sich heute mit den Propositionen des H. v. Dusch. Nach meinem Dafürhalten sollte man sich mit dem Antworten nicht beeilen, sondern bis zu deiner Zurückkunft warten; jedenfalls aber die Verpflichtung, daß keiner andern Bahn der Anschluß gestattet werde, zur conditio sine qua non6 der Fortsetzung der Unterhandlungen machen.7

In der Direction neigt man sich zu einer Verständigung mit dem Bezirke Affoltern in der Weise, daß (wenn die einzuholenden Gutachten nicht ungünstig ausfallen) man sich selbst zum Bau der Baldern-Bahn verstehen würde, wofern man dann gegen Verlängerung der Glattthalbahn oder der St. Gallischen Bahn auf wirksamen Schutz des Staates rechnen könnte.8 Letzteres ist aber eben der Haken. Dubs & seine Leute sind wohl mit Stämpfli & Comp. einerseits & mit den Matadoren der östlichen Bahnen anderseits so tief eingetreten, daß sie nicht beliebig einen Rückzug bewerkstelligen können. Es versteht sich, daß | officiell von der Direction aus gar nichts geschieht, sondern daß man bloß privatim & confidentiell durch Mittelspersonen in St. Gallen & hier das Terrain ein wenig sondirt. Ich habe H. Fierz, der immer mit St. Gallen Verbindungen hat, veranlaßt, einmahl den Gedanken einer Fusion hin zu werfen, bei welcher die Aktien erst nach Vollendung der Bahnen auf Grundlage der Betriebsergebniße zu werthen wären.

E. Pereire9 hat der Nordostbahn angeboten, die Fusion ohne die Centralbahn fest zu halten. Davon kann doch wohl keine Rede sein! Es scheint daß die Westbahn immerhin mit der Oron-Linie, mit Franco Suisse & mit LyonGenf die abgeschloßenen Verträge fest halten will. Dann kann es allerdings dazu kommen, daß die Centralbahn mit der Westbahn sich verständigt (in Basel liegt ihnen ja bloß daran, den Sitz der neuen Gesellschaft zu bekommen) & daß der so gebildete Verband mit der Union Suisse anknüpft, um die Nordostbahn in die Klemme zu treiben. Man braucht sich aber vor solchen Eventualitäten nicht all zu sehr zu fürchten; & am wenigsten soll man ins Waßer springen, um nicht naß zu werden. Die Lage der Nordostbahn ist gut; selbst wenn sich Alles gegen sie verbinden würde. Sie darf daher einsweilen eine Politik des Zuwartens befolgen. Während der nächsten Bundesversammlung wirst du wohl Gelegenheit haben, nach allen Seiten hin Wahrnehmungen zu machen & den besten Anknüpfungspunkt heraus zu finden.

Zwicky10, der nun wieder hier ist, blüht wie eine Rose. Ich hoffe, daß dir der Honigmonath ebensogut bekommen wird. Ich empfehle mich deiner l. Frau auf das Angelegenste
& verbleibe von Herzen

Dein

J R

Kommentareinträge

1Gemeint ist Eschers Hochzeit vom 23. April 1857. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 251–255.

2 Maximilian Friedrich Karl Franz von Hatzfeldt (1813–1859), preussischer Gesandter in Paris.

3 Jérôme Bonaparte (1784–1860), Präsident des französischen Senats und kaiserlicher Prinz; Bruder von Napoleon I., Onkel von Napoleon III.

4Zur Behandlung der Neuenburger Frage wurde vom 9. bis 12. Juni 1857 eine ausserordentliche Session der Bundesversammlung abgehalten. Vgl. Kern, Repertorium I, S. 90–91.

5 Ferdinand von Dusch (1819–1889), Geschäftsträger des Grossherzogtums Baden in Bern.

6Conditio sine qua non (lat.): Bedingung, ohne die nicht; übertragen: unerlässliche Voraussetzung.

7Am 26. August 1857 kam ein Vertrag zwischen der Nordostbahn und der Grossherzoglich Badischen Eisenbahnverwaltung zustande, in dem die Herstellung der Verbindungsbahn zwischen Turgi und Waldshut geregelt wurde. Einen expliziten Ausschluss des Anschlusses anderer Bahnen enthielt der Vertrag nicht. Vgl. Geschäftsbericht NOB 1858, S. 15; Kessler, Nordostbahn, S. 19–25.

8Vertreter des Bezirks Affoltern waren bestrebt, die Linie von Zürich in die Zentralschweiz durch ihren Bezirk zu führen. Die anfangs beabsichtigte Streckenführung durch die Baldern wurde jedoch zugunsten einer Linie durch das Reppischtal aufgegeben. Die Reppischtalbahn entwickelte sich zum Schauplatz eines eisenbahnpolitischen Konkurrenzkampfes zwischen Jakob Stämpfli und Escher. Vgl. Geschäftsbericht NOB 1858, S. 6; Kessler, Nordostbahn, S. 30–31; Zur Eisenbahngeschichte, Meisterleistung der Zusammenarbeit: Die Reppischtalbahn.

9 Emile Pereire (1800–1875), Pariser Bankier, Gründer des Crédit Mobilier.

10 Heinrich Lukas Zwicky (1820–1884), Militärarzt an der Kaserne Zürich und Arzt an der kantonalen Strafanstalt Oetenbach in Zürich. Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, 5. Mai 1857, Fussnote 19.