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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B1613 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

In: Jung, Aufbruch, S. 258–259 (auszugsweise)

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Zürich, Montag / Dienstag, 11. / 12. Mai 1857

Schlagwörter: Chemin de fer de Lausanne à Fribourg et à la frontière bernoise, Compagnie Franco-Suisse (FS), Eisenbahnen Fusionen, Familiäres und Persönliches, Haus und Garten (Bewirtschaftung), Neuenburger Frage (1848–1857), Personelle Angelegenheiten, Schweizerische Centralbahn (SCB), Schweizerische Nordostbahn (NOB), Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

F: G: EHRHARDT
Cantonsfürsprech
ZÜRICH

Mein bester Freund!

Soeben komme ich von Andelfingen zurück u. finde die telegraphische Depesche von Hamburg vor, die gestern Nachts hier angelangt ist. Um in jede Hinsicht sicher zu gehen, addressire ich diesen Brief nach Dresden; ich muß dies um so eher thun, da ich erst heute Abend im Belvoir allfällige Aufträge für dich empfangen werde, weshalb der Brief erst morgen, Dienstag, von hier abge hen kann. Unvorgreiflich dieser erst noch zu gewärti gende Aufträgen, bin ich in der Lage dir sehr weniges von Interesse mittheilen zu können; zu diesen Wenigen rechnen ich vor Allen Dingen die endliche Rückkehr Zwickis, der Sonntag hier angekommen ist. Zwar habe ich ihn noch nicht gesehen, allein, daß er wohl u. gesund sei, habe ich bereits vernommen.

Von Eisenbahnsachen kann ich dir nichts Neueres mittheilen, als was du aus frühern Briefen erfahren hast. Da man das Scheitern der Fusion als eine entschiedene Sache betrachten muß, beschränkt sich die Thätigkeit der Direction auf die laufenden Geschäfte, von denen ich – selbst wenn sie wichtiger wären, als sie es sind – Dir nichts schreiben werde, um dich so wenig, wie möglich an Geschäfte zu erinnern. An Dusch hat R geschrieben, sofort nach deinem Briefe.

Wegen Neuenburg wissen wir hier nicht mehr, als wie Du aus allen Zeitungen erfahren haben wirst. Jedenfalls scheint es mit der Bundesversammlung nicht sehr zu pressiren.|

Wenn ich erst vor Schliessen des Briefes auf das Belvoir zu sprechen komme, so wirst zu Du dies wegen des im Eingange bemerkten entschuldigen. Deine gute Mutter, die ich wiederholt gesehen habe u. die mir gestern die wärmsten Begrüßungen für dich u. Frau Escher aufgetragen hat, befindet sich für die Zustände erträglich. Leider ist sie durch die häuslichen Bauten u. Veränderungen sehr ge plagt. Die Arbeiten rücken ziemlich langsam vorwärts, trotzdem daß sie hin u. wieder 10–12 Arbeiter im Hause hat. Namentlich nehmen die Arbeiten des Tapezierens viel mehr Zeit u. Mühe in Anspruch, als man früher erwartet hat. Auch ist es sehr zweifelhaft, ob die Meubeln für Ende dieses Monates fertig sein werden. Du kennst ja die leidige Uebung heutiger Arbeiter, Versprechungen nicht zu halten. Dazu sind neuer Verdruß u. Aerger mit den Dienstboten gekommen: Hut der zu einer Reise 3 Tage Erlaubniß bekommen hatte, blieb gerade die doppelte Zeit fort u. eine Intrigue gegen die Köchin macht es zwei felhaft, ob diese im Dienste wird bleiben wollen. Alles dies hält natürlich deine arme Mutter in einer immerwährenden Aufregung u. hindert es, daß sie sich die ihr erforderliche Ruhe gönnen mag. Bitten u. Rathen fruchtet nicht viel; etem, selbst bei dem besten Willen, wäre deine Mutter nicht im Stande, sich hinsichtlich ihrer Thätigkeit engere Gren zen zu ziehen. Auf diese Andeutungen will ich | mich beschränken. Ich wäre am liebsten mit Stillschweigen darüber hinweggegangen; allein Frau Escher wünschte, daß ich Alles dir, ausführlicher sogar, anzeigen sollte. Sage ihr in deinem nächsten Briefe einige Worte der Theilnahme darüber, damit sie sieht, daß ich meinen Auftrag nicht unerfüllt gelassen habe u. hauptsächlich, daß sie von deiner Theilnahme, worauf sie großes Gewicht legt, überzeugt ist.

Zwicki habe ich gestern gesehen. Er ist vermuthlich noch dicker u. röther zurückgekehrt. Mit seiner Reise ist er sehr zufrieden, trotz des ungünstigen Wetters u. läßt dich aufs herzlichste grüssen. Seine Frau empfiehlt sich Frau Escher u. dir bestens.

Laß dich übrigens, mein bester Freund, durch die kleinen Unannehmlichkeiten – denn das sind sie am Ende doch – die ich dir geschrieben habe u. die der Brief von Frau Stockar noch weiter ausführen wird, nicht zu sehr affizieren. Genieße die Wochen, die Du noch ganz für dich haben wirst ungetrübt im Gefühle deines Glückes u. verschiebe Alles, was dich unangenehm berührt auf deine Heimkehr, bei der Du am Ende Alles besser finden wirst, als wie es sich in der Ferne darstellt.

Von deinen Bekannten die besten Grüsse.

Meine besten Empfehlungen an Frau Escher für dich aber meine wärmsten, innigsten Grüsse.

Stets Dein

Er.

Zürich. den 11/12 Mai 1857.