Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B1611 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

In: Jung, Escher Briefe, Band 5, Nr. 55 | Jung, Aufbruch, S. 257 (auszugsweise), 260 (auszugsweise), 476 (auszugsweise)

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Zürich, Dienstag, 5. Mai 1857

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnanschluss an ausländische Netze, Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Fusionen, Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Grosser Rat SG, Haus und Garten (Bewirtschaftung), Regierungsrat ZH, Schweizerische Nordostbahn (NOB), Sihltallinie, Vereinigte Bundesversammlung, Wahlen

Briefe

F: G: EHRHARDT
Cantonsfürsprech
ZÜRICH

Mein theuerster Freund!

Den aufrichtigsten, wärmsten Dank für Deinen freundlichen herzlichen Brief1 von Coblenz .2 Zweifle ich auch nie an Deiner Freundschaft u. Theilnahme für mich – welche Gründe könnte ich auch dafür haben? – so thut es mir doch jedesmal wohl, die erneuerten Versicherungen der selben von Dir zu hören. Ich zweifle nicht dran, daß wir uns stets so nahe bleiben werden, wie wir es bis anhin gewesen sind u. wenn Frau Escher so freundlich ist, Deinen Empfindungen für mich ihre Theilnahme nicht zu versagen, so liegt drin ein wesentliches neues Motiv, den Bestand meiner Beziehun gen zu Dir zu conserviren u. zu festigen. Freilich wird sie mit mir oft die gleiche Nachsicht haben müssen, welcher ich mich seit zehn Jahren im Belvoir stets zu erfreuen hatte u. deren ich nur zu oft bedürftig bin. Frau Uebel war bei meinem Abschie de von ihr sehr gütig u. freundschaftlich gegen mich u. ich hoffe, daß sie, diese Gesinnung stets gegen mich bewahren zu können, in meinem Handeln Veran lassung finden wird. Wir haben offen über Vieles gesprochen u. ich zweifle nicht, daß sie beruhigt u. im besten Vertrauen auf die Zukunft, Zürich verlassen hat. Wenn ich Dir zugleich sage, daß auch Deine | gute Mutter sich in der gleichen Stimmung befindet, so glaube ich, daß diese Mittheilungen dazu beitragen werden, Dich u. Frau Escher über Manches zu beruhigen u. diese u. jene Befürchtungen zu zerstreuen. Deine Mutter hat gestern sich so ruhig u. verständig, so liebevoll über Deine junge Gattin gegen mich ausgesprochen, daß ich glaube annehmen zu dürfen, daß viele der jüngsten Zerwürfnisse auf gegenseitiger Verkennung von Absichten u. Individualitäten beruht haben. Hier wird die Zeit, u. ich hoffe die kürzeste Frist, heilend u. berichtigend einwirken müssen, da ja alle Betheiligten den gleichen Wunsch haben: ein glückliches Zusammenleben Aller zu begründen u. zu festigen.

Das Befinden Deiner guten Mutter ist, nach Aller Beurtheilung, so beruhigend, wie es in ihren Verhältnissen sein kann. Freilich klagt sie viel; allein Du kennst ja ihre kleine Schwäche, sich für leidender zu halten, als es wohl öfters der Fall ist. Schreibst Du ihr, so thust Du besser, sie wegen ihrer Gesundheit zu trösten, als deine Freude über ihr Wohlbefinden auszuspre chen. Sie ist jetzt sehr beschäftigt mit den neuen Anordnungen im Hause u. in der That ist jetzt kein noch so kleiner Raum im Belvoir frei von den Spuren des Derangements für zukünftige Arrangements. Sonst ist Alles wie früherer Status quo3 . Nur Huber4 , der einen guten Platz in Basel bekommen hat, ist gestern aus dem Dienste getreten. Er wird pro tempore 5 durch Schoch 6 ersetzt werden.|

Ueber die Eisenbahnangelegenheiten hat Dir Herr Peyer geschrieben , deshalb füge ich nur bei, daß die Direction fest überzeugt ist, daß die Fusion an der Unredlichkeit der Basler scheitern werde, die nie ernstlich gewollt haben. Die Pariser7 , welche für gestern ihren Besuch in Zürich an gekündigt hatten, sind nicht gekommen, wahrscheinlich von Basel anders disponirt. Man präparirt sich hier auf den Fall des Scheiterns der Fusion u. hat folgendes Programm: Beharren auf der isolirten Stellung für die Zukunft, Ausführung der Bahnbauten nach Waldshut u. Luzern u. s. w. Letzteres je nach dem Beschlusse des hiesigen Großen Rathes sowohl durch das Sihlthal als durch das Knonauer Amt .8 Dies ist die vorläufige Ansicht der Direction, wie mir Herr Hüni9 sagte u. auch Rüttimann stimmt derselben bei. Von Dusch10 hat letzterer keine weitern Mittheilungen empfangen. Ich glaube Du wirst Dich in die neue Situation auch zu finden wissen um so mehr da Du die glänzendste Aner kennung der Gesellschaft für Deine Bestrebungen em pfangen u. das Nichtzustandekommen in Verhältnissen, deren Du nicht influenziren konntest, seine Veranlassung hat. Zur Züchtigung von einigen Opponenten, besonders Schultheß11 , haben übrigens viele Deine Anwesenheit in der Generalversammlung gewünscht.12 Unerwartet gut sprach für Fusion u mit großer Anerkennung Deiner Bemühungen a OR Ulrich13 . Im RR hatte Sulzer14 auf Genehmigung, mit Verschiebung, angetragen. Dagegen waren Dubs u. Wild15 .

Ueber Politik könnte ich Dir nichts weiteres schreiben, als was Du in der A. A. Zeitung lesen kannst. Warum der Bundesrath die im Moniteur getadelte Publication hat eintreten lassen, trotz Kerns Gegenvorstellung, wissen wir hier zur Stunde noch nicht.16 Wenn ich Dir schrieb, Du solltest nicht zur nächsten außerordentlichen | Bundesversammlung17 zurückkehren, so war dies freilich meine höchst persönliche Ansicht in Deinem höchstpersönlichen Interesse. Ver schweigen darf ich freilich nicht, daß selbstverständlicher weise andre Deine Anwesenheit wünschen werde; obschon man an der Zustimmung der Bundesversammlung nicht zweifelt.

Hirzel18 von Wipkingen wurde Helfer beim Peter. Zwicki19 ist weder zurück gekehrt – noch wissen seine Verwandten wann er kommen wird; noch wo er ist. Er scheint fast mit seiner jungen Frau20 durchgegangen zu sein.

Für heute schließe ich. Vielleicht setze ich den Brief noch fort da ich ihn liegen lasse, bis ich erfahren habe wohin derselbe seinen Weg nehmen muß.

Die besten Empfehlungen an Frau Bürgermeister Escher u. an Dich meine wärmsten Grüsse.

Stets Dein

E.

Zürich, 5. Mai 1857.

Nachträge vom gleichen Tage

1) Die Arbeiten im Belvoir gehen ununterbrochen aber langsam vorwärts. Zur Zeit sind nicht weniger als 7 Arbeiter beschäftigt.

2) Befinden des Rößli wie früher; also nicht hergestellt.

3) über St. Galler Wahlen 2 Einlagen von N.Z.Z. u. Eidgen.21

4) Heer empfiehlt dringend seine Vorschläge, denen auch Deine Mutter beistimmte. Ein guter Gärtner für Fr 1200 ist jedenfalls einem schlechtern für Fr 9000 oder 800022 vorzuziehen.23 Alle tragen mir an Dich u. Frau Escher – oder richtiger an Frau Escher u. Dich – die besten Empfehlungen auf, namentlich Deine gute Mutter, Schwester24 , Schwäger25 , Tante26 u. Neffen27 . Heer, Rüttimann u. Direction (besonders Herr von Peyer). Eben war Herr Hüni, Dein ehrenwerther Vogt bei mir, erkundigte sich angelegentlich u. läßt sich bestens em pfehlen.

Nochmals die herzlichsten Grüsse u. Empfehlungen von Deinem

E.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Escher befand sich auf Hochzeitsreise in Deutschland. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 251–255.

3Status quo (lat.): Zustand, in dem sich etwas befindet.

4Person nicht ermittelt.

5Pro tempore (lat.): auf Zeit; vorübergehend.

6Person nicht ermittelt.

7Gemeint sind vermutlich die Vertreter des Bankhauses Crédit Mobilier, das als treibende Kraft hinter der Fusion stand. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 472–482.

8Die Nordostbahn verfolgte nach dem Scheitern der Fusion die von Ehrhardt angekündigten Projekte. Im August 1857 wurde ein Vertrag mit dem Grossherzogtum Baden für die Strecke TurgiWaldshut abgeschlossen. 1861 folgte die Konkretisierung der Linie ZürichZugLuzern, die am 30. Mai 1864 eingeweiht wurde. Vgl. Geschäftsbericht NOB 1858, S. 15; Jung, Aufbruch, S. 490–499.

9 Heinrich Hüni-Stettler (1813–1876), Nationalrat und Grossrat (ZH), Verwaltungsrat der Schweizerischen Kreditanstalt, Direktionsmitglied der Nordostbahn.

10 Ferdinand von Dusch (1819–1889), Geschäftsträger des Grossherzogtums Baden in Bern.

11Vermutlich Gustav Anton von Schulthess-Rechberg.

12Die Generalversammlung der Nordostbahn fand am 30. April 1857 statt. Vgl. Geschäftsbericht NOB 1857.

13 Johann Kaspar Ulrich (1796–1883), Verwaltungsrat der Nordostbahn.

14 Johann Jakob Sulzer (1821–1897), Regierungs- und Grossrat (ZH).

15 Felix Wild (1809–1889), Regierungs- und Grossrat (ZH).

16Das offizielle Organ der französischen Regierung, «Le Moniteur Universel», beschwerte sich darüber, dass Verhandlungsergebnisse der Pariser Konferenz zur Neuenburger Frage in Berner Blättern bekanntgemacht wurden. Die geheimen Unterhandlungen durften gemäss Verhandlungsprotokoll nicht an die Öffentlichkeit dringen, weshalb der «Moniteur» feststellte: «Cet abus du secret d'une négociation non encore terminée est d'autant plus regrettable qu'il pourrait en compromettre le succès.» Der französische Aussenminister, Alexandre Walewski, richtete eine Beschwerdenote an den Bundesrat. Dieser beauftragte Johann Konrad Kern, sich mit Walewski zu verständigen, worauf die Angelegenheit beigelegt werden konnte. Le Moniteur Universel, 4. Mai 1857. Vgl. Prot. BR, 4. Mai 1857; Prot. BR, 6. Mai 1857; Prot. BR, 8. Mai 1857; Prot. BR, 11. Mai 1857; Zur Schweizer Aussenpolitik und Aussenhandelspolitik der 1850er und 1860er Jahre, Diplomatische Schritte in Paris.

17Die ausserordentliche Session der Bundesversammlung wurde vom 9. bis 12. Juni 1857 abgehalten. Dabei wurde die Neuenburger Frage behandelt. Zur Schweizer Aussenpolitik und Aussenhandelspolitik der 1850er und 1860er Jahre, Neuenburger Konflikt 1856/57.

18 Heinrich Hirzel (1818–1871), Diakon am St. Peter in Zürich.

19 Heinrich Lukas Zwicky (1820–1884), Militärarzt an der Kaserne Zürich und Arzt an der kantonalen Strafanstalt Oetenbach in Zürich.

20 Maria Zwicky-Sevin (1838–1879), ab 1857 Ehefrau von Heinrich Lukas Zwicky.

21Beilagen nicht überliefert. – Gemeint sind Berichte zu den Grossratswahlen im Kanton St. Gallen vom 3. Mai 1857. Bei diesen konnten die konservativen Kräfte die radikal-liberale Dominanz brechen, so dass nach den Wahlen die Radikal-Liberalen und die Konservativen ungefähr gleich viele Grossräte stellten. Vgl. NZZ, 5. Mai 1857; Eidgenössische Zeitung, 5. Mai 1857.

22Verschrieb, wohl gemeint: «Fr. 900 oder 800».

23Zur Besetzung der vakanten Gärtnerstelle wurde ein längerer Briefwechsel zwischen Oswald Heer und Escher geführt. Vgl. Oswald Heer an Alfred Escher, 4. Mai 1857; Oswald Heer an Alfred Escher, 24. / 25. Mai 1857; Oswald Heer an Alfred Escher, 29. Mai 1857; Oswald Heer an Alfred Escher, 31. Mai 1857; Alfred Escher an Oswald Heer, 2. Juni 1857; Alfred Escher an Oswald Heer, 9. Mai 1857.

24 Clementine Stockar-Escher (1816–1886), Tochter von Lydia und Heinrich Escher; ab 1837 Ehefrau von Kaspar Stockar.

25 Kaspar Stockar (1812–1882), Besitzer des Kupferhammers (Werk, in dem Kupfer mittels Hammer oder Walzen bearbeitet wird) am Hegibach in Hirslanden (Zürich), Bergrat.

26Vermutlich Anna Escher (1783–1863), Tochter von Anna Escher-Keller und Hans Caspar Escher-Keller, Schwester von Alfred Eschers Vater Heinrich Escher.

27Gemeint sind Armin Stockar (1839–1909) und Egbert Stockar (1842–1903), die Söhne von Clementine und Kaspar Stockar-Escher.