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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B1608 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

In: Jung, Aufbruch, S. 256–257 (auszugsweise)

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Zürich, Sonntag, 26. April 1857

Schlagwörter: Eisenbahnen Finanzierung, Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Haus und Garten (Bewirtschaftung), Reisen und Ausflüge, Schweizerische Nordostbahn (NOB)

Briefe

F: G: EHRHARDT
Cantonsfürsprech
ZÜRICH

Mein theuerster, mein bester Freund!

Erlaube mir, daß ich dir u. deiner jungen Gattin nochmals meine wärmsten Herzens- u. Segenswünsche nachrufe; ich thue es um so eher, da an deinem Hochzeitstage ich in einer so befangenen Stimmung mich befand, daß es mir nicht möglich war, dir zu sagen, was ich empfand; doch darf ich – ich zweifle nicht dran – beruhigt sein, denn eine lange, genaue gegenseitige Berührung, hat dir die Ueberzeugung gegeben, daß, wenn mir auch das rechte Wort fehlen sollte, doch nie das rechte Gefühl für dich fehlt. Ich will vom Himmel nichts Anderes fordern als daß die Zukunft dir gerecht werde u. wenn dies dir beschieden ist, muß sie für dich eine reiche u. schöne werden. Deine Freundschaft wird mir auch in den neuen Verhältnissen wohl nicht fehlen u. vielleicht wird auch deine Gattin mir ihre Theilnahme nicht versagen. Von mir darfst du überzeugt sein, daß ich es an nichts werde fehlen lassen, um die innigen Beziehungen, in welchen ich bis jetzt zum Belvoir stand, stets zu fördern uaufrecht zu halten!|

Schon Freitags war ich bei Deiner guten Mutter, die ich für die Verhältnisse gefaßt u. ruhig fand. Ich habe die Ueberzeugung, daß die Ruhe, die jetzt für sie eintreten wird, ihr wohlthuend sein muß, daß sie sich an die Veränderungen gewöhnen u. daß durch diese Gewöhnung bei ihr unendlich viel – man darf sagen Alles – gewonnen ist. Von Deiner Frau sprach sie mit Zärtlichkeit u. war überhaupt sehr mild u. weich gestimmt. Es freute mich dabei sehr, zu sehen, wie eine gewisse Gerechtigkeit u. Billigkeit bei ihr Raum gewinnt u. das «stille Ueberdenken» von der jüngsten Vergangenheit wird in dieser Hinsicht förderlicher sein, als alle Verstellungen.

Hinsichtlich der Geschäfte, über die zu referiren ich versprochen, bin ich für jetzt nur in der Lage folgende Mittheilungen zu machen:

1) Die sämmtlichen N.O.bahn Obligationen

habe ich verkauft an Herrn Leonh. Pestalozzi

zu Fr 102, zahlbar bis zum 9. Mai unter

Berechnung des Zinses, bis zum Zahltage.

Herr Fierz rieth mir sehr, die Obligationen |

ja zu verkaufen. Ich war nämlich anfänglich zwei

felhaft ob ich es thun sollte, da der Verkauf

sich so schnell u. an ein Bankhaus machte.

2) Herr Nägeli wird morgen zahlen.

3) einen Brief von Bern lege ich bei, da ich denselben

nicht zu beantworten, im Falle bin.

4) von Eisenbahn u. Politik nichts Neues.

5) So eben läßt mir deine gute Mutter sagen, daß ich dir schreiben soll, daß sie sich erträglich befinde. Ich werde sie heute Abend sehen.

Von Herrn Stäheli ist als Geschenk ein silberner Korb mit dem beiliegenden Gedichte am Tage deiner Abreise angelangt; von Graf eine große Schachtel, welche aber – wie es scheint – noch uneröffnet geblieben ist.

Das kranke Pferd wird für 14 Tage nicht gebraucht werden können. Nach der Ansicht des Arztes liegt die Krankheit im Fuße, so daß innere Mittel nicht anwendbar sein dürften.

So eben war Behn-Eschenburg bei mir, um mir zu sagen, daß seine Verlobung mit Jungfer Wasserberg aufgehoben sei. Ich habe nicht nach den Gründen gefragt, da ich mit dem Resultate allein vollkommen zufrieden bin.|

Endlich erhalte ich auch noch einen Brief von Herrn Schweizer, der Dir das Neuste in Eisenbahnsachen mittheilen wird u. von Frau Uebel, die Beilage für deine Frau Gemahlin.

Entschuldige die Form dieses Briefes, den ich von heute früh 7 Uhr bis Nachmittags 4 Uhr unter den mannichfachsten Unterbrechungen u. Störungen geschrieben habe. Die nächsten Mittheilungen werde ich Dienstag Abend nach Frankfurt abgehen lassen, wo sie denn Donnerstag früh in deine Hände gelangen können. Später werde ich wohl erfahren haben, wo u. wann meine Briefe an dich gelangen können.

Das rauhe, kalte Wetter ist zwar gewiß auch für dich u. Frau Escher lästig, doch zweifle ich nicht, daß trotzdem die Reise recht angenehm u. befriedigend bis jetzt gewesen ist u. auch – selbst wenn des Himmels Ungunst noch länger den Sonnenschein vorenthalten sollte – bleiben wird. Empfiehl mich deiner Frau Gemahlin recht angelegentlich u.empfange Du die Versicherungen meiner ungetheilten herzlichen Liebe u. Freundschaft.

dein treuer

Er.

Zürich
Sonntag, den 26. April 1857.