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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Ulrich Schiess

AES B1566 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#432*

In: Jung, Escher Briefe, Band 5, Nr. 49

Johann Ulrich Schiess an Alfred Escher, Bern, Samstag, 7. Februar 1857

Schlagwörter: Bundesrat, Diplomatische Aktivitäten, Gesandtschaft in Paris, Gesandtschaften und Delegationen (diverse), Neuenburger Frage (1848–1857), Souveränität (nationale)

Briefe

SCHWEIZERISCHE
BUNDESCANZLEI

Hochgeachteter Herr.

Eben von Zürich zurükgekehrt, macht mir Herr v. Gonzenbach die Mittheilung: «daß die am 21 Januar dem H. Dr Kern ertheilten Instruktionen1 in Abschriften in Zürich existiren, was ihm von verschiedenen Seiten bestätigt worden sei.»

Sie können denken, daß mir Alles daran liegt, zu erfahren, ob von dem Kanzleipersonal eine Indiskretion begangen worden sei, oder ob auf anderm Wege eine oder mehrere Abschriften von den fraglichen Aktenstüken nach Zürich haben gelangen können. Erlauben Sie mir daher gütigst folgende Fragen:

Haben Sie von jenen Abschriften, die in Zürich circuliren sollen, auch gehört?

Kennen Sie die Personen, in deren Händen sich jene Abschriften befinden? |

Ist Ihnen vielleicht bekannt, durch welche Quelle diese Abschriften nach Z. gekommen sind?

Sind es wirklich Abschriften, sensu strictiore2, oder Authographien?

Es thut mir wirklich leid, daß ich Sie hiemit belästigen muß, allein Sie diese Zudringlichkeit damit entschuldigen, daß es mir sehr fatal wäre, wenn ich unter unsern Angestellten ein räudiges Schaf entdeken müßte. Die Insdiskretion kann natürlich auf anderm Wege begangen worden sein; aber der erste Verdacht fällt natürlich immer auf die Kanzlei.

Bei dem mir stets beziehenen Wohlwollen darf ich darauf zählen, daß Sie mir gerne an die Hand gehen werden, und daß daraus für Sie keinerlei Unannehmlichkeit entstehen soll, daß ich durchaus verschwiegen sein werde, deßen können Sie bestens versichert sein. – Unsere Sache in Paris will nicht vom Fleke. Jezt | insinuirt Graf Walewski3, unser Gesandte Kern habe sich nach Berlin begeben, um direkte Unterhandlungen anzuknüpfen. Der BRath glaubt hierauf nicht eingehen zu können, bis Preußen den diplomatischen Verkehr – & zwar mit Ausschluß Sydow's4 – wieder angeknüpft habe & bis die Zusicherung vorhanden sei, daß die Unterhandlungen auf Grundlage der Unabhängigkeit Neuenburgs gepflogen werden sollen. Der König von Preußen5 ist zur Zeit noch sehr übel disponirt; – weniger seine nächste, maßgebende Umgebung: Gerlach6, Röder7, Gröben8, Manteuffel9. Dagegen soll Sydow Himmel & Erde in Bewegung sezen, um sich auf seinem Posten zu behaupten.

Hr. Kern sollte durchaus auf die Zusammenberufung der Konferenzen dringen; diese scheint Preußen nicht gerne zu sehen & darin liegt für uns ein gutes Zeichen.

Genehmigen Sie die Versicherung freundschaftlicher Hochachtung & Ergebenheit

Ihres:

Schieß.

Bern den 7 Februar
1857.

Kommentareinträge

1Gemeint sind die konfidentiellen Instruktionen, die der Bundesrat Kern am 21. Januar 1857 nebst den offiziellen Instruktionen erteilte. Johann Konrad Kern an Alfred Escher, 7. Januar 1857, Fussnote 2.

2Sensu strictiore (lat.): im engeren Sinn.

3 Alexandre Walewski (1810–1868), französischer Aussenminister, unehelicher Sohn Napoleons I.

4 Rudolf von Sydow (1805–1872), ehemaliger ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister Preussens in Bern. – Sydow hatte im Namen des preussischen Königs die diplomatischen Beziehungen zur Schweiz Mitte Dezember 1856 eingestellt. Erst zwei Jahre später kam mit Karl von Kamptz ein neuer preussischer Gesandter nach Bern. In der Zwischenzeit kümmerte sich Frankreich um die preussischen Anliegen in der Schweiz. Vgl. Prot. BR, 18. Dezember 1856; Widmer, Schweizer Gesandtschaft, S. 55; Chronologie des Neuenburger Konflikts 1856/57.

5 Friedrich Wilhelm IV. (1795–1861), König von Preussen.

6 Ludwig Friedrich Leopold von Gerlach (1790–1861), Generaladjutant des preussischen Königs Friedrich Wilhelm IV.

7 Maximilian Heinrich von Roeder (1804–1884), preussischer Oberstlieutnant. – Er war von 1867 bis 1882 bevollmächtigter Minister des Königreichs Preussen und des Norddeutschen Bundes bzw. des Deutschen Reichs in Bern. Im Zusammenhang mit der Gotthardbahn stand er mit Escher im Kontakt und war mit ihm freundschaftlich verbunden. Die entsprechende Korrespondenz vgl. in Nachlass Escher (BAR J I.67-8); Jung, Aufbruch, S. 292–297, 573–577, 697–698.

8 Karl von der Groeben (1788–1876), Oberbefehlshaber der preussischen Armee.

9 Otto von Manteuffel (1805–1882), preussischer Ministerpräsident und Aussenminister.