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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B1559 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

In: Jung, Escher Briefe, Band 5, Nr. 48

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Frauenfeld, Dienstag, 27. Januar 1857

Schlagwörter: Bundesrat, Familiäres und Persönliches, Konflikte mit Drittstaaten, Landesverteidigung und Militär, Neuenburger Frage (1848–1857), Rechtliches, Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

F: G: EHRHARDT
Cantonsfürsprech
ZÜRICH

Hauptquartier – Frauenfeld, den 27. Jenner 1857.

Mein bester Escher!

Trotz aller friedlichen Aussichten sind wir vor 3 Tagen von Feuerthalen hieher gesprengt worden, zu unser Aller – namentlich aber zur großen Unzufriedenheit von H. Oberst Z.1 Zwar sind einige Truppenkörper unserer Division entlassen worden, aber mit den übrigen scheint man sich mit der Entlassung nicht beeilen zu wollen u. zu meinem sehr großen Leidwesen namentlich den Divisionsstab für jetzt noch nicht auflösen zu wollen. Ich fange an zu glauben, was die übrigen Kammeraden schon längst glauben – unbeschadet der Subordination – daß unser «ehrwürdiger General»2 an altersschwacher Eitelkeit leide u. sich von seinem trefflichen Kriegsheer nicht trennen will, trotz dem daß letzteres gegen die Trennung gar nichts einwandte, sondern sie dringend wünschte. Der Ausgang wird wie bei allen gezwungenen Ehen für den zwingenden Theil nicht angenehm sein u. die Anhänglichkeit nicht aufgezwungen werden können! |

Gestern empfing ich einen Brief3 von Furrer, in welchem sehr stark die Unzufriedenheit des Bundesrathes mit der Art der Entlassung ausgesprochen war u. den ich nach Fs. Wunsche Herrn Ziegler mittheilte, damit er auf den General einwirke. Herr Z. sagte mir zu Handen des Herrn F, daß er schon vor 8 Tagen den dringenden Wunsch um möglichst schnelle Entlassung der Truppen ausgesprochen habe, aber ohne Erfolg, wie sich gezeigt habe. Heute sind neuerdings 2 von unsern Brigadestäben dislocirt u. ein Zürch. Bataillon von Islicon nach Wyl. Alles in Folge höherer Befehle! Nächstens kommt wahrscheinlich der Divisionsstab nach Rorschach, wenn das so fortgeht.

Die Stimmung der Truppen ist begreiflich sehr mas leidig u. die Strafrapporte von Truppenkörpern, die früher exemplarisch waren z. B. bei der Artillerie führen jetzt eine Menge von verhängten Strafen auf. Geht das so fort, so bekommt nächstens die Justiz noch zu thun. Doch was kümmert das Alles den ehrwürdigen General? Er befiehlt u. Alle müssen ihm gehorchen. Was hat er dem Bundesrathe nachzufragen; er hat ja seine Allgewalt von der Bundesversammlung. Während wir alle vor Mißbehagen u. Ungeduld im Schnee stehen u. raisonniren, läßt er sich in Basel u. Zürich wohl sein! |

Doch davon genug! Denn ich nehme an, daß Du jetzt weder Zeit noch Lust hast lange Briefe zu lesen.

In Frauenfeld ist es etwas langweilig u. diese örtliche Disposition wird noch durch unsre gemüthliche erhöht. Gestern waren wir zu einem Burgermahle eingeladen, wo jeder Anwesende nach alter Satzung effectiv nichts Andres als eine Wurst u. 3 Halbe erhielt. Es wurden schöne Reden gehalten unsre Freunde Kappler u. Sulzberger4 feierten die Armee – somit auch mich – u. unsern Obersten, bei dem ich es schon dahin gebracht habe, daß er hin u. wieder wegen meiner schlechten Witze lächelt u. sogar selbst einen macht – natürlich durch mich verführt. In Summa5 unser Oberst ist ein vortrefflicher Mann u. hätte er zu befehlen, so würde die ganze Armee schon in wenigen Wochen heim ge[...?]hen sein.

Empfehle mich im Belvoir, Zeltweg u. En[gi?] bestens.

Herzlichst Dein

E.

A propos: Häberli6 sagte mir Du würdest diese Woche durch Frauenfeld kommen; vielleicht könnte ich Dich dann zu sehen, u. Deiner Braut meine Ehrfurcht zu bezeigen, Gelegenheit finden.

Kommentareinträge

1 Paul Karl Eduard Ziegler (1800–1882), Regierungsrat und Grossrat (ZH), eidg. Oberst, Mitglied des Kriegsrats und Kommandant der 5. Armeedivision.

2 Guillaume-Henri Dufour (1787–1875), Nationalrat (GE), Oberbefehlshaber der eidgenössischen Armee.

3Brief nicht ermittelt.

4 Johann Ludwig Sulzberger (1815–1882), Grossrat, Regierungsrat und Nationalrat (TG), Verwaltungsrat der Thurgauischen Hypothekenbank.

5In summa (lat.): kurz und gut.

6 Eduard Häberlin (1820–1884), Nationalrat und Grossrat (TG), Verwaltungsrat der Nordostbahn.