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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B1556 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

In: Jung, Escher Briefe, Band 5, Nr. 46

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Feuerthalen, Montag, 19. Januar 1857

Schlagwörter: Gesandtschaft in Paris, Konflikte mit Drittstaaten, Landesverteidigung und Militär, Neuenburger Frage (1848–1857)

Briefe

F: G: EHRHARDT
Cantonsfürsprech
ZÜRICH

Hauptquartier Feuerthalen 19. Jenner 1857.1

Bester Freund!

Gestern bin ich glücklich wieder im Bivouac angekommen u. habe diese Nacht ruhig am Lagerfeuer zweier Stearinkerzen2 zugebracht, nachdem ich mit den Cameraden noch einige Stunden an demselben verplaudert hatte. Ein mehr moralisch, als physisch kalter Wind wehte über die [...?] unseres Feldlagers, der sich in die Worte zusammenwehte: «Frieden, aber ehrenvoller Frieden. Wir sind getäuscht durch den zu leichten Glauben, welchen man den französischen Worten lieh.» Alle scheinen zu befürchten, daß Preußen jetzt erst recht den bisherigen Neuenburger Status quo3 unberührt lassen u. die Versuche, eine definitive günstige Lösung herbei zu führen vergebens sein werden. Redner in diesem Sinne scheinen unser «Blutrünstiger»4 u. Prof. Zangger5 zu sein, der sich bis gestern sogar sehr «scharpf» gegen seinen Freund Tr.6 aussprach u. die | reichsregentliche Rede für einen Act staatsmännischen Scharfblickes erklärte. Dich, Kern u. andre Genossen7 gleicher Ansicht erklärte er für Friedensmänner à tout prix. Leider sind meine Cammeraden geübter in Führung des Säbels als des Mundes u. fast bin ich allein8 auf mich reducirt, obschon mir im Herzen wohl die meisten zustimmen. Z. hat aber das Gute, daß er vernünftigen Gründen zugänglich ist, u. so habe ich seine Meinung schon einigermaßen corrigirt. Nach dem Rapporte will ich bei Oberst Stäheli mir Rath u. Trost erholen. Jedenfalls ist es gut, wenn bald eine definitive Lösung im günstigen Sinne erfolgt. Herr Kern solle möglichst pressiren! Auch die Presse sollte in diesem Sinne ihre Schuldigkeit thun u. nicht wie gestern9 Herr Felber10 raisonniren.|

Adieu mein bester Freund. Grüsse u. Empfehlungen an die Deinigen.

Ganz Dein

E.

Kommentareinträge

1Ehrhardt gehörte der 5. Armeedivision an. Der Bundesrat hatte am 20. Dezember 1856 die 3. und die 5. Armeedivision in den aktiven Dienst einberufen. Vgl. Prot. BR, 20. Dezember 1856; Ziegler, Confidentielle Berichterstattung; Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, 27. Januar 1857.

2Stearin: Gemisch aus Stearin- und Palmitinsäure, 1818 als geeigneter Kerzenrohstoff entdeckt.

3Status quo (lat.): Zustand, in dem sich etwas befindet.

4Vermutlich Samuel Bachofen (1806–1889), Kriegsrichter, Grossrat (BS), eidg. Oberstlieutnant und Divisionsadjutant der 5. Armeedivision. Vgl. Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, 13. Januar 1857; Zur Schweizer Aussenpolitik und Aussenhandelspolitik der 1850er und 1860er Jahre, Absatz 17.

5 Hans Rudolf Zangger (1826–1882), Grossrat (ZH), Direktor der Tierarzneischule und Stabspferdearzt.

6Vermutlich Johann Jakob Treichler (1822–1906), Grossrat, Regierungsrat und Nationalrat (ZH).

7Sofortige Korrektur, zuvor: «Freunde».

8Sofortige Korrektur, zuvor: «derjenige der».

9 NZZ, 18. Januar 1857.

10 Peter Jakob Felber (1805–1872), Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung».