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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1539 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Montag, 22. Dezember 1856

Schlagwörter: Attentate und Anschläge, Ausländische Einmischungen (Schweiz), Bundesgericht, Bundesrat, Diplomatische Aktivitäten, Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Konflikte mit Drittstaaten, Neuenburger Frage (1848–1857), Vereinigte Bundesversammlung

Briefe

Glarus den 22. Dezember 1856.

Mein theurer Freund!

Als ich heute deinen l. Brief empfing, erwartete ich, derselbe werde etwa Mittheilungen oder Betrachtungen über die gegenwärtige politische Lage der Schweiz enthalten; an eine Verlobungsanzeige hätte ich zuletzt gedacht. Um so mehr freut es mich, daß ein schon lange von mir gehegter Wunsch endlich, aber doch noch rechtzeitig in Erfüllung gegangen ist. ich zweifle nicht daran, daß der wichtige Schritt, welchen Du nun gethan hast, sehr wesentlich zur Förderung Deines Glückes beitragen wird. Du besitzest so viele Eigenschaften, die Dich zum trefflichen Ehemann nicht bloß befähigen, sondern gleichsam prädestiniren, u. wenn ich auch bis jetzt nicht das Glück habe Deine Verlobte zu kennen (anders als aus einem Porträt von Deiner Schwester, wenn ich nicht irre), so bin ich doch zum voraus überzeugt, daß Du eine in jeder Hinsicht vorzügliche Wahl getroffen hast. Daß Deine Verlobung an unserm freundschaftlichen Verhältnisse nichts ändert, betrachte ich als selbstverständlich; ich hoffe, sie werde dasselbe nur befestigen, wenn, wie auch ich gerne annehme, meine Frau sich mit Deiner zukünftigen Gattin näher befreunden wird. Also meinen herzlichsten u. innigsten Glückwunsch als Antwort auf die angenehme Nachricht, die Du mir mitgetheilt hast! Ich bringe ihn nicht bloß Dir, sondern auch den werthen Deinigen, die Du gewiß | nicht wenig durch Deinen Entschluß erfreut hast.

Nach wenigen Tagen werden wir wieder in Bern zusammentreffen, u. zwar unter Verhältnissen, wie sie sich seit 1847 wohl nicht mehr so ernst aussahen. Es wäre thöricht sich zu verhehlen, daß bei einem Kriege mit Preußen sehr Vieles, wenn nicht Alles für uns auf dem Spiele steht. Nichtsdestoweniger glaube ich, daß die Politik des Bundesrathes, wenn sie auch von konservativer Seite bitter getadelt wird, doch von der großen Mehrheit der Bundesversammlung, wie des Schweizervolkes gebilligt werden muß. Als ich nach Bern in's Bundesgericht reiste, zweifelte ich auch selbst noch daran, ob es gut gewesen, daß der Bundesrath durch seine Unnachgiebigkeit den französischen Kaiser – wie sich schon damals leicht voraussehen ließ – erzürnt habe. Nach Allem aber, was ich in Bern vernommen, überzeugte ich mich, daß er nicht anders handeln konnte. Unter der «Freigebung der Gefangnen» verstand Preußen nichts anders als eine Anerkennung, daß wir kein Recht hätten dieselben zu bestrafen, während es seinerseits nach derselben nur «Unterhandlungen» in Aussicht stellte u. auch Napoleon nicht im Falle war die bestimmte Zusicherung zu geben, daß Preußen dann unter annehmbaren Bedingungen auf Neuenburg verzichten werde. Der Bundesrath hat auch nach erfolgter Ablehnung noch, um das Aeußerste zu vermeiden, der preußischen Regierung direkte Unterhandlungen, sey es in Paris oder selbst in Berlin, angeboten, die nun aber, wie es scheint, schnöde abgewiesen worden sind. – Die Neuenburger Untersuchungsakten, die ich zu lesen hatte, bieten viel Interessantes dar; man lernt aus ihnen die Bestandtheile der royalistischen Parthei in Neuenburg u. ihr ganzes Treiben seit 1851 vollständig kennen. Es versteht sich, daß alle Fäden, an denen der letzte Aufstand hing, nach Berlin gehen; Sydow, von dem höchst kompromittirende Briefe vorliegen, schürte | das Feuer beständig von Sigmaringen aus; Vasdehlen u. Pourtalès-Steiger besprachen sich mit dem Prinzen v. Preußen u. mit Manteuffel, ehe sie den Aufstand organisirten; der König selbst aber erscheint nicht als betheiligt, u. ich glaube in der That wenigstens, daß er, sey es aus Klugheit oder aus Unentschiedenheit des Charakters, einen direkten Befehl zum Aufstande nicht gegeben hat, obschon die Häupter desselben sich theilweise auf einen solchen beriefen, um Theilnehmer für ihr unsinniges Attentat zu gewinnen.

Also auf baldiges Wiedersehen, vortrefflicher Bräutigam! Herzlich

grüßt Dich

Dein treuer

J J Blumer.