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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Zingg

AES B1500 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#570*

Johann Jakob Zingg an Alfred Escher, St. Gallen, Donnerstag, 10. Juli 1856

Schlagwörter: Eisenbahnen Fusionen, Eisenbahnen Verträge, Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Krankheiten, Reisen und Ausflüge, Schweizerische Nordostbahn (NOB), St. Gallisch-Appenzellische Eisenbahn (SGAE)

Briefe

St Gallen am 10 Juli 1856.

Mein lieber lieber Escher!

Dein gestern erhaltener Brief von Bern aus hat mich unendlich gefreut. Ich lege ihn, einen freundlichen Gesellen, zu den übrigen, die deine Feder gekrizelt, nachdem ich ihn vorher noch etwa 14 Tage lang mit mir herumgetragen haben werde. Ich habe ihn schon 3 mal gelesen, meine liebe Luise ein Mal und ich werde ihn noch manchmal lesen, ehe ich ihn in die geheime Nische lege.

Daß du der Alte bist, ja wohl, davon zeugt jede Zeile; daß dir das Fieber die Bosheit nicht aus der Seele gejagt, das beweist mir namentlich die zweite Seite deines Briefes. Nun, so schreibe immerhin boshaft, ich liebe diese Bosheit an dir, denn selbst die Bosheit ist an dir liebenswürdig.

Die Hauptsache ist, daß du wieder gesund bist. Wie oft habe ich um dich gejammert! wie manchmal stunden mir die Thränen hell in den Augen! wie hundert Mal betete ich innerlich – still für dich! Daß die Gefahr groß sei, wußte ich, daß sie so groß war, wie du mir geschrieben, nicht. Nun wieder hergestellt, freue dich des Lebens und deiner Jugend recht ganz und voll und schone dich und gönne dir mehr Erholung als früher. Du hast dir vielleicht die Krankheit selbst erholt – durch dein immenses Schaffen und deine Thätigkeit nach allen Seiten.

Allerdings hoffe ich dich in diesem Jahre wieder ein Mal zu sehen. Ich hatte schon längst im Sinne, mit meiner Frau nach Zürich oder Baden zu fahren und zwar von Romanshorn aus, da ich der Familie Brenner und Ludwig in Weinfelden einen Besuch schuldig bin. Auf der Nordostbahn bin ich noch nie gefahren; ihr Siz wird mir aber gerade so linde sein als einer auf der St Gallerbahn.

Da ich eben von der Nordost- und der St Gallerbahn spreche, so muß ich daran was anknüpfen. Daß du alle Hebel gegen die Fusion in Bewegung gesezt habest, mußte ich oft hören, öfter, weil ich Zingg heiße. Ich bin weit entfernt, gewiße Gründe zu übersehen, welche vom Standpunkte der Nordostbahn aus gegen die Fusion sprechen, aber ich lebe troz Alle' Dem der innigsten Ueberzeugung, daß du deiner Vaterstadt voraus und deinem Vaterlande überhaupt einen großen und immensen Dienst geleistet hättest, wenn du deinen Einfluß und das Gewicht deines Ansehens für die Fusion geltend gemacht haben würdest. Ich war anfänglich auch dagegen, mir gefiel auch der Pariservertrag | auch nicht in allen Stücken, aber ich stimmte endlich in der Eisenbahnkommißion lebhaft dafür, weil ich immer mehr zur Ueberzeugung kam, daß es ein großes Bedürfnis für alle Betheiligten vermittle. Ich hieß die Bedenken schweigen, die in mir als St Galler dagegen sprachen; ich sah mit verleztem Gefühle allen Einfluß in der fusionirten Gesell schaft auf Zürich übergehen und ich mußte mir sagen, daß Ihr an der Limmat fürderhin die Hauptzügel in der Verwaltung führen werdet; daß St Gallen zu einem kleinen Provinzstädtchen des fusionirten Eisenbahn-Nezes herabsinken werde – aber all' das und Anderes wußte mein patriotisches Herz und Gefühl zu beseitigen, wahrscheinlich auch deßwegen, weil es mir sagte, daß Du, mein unendlich Lieber! Herr und König der Situation werden werdest. Bei Gott! ich begreife Euere Politik und Rechnerei nicht! Du verübelst mir wohl nicht, wenn ich dich darauf hinweise, daß Euere Eisenbahnpolitik in der Fusionsfrage Euch bereits alle euere notabeln Banquiers nach St Gallen gejagt und Euch entfremdet hat. Ihr habt an der Limmat bereits eine sehr tief gehende Scißion und es will mir scheinen, sie werde immer größer. Du kennst allerdings dortige Stellungen und Lagen tausend mal beßer als ich – doch sagt mir ein gewißes Gefühl, daß es von Euch klug sein dürfte, etwas einzulenken und das, was doch nach meiner innersten Ueberzeugung über kurz oder lang kommen muß, jezt schon möglich zu machen. Ich weiß: es giebt keinen braveren Patrioten als Du bist; ich bitte dich: zeige ihn auch in der Fusionsfrage. Du lächelst vielleicht, wenn ich die Besorgniß ausspreche, Euere Opposition in dieser Richtung könnte bei Euch sogar in politischer Beziehung Mißstimmungen hervorrufen, an die Ihr jezt gar nicht denkt. Ich sprach gestern Abend über dieses Kapitel mit einem Mitgliede des hiesigen Eisenbahnverwal tungsrathes, das seit vielen Jahren große Achtung vor dir hat; es ist nicht etwa Hr Bänziger-König, dem du auf seiner Rückreise von Paris im Hotel Baur die Würmer aus der Nase gezogen hast und der sich so glücklich fühlte, mit meinem Freunde bei der Eröffnungsfeier «Arm in Arm» zu gehen – es ist Hr Stäheli-Wild, die lauterste patriotischeste Natur der Welt, der nicht aus Rücksichten für St Gallen sondern aus Rücksicht für das Gedeihen Euerer und unserer Sache den lebhaften Wunsch aussprach, du möchtest vernünftig einlenken. Ich wiederhole: belächle mich nicht. Ich möchte, eine erste Schwalbe, blos an deine Fenster picken und dich erinnern, daß es Frühling werde auch in Eisenbahndingen und in Dingen von Intereßen und vom Einmaleins!|

Ich bin froh: von Anderm reden zu können.

Trinkst Du, nach Empfang dieser Zeilen, ein Glas Wein, so trink es auf meine Gesundheit mit einem Freund von Dir und mir! Ein angenehmes Gefühl wird in gleichem Augenblicke hier durch alle meine Nerven fahren.

Daß ich nicht in Bern sei? – Lieber! ich bin darüber seelenfroh. Das Beste ist, daß ich meinen Freunden nichts zu danken habe. Mir genügt das Bewußtsein, für den Liberalismus in unserm Kanton, für seinen Sieg und seine Erhaltung duzendfach geleistet zu haben, was Andere kaum einfach thaten, Andere, die jezt, vorübergehend, den Lorbeer tragen. Ich liebe die Unabhängigkeit und schaffe alle Tage mehr an ihrem Bau. Diese Unabhängigkeit läßt mich nie Knecht der Regierung werden aber auch nicht Knecht einer Kotterie, die Alles eher besizt, als Klugheit, Tackt und Sinn für sicheres und bewußtes Vorgehen. Der Mangel an Lezterm hat unsern Kanton in eine so jämmerliche Lage gebracht, daß man staunen muß. Welch' ein Siegesrausch im Mai 1855! welche Scißion, welche Schachmattigkeit, welche Dilazeration unter den Liberalen jezt! wie üppig thut die konservativ-ultramontane Partei in unserm Kanton heute! Ich sagte die gegenwärtige Lage schon im Juni v. J. voraus, als man Ritter um einer, freilich großen, Sünde willen todt schlagen wollte und für eine Zeit lang todt geschlagen hatte. Der Kraftbursche wachte aber wieder auf aber nicht zum Vortheil der Liberalen. Er hat sich, leider, gerächt für den Koth, den ihm dumme Jungens nachwarfen und wogegen ältere kein Wort der Abwehr hatten. Doch ich plaudere mit dir lieber im Laufe dieses Jahres noch einmal mündlich. Unterdeßen erinnert mich dein liebes Bildniß in meiner Wohnstube – Alfred ist zwischen einem Kanarienvogelpaar und 5 Goldfischen stets gegen meinen Tischplaz hingekehrt – alle Tage ein Paar Mal daran, wie wohl es mir thue, dich zu lieben.

Grüße mir den lieben Weder – er ist gestern abgereist – Dubs, Schaller, Bernold, Hüni, Stadtmann, Riffel, Huber, Hüni, Häberli Ritter und – Heutli!

Mit ganzer Seele allezeit und ewig

Dein

Zingg