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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1488 | FA Tschudi

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 34

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Dienstag, 27. Mai 1856

Schlagwörter: Crédit Mobilier, Eisenbahnen Fusionen, Rothschild (Bankhaus), Schweizerische Nordostbahn (NOB), Schweizerische Südostbahn (SOB)

Briefe

Glarus den 27. Mai 1856.

Mein theurer Freund!

Du hast Dich durch Hrn. Planta wegen Nichtbeantwortung meines letzten Briefes bei mir entschuldigen laßen. Es hätte deßen nicht bedurft, da ich die Ursache Deines Stillschweigens eben nur in Deinen überhäuften Geschäften suchte; vielleicht war auch meine Frage so gestellt, daß es Dir schwer fallen mußte eine positive Antwort zu geben. Indessen drängt es mich nach der neuesten Wen dung, die unsre Eisenbahnangelegenheiten genommen, Dir nochmals darüber zu schrei ben, obschon ich keinen praktischen Erfolg mehr von diesen Zeilen zu hoffen wage. Nach dem entschiednen «Nein!» welches der Verwaltungsrath der Nordostbahn ausge sprochen, werde ich wohl mit meinen Betrachtungen zu spät kommen;1 doch wirst Du mir es wenigstens gewiß nicht übel nehmen, daß ich nicht schon vor 14 Tagen einer telegraphischen Aufforderung aus Paris nachkommen u. Dir zu einer Zeit, wo ich die Fusion nur dem Namen nach kannte, dieselbe empfehlen mochte.

Daß die Südostbahn den Fusionsvertrag annahm, brauche ich Dir gegenüber um so weniger zu rechtfertigen, als Du selbst durch Deine Aktien, deren Vertretung Du Hrn. Planta überließest, dazu mitgestimmt hast.2 Für uns lag eben in diesem Vertrage, mag er auch im Einzelnen noch zu wünschen übrig lassen, ein höchst willkommnes u. wohl auch sicheres Mittel, um unsere unseligen Eng länder los zu werden u. aus unsrer finanziellen Verlegenheit u. schlechten Organi sation herauszukommen. Ich habe daher auch für die Fusion gestimmt, jedoch mit dem ausdrücklichen Bemerken, daß ich nur dann rechte Freude daran haben könne, wenn auch die Nordostbahn beitrete. Ich hatte sogar Lust, diesen Beitritt als conditio | sine qua non für unsre Annahme vorzuschlagen; allein ein solcher Antrag hätte, wie ich bei näherm Nachdenken finden mußte, keine Aussicht auf Erfolg gehabt u. der gemeinsamen Sache, welche wir den Engländern gegenüber auszufechten hatten, nur schaden können. Was nun die Ablehnung von Seite der Nordostbahn betrifft, so sind mir die Gründe, welche Euch dazu veranlaßten, nicht völlig bekannt. Sehr bedaure ich, daß Hr. Escher-Bodmer3 als Abgeordneter der Nordostbahn in Paris eine so auffallende Rolle gespielt hat; er hat durch seine Taktlosigkeit der Sache, welche er zu fördern meinte, nur gescha det u. ich begreife die Mißstimmung, welche sein Benehmen in den Gesellschaftsbehörden hervorgeru fen hat.4 Aber dieser Fehler Eures Abgeordneten, resp. Direktionsmitgliedes konnte doch kein genügen der Grund dafür seyn einen Vertrag zurückzuweisen, der an u. für sich als gut erscheinen müßte, u. wird daher hoffentlich eine ruhige Prüfung desselben nicht ausgeschlossen haben. Nun habe ich zwar bereits oben angedeutet, daß Einzelnes an dem Vertrage mir auch nicht gefalle; ich ver stehe darunter namentlich die Redaktion, welche an manchen Stellen präziser seyn könnte. Allein diese formellen Mängel könnten, wie mir scheint, leicht gehoben werden bei der Entwerfung der definitiven Statuten für die neue Gesellschaft u. in den Materien konnte ich nicht finden, daß die Nordostbahn wirklich benachtheiliget oder daß der Vertrag für sie ein ungünstiger wäre. I st ihr doch überall eine bedeutende Präferenz gegenüber den beiden andern Gesellschaften eingräumt, die Prämie insbesondere dem gegenwärtigen Kurse der Aktien ziemlich entsprechend, u. muß doch die Festsetzung Zürich's als Sitzes der neuen Gesellschaft an u. für sich schon ein bedeutendes Uebergewicht für die Interessen der Nordostbahn u. der bei ihr betheiligten Gegenden begründen! Ich weiß nun zwar wohl, daß die Centralbahn , resp. der Crédit mobilier 5 Euch noch günstigere Bedingungen für eine Fusion gestellt haben sollen, als Rothschild6 u. die Ostbahnen; ich kenne sie nicht u. kann sie daher nicht beurtheilen. Aber das weiß ich, daß, wenn man nicht bloß vom Standpunkte des spekulirenden Aktionnärs aus frägt, auf welcher Seite mehr Agio zu gewinnen sey, sondern zu einer höhern, politischen Anschauung der Dinge sich erhebt, Zürich durch seine natürliche Stellung in der Eidgenoßenschaft darauf hingewiesen wird| sich an die Spitze der Ostschweiz zu stellen, statt mit den westlichen u. mittlern Kantonen sich zu verbinden, die ganz andere Interessen haben u. deren Mehrheit es sich fügen müßte. Du bist immer mit mir der Ansicht gewesen, daß die Eisenbahnverbindungen auch auf die politischen Verhältnisse in der Eidgenossenschaft einen gewaltigen Einfluß üben müssen; es bedarf also meine Anschauungsweise keiner weitern Begründung. Die Rothschild'sche Fusion wird allem Anschein nach auch ohne die Nordostbahn zwischen der St. Galler- u. Südostbahn zu Stande kommen; denn wenn auch der Vertrag sich darüber nicht bestimmt ausdrückt, so hat doch Rothschild nach St. Gallen, wie uns von da gemeldet wurde, erklärt, daß er mit zwei Bahnen am Vertrage festhalte. Dadurch aber gewinnt St. Gallen ein Uebergewicht, welches Zürich theilweise verscherzt; es wird in der neuen Verbindung nur zu sehr auf die Kantone Glarus, Appenzell u. Graubünden drücken. Das sind Aussichten in die Zukunft, die mir nicht gefallen; nicht ohne dieses Bedauern kann ich daran denken, daß Zürich jemals mit Bern u. Basel im Bunde den östlichen Kantonen gegenüberstehen u. seines natürlichen Einflusses auf dieselben beraubt seyn sollte. Ich weiß nicht, wie Du über die Fusion mit der Centralbahn denkst, aber von Herzen wünsche ich, daß Ihr Euch durch Basler Lockspeisen nicht zu frühe fangen lassen möget, sondern, wenn Euch unsre Fusion nicht gefällt, wenigstens vorläu fig allein (im jungfräulichen Stande) bleibt, damit nicht alle Hoffnung abgeschnitten werde, daß nach neuen Verhandlungen die schöne Idee einer ostschweizerischen Eisenbahnfusion doch noch sich verwirkliche.

Dixi et salvavi animam meam! 7 Ich konnte bei einer Konstellation, die mir bedenklich u. für so vieles, was mir am Herzen liegt, höchst unerfreulich vorkommt, nicht schweigen. Ich hoffe, Du werdest nicht ungerne meine Ansichten vernommen haben, wenn sie auch nicht die Deinigen seyn mögen. –

Empfehle mich bestens den werthen Deinigen u. sey herzlich gegrüßt von

Deinem treuen

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Die offizielle Absage des Verwaltungsrates der Schweizerischen Nordostbahn erfolgte mit einem Schreiben vom 10. Juni 1856. Vgl. Rechenschaftsbericht SOB 1856, S. 5.

2Eine grosse Mehrheit der Aktionäre der Schweizerischen Südostbahn stimmte dem Fusionsvertrag von Schweizerischer Nordostbahn, Schweizerischer Südostbahn, St. Gallisch-Appenzellischer Eisenbahn, Glattalbahn und Rheinfallbahn an der Generalversammlung vom 23. Mai 1856 zu. Vgl. Wegmann, Vereinigte Schweizerbahnen, S. 51; Andreas Rudolf von Planta an Alfred Escher, 18. Mai 1856.

3 Johann Conrad Escher-Bodmer (1812–1871), Zürcher Unternehmer und Jurist, Mitglied des Direktoriums der Schweizerischen Nordostbahn. Andreas Rudolf von Planta an Alfred Escher, 23. September [ 1853 ].

4 Escher-Bodmer hatte den Fusionsvertrag zur Bildung der Vereinigten Schweizerbahnen am 14. Mai 1856 eigenmächtig und entgegen allen Instruktionen, wenn auch mit Ratifikationsvorbehalt, unterzeichnet. Andreas Rudolf von Planta an Alfred Escher, 18. Mai 1856; Escher und die Ostalpenbahnfrage, Schweizer Eisenbahngesellschaften im Fusionsfieber.

5Crédit Mobilier: von den Brüdern Emile und Isaac Pereire 1852 in Paris gegründete Industriebank, die sich vornehmlich an der Finanzierung grosser Eisenbahnprojekte in ganz Europa beteiligte. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 738–739.

6 James de Rothschild (1792–1868), Pariser Bankier, Gründer der Réunion Financière, einer Vereinigung mehrerer, auch Schweizer Bankhäuser, als Gegenmacht gegen den Crédit Mobilier konzipiert.

7Dixi et salvavi animam meam (lat.): Ich habe gesprochen und meine Seele gerettet. Vgl. Ezechiel 3, 19.