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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Müller

AES B1486 | StadtA Zürich VII. 343. 2.3.2.

In: Jung, Escher Briefe, Band 5, Nr. 38

Alfred Escher an Johann Jakob Müller, Belvoir (Enge, Zürich), Sonntag, 27. April 1856

Schlagwörter: Eisenbahnen Fusionen, Personelle Angelegenheiten, Schweizerische Nordostbahn (NOB), Schweizerische Südostbahn (SOB)

Briefe

Hochgeachteter Herr & Freund!

Eben von Baden zurückgekommen & im Begriffe, morgen früh nach Aarau zu reisen – alles, um die N.O.bahngesellschaft wo möglich von dem Baue über Lenzburg zu befreien1 – erlaube ich mir, Sie gemäß dem gefälligen Anerbieten, das Sie mir seiner Zeit gemacht, zu ersuchen, dahin wirken zu wollen, daß Sie & gleich Gesinnte, mit recht viel Stimmen versehen, an die bevorstehende Generalversammlung2 kommen. Es werden Candidaten genannt, gegen die vielfache Bedenken obwalten müssen. Georg Wyß3 – ich halte weitere Bemerkungen über ihn Ihnen gegenüber für unnöthig. Schultheß-Rechberg: wenn ich auch gegen ihn als Persönlichkeit nichts einzuwenden hätte, so ist nicht zu vergessen, daß er gemäß seiner Stellung zu der Südostbahn vor allem Südostbahnmann ist & in Folge dessen die Ansicht vertritt, daß Südost- & Nordostbahn sich mit gleicher Werthung der beidseitigen Actien fusionieren sollten. Ob es in diesem Augenblicke, wo die Fusion immer noch & mehr als je betrieben wird, geeignet wäre, Herrn Schultheß in die Direction der N.O.bahn zu wählen, in die jedenfalls Herr Escher-Bodmer4, der ähn| liche Tendenzen hat, gewählt werden wird, dürfte nicht schwer zu entscheiden sein. – Es ist also eine Wahl an die Stelle des H. Ott-Imhof zu treffen; sodann fallen in Erneuerung Herr Oberst Pestalozzi5 & H. Hildebrand, der nun nach Bern übergesiedelt ist. Herr Pestalozzi wird wieder zu wählen sein & auch wohl die Wahl annehmen. Herr Escher-Bodmer dürfte nach der Stellung, die er seit längerer Zeit unserer Unternehmung gegenüber eingenommen hat, ebenfalls begründete Ansprüche auf die Wahl haben. In dritter Linie wird Herr Hüni-Stettler6 genannt, der sich nach meiner Ansicht in jeder Beziehung zur Wahl emphehlen würde. In Betreff Herrn R.R. Sulzer's7, von dem auch mitunter geredet wird, kann ich Ihnen gegenüber schweigen, da Sie ihn mit seinen Licht- & Schattenseiten kennen. – Wie die Sachen liegen & da wir die Annahme einer Wahl von Seite des lieben Adressaten dieses Briefes oder H. Wäffler-Egli's8 nicht werden hoffen dürfen, wäre meine Liste etwa: Herr Oberst Pestalozzi, Escher-Bodmer & Hüni-Stettler.

In der Hoffnung Sie in gutem Wohlsein in der Generalversammlung zu sehen grüßt Sie in alter Freundschaft Ihr Ihnen hochachtungsvollst ergebener

Dr A Escher

Belvoir
27. April. 1856.

Kommentareinträge

1Die Konzession des Kantons Aargau zuhanden der Nordostbahn sah vor, dass deren Linie von Baden nach Aarau «bei Brugg und Lenzburg vorbei» führen sollte. Konzession des Kantons Aargau für die schweizerische Nordostbahngesellschaft (vom 27. Juni 1853), in: BBl 1853 III, S. 170. Vgl. Geschäftsbericht NOB 1856, S. 4; Luz, Nordostbahn, S. 123–146.

2Die Generalversammlung der Aktionäre der Nordostbahn fand am 30. April in Zürich statt. Vgl. Geschäftsbericht NOB 1855.

3 Georg von Wyss (1816–1893), Grossrat (ZH), Privatdozent für Schweizer Geschichte an der Universität Zürich. – Von Wyss war 1852/53 Mitglied der Direktion der Nordbahn; bereits bei der Fusion dieser Gesellschaft mit der Zürich-Bodensee-Bahn zur Nordostbahn war aufgrund seiner Gegnerschaft zu Escher ein Einsitz in den Gremien der neugegründeten Bahn nicht denkbar. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 212, 446.

4 Johann Conrad Escher-Bodmer (1812–1871), Zürcher Unternehmer und Jurist.

5 Heinrich Pestalozzi (1790–1857), Grossrat (ZH), Strassen- und Wasserbauinspektor des Kantons Zürich, Direktionsmitglied der Nordostbahn.

6 Heinrich Hüni-Stettler (1813–1876), Grossrat, Regierungsrat und Nationalrat (ZH).

7 Johann Jakob Sulzer (1821–1897), Grossrat und Regierungsrat (ZH).

8 Rudolf Wäffler-Egli (1804–1867), Grossrat und Nationalrat (ZH), Verwaltungsrat der Nordostbahn.