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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1479 | FA Tschudi

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 31

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Mittwoch, 27. Februar 1856

Schlagwörter: Bundesgericht, Eisenbahnen Verträge, Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Presse (allgemein), Rechtliches, Schweizerische Südostbahn (SOB)

Glarus den 27. Febr. 1856.

Mein theurer Freund!

Empfange meinen besten Dank für die Annahme unsrer Wahl zum Schiedsrichter im Südostbahn prozeße, welche Du mir durch Deinen l. Brief vom 24.1 angezeigt hast. Die Gefälligkeit, welche Du uns u. unserm Unternehmen damit erwiesen hast, weiß ich um so höher zu schätzen, je mehr ich begreife, daß Dir unsre Bitte im gegenwärtigen Augenblicke kaum sehr gelegen kam. Wenn meine persönliche Verwendung etwas dazu beigetragen hat Dich zu einer entsprechenden Antwort zu bestimmen, so hast Du mich durch diesen neuen Beweis Deiner Freundschaft abermals recht sehr gegen Dich verpflichtet.

Ich halte mich nun zunächst für schuldig, Dir über die neue Wendung, welche unsre Streitsache genommen hat, Auskunft zu geben. Sprecher2 hat die unbedingte Ratifikation unsres Kompromißvertrages, welche er binnen 10 Tagen beizubringen sich anheischig machte, aus London nicht erhalten, sondern der Erztröler Gurney3 will nur genehmigen unter der Bedingung, daß Weder4 zum voraus als Obmann des Schiedsgerichts bezeichnet werde. Es versteht sich von selbst, daß wir eine derartige Bedingung nicht annehmen können. Abgesehen von der Person des Hrn. Weder, der uns zwar als Ehrenmann bekannt, aber in Folge der großen Ehre, die ihm die Engländer letzten Sommer in Ragaz5 erwiesen, für dieselben jedenfalls etwas zu sehr eingenommen ist, stellen wir eben einfach das doch gewiß sehr begründete Verlangen, daß bei der Wahl des Obmanns nach Art. 55 der Statuten u. Art. 17 des Haupt6 | vertrages verfahren werde. Es wäre auch sicherlich eine arge Rücksichtslosigkeit gegen unsre Schiedsrichter, wollten wir ihnen zum voraus das Recht abschneiden, bei Ernennung des Obmanns mitzuwirken, wie die genannten Bestimmungen u. der darauf gegründete Kompromißvertrag es vorschreiben, u. ihnen einen Obmann octroyiren, der ihnen vielleicht nicht sehr angenehm wäre. Wahr ist es, daß, wenn die vier Schiedsrichter sich nicht verständigen u. dann der Präsident des Bundesgerichts7 den Obmann zu bezeichnen hat, es sehr ungewiß ist, auf was für eine Person die Wahl fallen werde; allein sollte in Folge der statutenmäßigen Konstituirung des Schiedsgerichts der Entscheid zu unsern Ungunsten ausfallen, so wäre es wenigstens nicht unsre Schuld, während alle Welt u. voraus die Aktionnäre, deren Intereßen wir vertreten, uns grobe Fahrläßigkeit vorwerfen könnten, wenn wir ohne Noth einen Obmann annähmen, der uns schon darum kein rechtes Vertrauen einflößen kann, weil von Seite unsrer Gegner mit auffallender Beharrlichkeit Alles gethan wird, damit er allein oder doch vorzugsweise den Entscheid in die Hand bekomme. Anfänglich nämlich wurde von dem Bevollmächtigten der Engländer Hr. Weder als einziger Schiedsrichter vorgeschlagen. Aus allen diesen Motiven lehnen wir daher die von Gurney gestellte Bedingung entschieden ab u. damit wird dann freilich der am 16. Februar abgeschloßne Kompromißvertrag, als von englischer Seite nicht ratifizirt, dahinfallen.8 Da uns indeßen Alles daran gelegen seyn muß, einen festen Rechtsboden wieder zu gewinnen, so werden wir gegen den englischen Bevollmächtigten vor den Churer Gerichten eine Provokationsklage erheben9, deren Folge nichts anderes seyn kann, als daß die Streitsache an das statutenmäßige Schiedsgericht gewiesen wird. Es wird also leider zwar ein kleiner Verzug im Prozeße eintreten, aber man wird dann doch auf das von uns eingeleitete Verfahren zurückkommen, u. die Stellung unsrer Schiedsrichter bleibt also durch den unangenehmen Zwischenfall unberührt.10

Ob nach dem Selbstmorde Sadleir's11 Gurney u. Consorten, die eigentlich ganz von diesem Mann abhängig waren, überhaupt noch ernstlich daran denken ihre Rechtsan| sprüche an der Südostbahn geltend zu machen, oder ob sie nicht sehr gerne zu einer angemeßnen Abfindung, die wir ihnen jeden Augenblick geben würden, sich herbeilaßen werden, steht zu erwarten. Jedenfalls hat jenes tragische Ereigniß, deßen Motive u. nähere Verumständungen nun die Runde durch alle Blätter machen12, das Gute für uns, daß es dem schweizerischen Publikum, soweit es überhaupt noch nöthig war, die Augen darüber öffnet, mit was für Leuten wir es zu thun hatten. Waren uns auch nicht alle die Schlechtigkeiten bekannt, die, wie es scheint, von Sadleir begangen worden sind, so hatten wir, die Mitglieder der schweizerischen Verwaltung, aus mehrjährigem Verkehre mit unsern englischen Associés doch längst die Ueberzeugung geschöpft, daß wir in sehr schlechte Gesellschaft gerathen seyen. Zu bedauern bleibt eben nur, daß man mit derartigen Leuten so eilig in ein verwickeltes Vertragsverhältniß sich eingelaßen hat. Die Informationen, welche wir 1853 bei achtbaren Häusern über sie einzogen, lauteten günstig; aber unserm gewesnen Unterhändler, Hr. Kilias, kann immerhin der begründete Vorwurf gemacht werden, daß er seinen langen Aufenthalt in London nicht genügend benutzte, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Damit Du Dich einstweilen mit den Rechtsverhältnißen der Südostbahn einigermaßen vertraut machen kannst, sende ich Dir die beiliegenden gedruckten Aktenstände.13 Als Aktionnär hast Du vielleicht einzelne derselben, aber wohl nicht alle erhalten u. vielleicht die empfangnen nicht aufbewahrt; sollte indeßen meine Zusendung ganz überflüßig seyn, so kannst Du diese Exemplare Deinem Collegen Rüttimann abtreten. Nächstens wird ein ausführlicher Bericht der Direktion über unsre Streitigkeiten mit den Engländern die Preße verlaßen.14 Ueber die Rechtsfragen selbst, welche das Schiedsgericht zu beurtheilen haben wird, behalte ich mir vor mündlich mit Dir zu sprechen während der Bundesgerichtssitzung, auf die ich mich des Ortes wegen recht freue, so unerquicklich oder vielmehr unintereßant auch die zu behandelnden Geschäfte seyn werden.15

Herzlich danke ich Dir für Deine freundschaftliche Theilnahme an dem Befinden meiner Mutter16. Es geht ihr im Allgemeinen ordentlich; was die bedeutende Abnahme der | Sehkraft betrifft, so muß diese nun eben als vollendete Thatsache hingenommen werden u. die ärztliche Kunst sich darauf beschränken, eine gänzliche Erblindung abzuwehren. Sehr gefreut hat es mich zu vernehmen, daß es Dir so gut u. Deiner verehrten Frau Mutter17 wenigstens auch wieder etwas beßer geht. Ich wünsche von ganzem Herzen, daß bei ihr nicht wieder Rückfälle eintreten mögen. Bei Dir sind solche wohl nicht mehr zu befürchten; ich wünsche Dir von Herzen Glück zu Deiner Genesung u. daß Du Dich in Deinen neuen Verhältnissen recht befriedigt finden mögest.

Mit vielen Empfehlungen an die werthen Deinigen grüßt Dich

herzlich Dein

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2 Johann Andreas von Sprecher (1811–1862), Mitglied des Kleinen Rats (GR), ehemals Mitglied des weiteren Komitees der Südostbahn, amtete bis Ende Februar 1856 als Anwalt des englischen Konsortiums im Streit gegen die schweizerische Sektion der Schweizerischen Südostbahn. Vgl. Bericht SOB 1855, S. 103–104; NZZ, 2. März 1856.

3 John Gurney (1819–1890), Jurist und Bankier, Abgeordneter für Lynn Regis im britischen Unterhaus, Bevollmächtigter des englischen Konsortiums.

4 Johann Baptist Weder (1800–1872), Grossrat und Ständerat (SG), Kassationsgerichtspräsident. – Weder war bereits früher in Angelegenheiten der Schweizerischen Südostbahn involviert, allerdings als Anwalt der schweizerischen Sektion gegen die englischen Kontrahenten sowie als Obmann in Finanzsachen. Vgl. Bericht SOB 1855, S. 33, 36–37.

5Am 9. August 1855 fand eine Konferenz statt, an der für die Schweizer Seite Weder und Basil Ferdinand Curti (1804–1888), Grossrat und Regierungsrat (SG), für die englische Seite Gurney und Sprecher teilnahmen. Ziel der Konferenz war die Bildung eines ersten Schiedsgerichtes, was jedoch misslang. Vgl. Bericht SOB 1855, S. 33–34.

6 «Alle Streitigkeiten, welche während der Dauer der Gesellschaft der Südostbahn oder bei ihrer Liquidation [...] entstehen, soll[en] durch ein Schiedsgericht ausgetragen werden, für welches jede Partei zwei Schiedsrichter ernennen wird. Diese vier Schiedsrichter vereint ernennen einen Obmann; falls sie sich über dessen Ernennung nicht verständigen könnten, wird dieselbe dem Präsidenten des schweizerischen Bundesgerichtes anvertraut. Das Schiedsgericht spricht endgültig, ohne Weiterzug noch Rekurs.» Constituirungsakt und Statuten SOB, Art. 55, S. 24–25. Vgl. Konvention Gründung Gesellschaft, Art. 17, S. 13.

7 Kasimir Pfyffer (1794–1875), Grossrat und Nationalrat (LU), Bundesgerichtspräsident.

8 Vgl. Bericht SOB 1855, S. 81, 103; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 16. Februar 1856, Fussnote 2.

9Die Provokationsklage, gemäss deren die englische Seite genötigt wurde, ihre Ansprüche klagend geltend zu machen oder andernfalls Schweigen zu bewahren, wurde am 13. März 1856 vor dem Bezirksgericht Plessur in Chur erhoben. Vgl. Bericht SOB 1855, S. 104.

10Die englische Sektion des Generalkomitees und die englischen Aktionäre erhoben wirklich Klage gegen die schweizerische Sektion betreffend Annullierung der Aktien. Daneben wurden weitere Klagen erhoben, unter anderem von Edward Pickering gegen die Aberkennung seiner Funktion als Generalakkordant der Schweizerischen Südostbahn. Diese Frage wurde vor allen anderen vom 1. bis 13. August 1856 vor dem Bezirksgericht Plessur verhandelt und zuungunsten der schweizerischen Sektion entschieden. Zu einem Einsatz des Schiedsgerichtes kam es nicht. Escher und Johann Jakob Rüttimann hatten ihr Mandat zudem bereits im Juli abgegeben, nachdem die Schweizerische Nordostbahn den Beitritt zu den fusionierten Vereinigten Schweizerbahnen abgelehnt hatte. Vgl. Rechenschaftsbericht SOB 1856, S. 8–9; Prot. Dir. SOB, 19. Juli 1856 (S. 147); Escher und die Ostalpenbahnfrage, Absatz 22.

11 John Sadleir(1813–1856), Bankier, Mitglied des englischen Konsortiums und des englischen Generalkomitees der Schweizerischen Südostbahn, beging am 17. Februar 1856 Selbstmord, nachdem er durch betrügerische Transaktionen einen riesigen Schuldenberg angehäuft hatte. Vgl. Matthew/Harrison, Oxford Dictionary of National Biography XLVIII, S. 553–555; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 16. Februar 1856, Fussnote 3. – Die schweizerische Sektion des Generalkomitees teilte in dieser Sache Ende März 1856 mit, die Schweizerische Südostbahn sei weder finanziell noch in ihrem guten Ruf geschädigt worden. Vgl. Bericht SOB 1855, S. 102.

12 Vgl. NZZ, 22. Februar 1856, 26. Februar 1856; Liberaler Alpenbote, 28. Februar 1856; Glarner-Zeitung, 1. März 1856.

13Beilagen nicht ermittelt.

14Gleichentags findet sich in der «Glarner-Zeitung» eine Erklärung der Direktion der Schweizerischen Südostbahn vom 22. Februar 1856, wonach «binnen kurzer Frist ein Bericht der schweizerischen Komitesektion sowohl über den Stand des Unternehmens überhaupt, als über die Anstände gegenüber den englischen Betheiligten dem Druck übergeben und den schweizerischen Aktionären zur Kenntniß gebracht werden» würde. Gemeint ist wohl der Rechenschaftsbericht über das Jahr 1855, der vom 31. März 1856 datiert. Glarner-Zeitung, 27. Februar 1856. Vgl. Bericht SOB 1855.

15Das Bundesgericht trat am 26. März 1856 in Zürich zusammen zur Behandlung von Expropriationsstreitigkeiten, in welche verschiedene Schweizer Eisenbahngesellschaften verwickelt waren. Vgl. NZZ, 30. März 1856; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 17. April 1856.

16 Anna Katharina Blumer-Heer (1791–1873), Tochter der Susanna Heer-Zwicky und des Ratsherrn Joachim Heer; ab 1811 Frau des Kaufmanns und späteren Appellationsgerichtspräsidenten Adam Blumer.

17 Lydia Escher-Zollikofer (1797–1868), Tochter der Elisabetha Zollikofer-Kunkler und des Daniel Hermann Zollikofer, alt Gerichtsherr im Hard; ab 1815 Ehefrau Heinrich Eschers. – Lydia Escher-Zollikofer litt zeitlebens an verschiedenen psychischen und physischen Krankheiten, unter anderem an Gicht. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 56.