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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1477 | FA Tschudi

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 30

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Chur, Samstag, 16. Februar 1856

Schlagwörter: Eisenbahnen Verträge, Krankheiten, Personelle Angelegenheiten, Presse (allgemein), Rechtliches, Schweizerische Südostbahn (SOB)

Briefe

Chur den 16. Februar 1856.

Mein theurer Freund!

Ich darf bei Dir als bekannt voraussetzen, daß unsre Streitigkeiten mit den englischen 6 Vertragsunterzeichnern u. Aktionnären u. der englischen Komitesektion1 der Südostbahn nun durch ein Schiedsgericht ausgetragen werden sollen.2 Dieselben betreffen a) die von unsrer Direktion zufolge des ihr durch die Ragazer Vergleichskonvention eingeräumten Rechtes verfügte Aktienannullirung, b) die von der schweizerischen Sektion behauptete Verwirkung der Baurechte der 6 Vertragsunterzeichner u. der Bauleitung des englischen Komite's, überhaupt die rechtliche Stellung beider englischer Partheien zur Südostbahn.3 Schweizerischerseits haben wir nun geglaubt für die von uns zu bezeichnenden zwei Schiedsrichter keine beßern Wahlen treffen zu können, als indem wir Dich u. Rüttimann dazu ernannten.4 Ich bin zum voraus überzeugt, daß wir Dir kaum einen angenehmern Collegen hätten beigeben können; daher über ihn kein weiteres Wort! Was aber Dich betrifft, so bin ich eigentlich stolz darauf, daß mein Vorschlag bei meinen Collegen vom prozeßleitenden Ausschuß ( Curti5 u. Baumgartner6 ) durchgegangen ist; denn Jedermann giebt zu, daß eine geeignetere Person, um unsre schwierigen Rechtshändel zu entscheiden, nicht hätte gefunden | werden können, da Du mit gründlichen Rechtskenntnißen eine tiefe Einsicht in alle Eisenbahnverhältniße u. eine warme Vorliebe für unsre bis jetzt unglückliche, aber doch noch einer beßern Zukunft fähige Südostbahn verbindest. Ich weiß wohl, es ist beinahe unbescheiden, daß wir Dir zumuthen eine solche Stelle zu übernehmen in einem Augenblicke, wo Du noch als Rekonvaleszent zu betrachten bist u. Dir näher liegende Geschäfte noch nicht übernommen hast. Indeßen wird, da ein einfacher Schriftenwechsel vorausgehen soll, die mündliche Verhandlung vor dem Schiedsgerichte nicht vor dem Monat April stattfinden, u. bis zu diesem Zeitpunkte darf wohl Deine völlige Genesung mit allem Grunde gehofft werden; auch wird, da die Bezeichnung des Ortes dem Obmann des Schiedsgerichtes überlaßen ist, die Verhandlung auf Deinen Wunsch wohl in Zürich stattfinden können. Vorher sollten allerdings die vier Schiedsrichter zur Wahl des Obmanns zusammentreten; allein da Dir selbst in Verbindung mit dem erstgewählten Schiedsrichter der Gegenparthei die Einberufung übertragen ist, so könntest Du sogar auf Dein Zimmer einladen. Daneben wagen wir es als einen für uns sehr günstigen Umstand zu betrachten, daß Du nicht mehr wie früher mit Geschäften überhäuft bist, so daß wir hoffentlich doch nicht zu befürchten brauchen, daß Du Dich mit Mangel an Zeit entschuldigen werdest. Allerdings wirst Du der Angelegenheit einige Tage Opfern müßen, allein so gar verwickelt ist die Sache denn doch nicht, daß Du Dich nicht mit großer Leichtigkeit in dieselbe hineinarbeiten wirst. Solltest Du etwa noch auf Deine | Eigenschaft als Aktionnär Dich berufen wollen, in der Meinung, daß in Folge derselben Deine Stellung keine ganz unbetheiligte sey, so habe ich Dir hierüber nur zu bemerken, daß wir unserm Gegenanwalde7 gegenüber zuerst den Grundsatz festzuhalten suchten, es sollen keine Aktionnäre gewählt werden, allein an seiner hartnäckigen Weigerung scheiterten u. darauf von beiden Theilen übereingekommen wurde, die Wahl der Schiedsrichter ganz frei zu geben. Du kannst Dich auch jedenfalls vollständig darauf verlassen, daß Dir Niemand Befangenheit vorwerfen wird, da Du Dich bisher in Sachen der Südostbahn, namentlich was die Streitigkeiten mit den Engländern betrifft, vollkommen neutral verhalten hast. Ich ersuche Dich daher recht angelegentlich u. dringend, uns den großen Gefallen zu erweisen, die Schiedsrichterstelle annehmen zu wollen;8 es wäre uns unmöglich, im Falle einer Ablehnung in geeigneter Weise Dich zu ersetzen, u. es würde daraus neuer Zeitverlust entstehen, während es für unser Unternehmen von der höchsten Wichtigkeit ist, daß der Prozeß so bald als möglich entschieden werde.

Die Schiedsrichter der Engländer sind Ständerath Seiler9 in Wyl u. Advokat Casparis10 aus Graubünden; doch ist die Annahme des Erstern noch ungewiß.11 Zu bedauern ist der fast etwas trölerische Ratifikationsvorbehalt Sprecher's12, von dem Du aus der offiziellen Zuschrift13 erfahren wirst; doch hat derselbe eigentlich keine andre Wirkung, als daß die Konstituirung des Schiedsgerichts bis zu erfolgter Ratifikation, an welcher kaum zu zweifeln ist, verschoben werden muß. Die Anzeige der Wahl wollten wir halt doch abgehen laßen, weil sonst die Zeitungen uns zuvorgekommen wären, da die Sache hier bereits bekannt ist.

In der Hoffnung also, eine günstige Antwort von Dir zu erhalten, grüßt Dich herzlich

Dein

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Das Generalkomitee der Südostbahn setzte sich aus zwei je sechs Mitglieder umfassenden Sektionen zusammen, einer schweizerischen und einer englischen. Das englische Generalkomitee war nicht identisch mit dem englischen Konsortium. Von diesem nahm nur John Sadleir (1813–1856) Einsitz im Komitee. Die restlichen fünf englischen Komiteemitglieder (Robert Gillman, Thomas Hawes, Robert Keating, Anthony Norris, Thomas Vyner) wurden von der schweizerischen Sektion nicht akzeptiert, da sie trotz entsprechenden Zusicherungen keine Aktien zeichneten, sondern als vorgeschobene Strohmänner fungierten. Aktionäre waren neben den Mitgliedern des Konsortiums der Bauunternehmer Edward Pickering und der Schienenlieferant Joseph Robinson. Vgl. Bericht SOB 1855, S. 78; The South-Eastern Railway of Switzerland. Prospectus, Cornhill (London) o. J. (StAGR C VIII 16 d); SOB, Verzeichnis Actionäre.

2Am 16. Februar 1856 wurde ein Kompromissvertrag ausgehandelt, in welchem die statutengemässe Einsetzung eines Schiedsgerichtes festgehalten wurde. Vgl. Bericht SOB 1855, S. 81; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 27. Februar 1856, Fussnote 5.

3Bereits Ende August 1855 hatten die englische und die schweizerische Seite in Bad Ragaz einen Vertrag zur Beilegung ihrer Differenzen abgeschlossen. Die Engländer verzichteten auf die Bauleitung und verpflichteten sich, den Termin für die dritte Einzahlung einzuhalten. Da dies nicht der Fall war, kam es zu einer Annullation der englischen Aktien. Vgl. Bericht SOB 1855, S. 48–49, 56; Convention zwischen der schweizerischen und der englischen Sektion des Generalkomite's zu Beilegung der Differenzen (vom 29. August 1855), Abs. 3, 5, in: Prot. Versammlung SOB 1855, S. 8–10; Wegmann, Vereinigte Schweizerbahnen, S. 45.

4 Vgl. Prot. Dir. SOB, 16. Februar 1856 (S. 34).

5 Basil Ferdinand Curti (1804–1888), Grossrat und Regierungsrat (SG), Mitglied der schweizerischen Sektion des Generalkomitees der Schweizerischen Südostbahn.

6 Gallus Jakob Baumgartner (1797–1869), Grossrat (SG), einer der drei Direktoren der Schweizerischen Südostbahn.

7 Johann Andreas von Sprecher (1811–1862), Mitglied des Kleinen Rats (GR), ehemals Mitglied des weiteren Komitees der Schweizerischen Südostbahn, Anwalt des englischen Konsortiums im Streit gegen die schweizerische Sektion der Schweizerischen Südostbahn.

8Escher akzeptierte die Wahl. Vgl. Prot. Dir. SOB, 26. Februar 1856 (S. 39); Bericht SOB 1855, S. 81.

9 Carl Georg Jakob Sailer (1817–1870), Ständerat (SG).

10 Johann Anton Casparis (1808 –1877), Grossrat (GR), Anwalt.

11Die Zusammensetzung des Schiedsgerichts wurde in dieser Form auch von der Presse wiedergegeben. Vgl. NZZ, 21. Februar 1856; Intelligenzblatt für die Stadt Bern, 22. Februar 1856; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 27. Februar 1856.

12 John Gurney als Bevollmächtigter der englischen Sektion genehmigte den Kompromissvertrag tatsächlich nicht bedingungslos. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 27. Februar 1856.

13Schreiben nicht ermittelt.