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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1470 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Montag, 31. Dezember 1855

Schlagwörter: Berufsleben, Demissionen, Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Finanzierung, Familiäres und Persönliches, Kirchenrat ZH, Krankheiten, Regierungsrat ZH, Schweizerische Südostbahn (SOB), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Glarus den 31 Dezember 1855.

Mein theurer Freund!

Ich kann den gegenwärtigen Jahreswechsel nicht vorbeigehen lassen, ohne einige Zeilen an Dich zu richten u. Dir vor Allem meine herzlichen Wünsche für Deine völlige Genesung u. überhaupt für ein glücklicheres neues Jahr, als das abgelaufne für Dich war, zukommen zu lassen.

Es ist nun schon recht lange her, daß wir uns nicht mehr gesehen haben, u. bei meinem letzten kurzen Besuche in Zürich, der vorzüglich den Zweck hatte, zuverläßige Nachrichten über Dein Befinden zu erhalten, hat es mir doppelt leid gethan, daß ich Dich nicht persönlich sprechen konnte. Wie es Dir seither gegangen ist, darüber weiß ich durchaus nichts Näheres; indessen hoffe ich zuversichtlich, daß Deine Gesundheitsumstände, wenn auch etwas langsam, wie das nach so schwerer Krankheit sich kaum anders erwarten läßt, doch immer mehr sich gebessert haben. Fast noch mehr bin ich gegenwärtig für Deine gute Mutter besorgt, über deren Befinden meine letzten Nachrichten ungünstig lauteten; möge auch ihr das unschätzbare Gut der Gesundheit bald wieder zu Theil werden! Ihr habt in Eurer Familie eine schwere Zeit herber Leiden durchmachen müssen; daß ich, wie alle deine Freunde, dieselben lebhafte mitempfunden habe, brauche ich Dir wohl nicht erst zu sagen. Wir waren eine Zeit lang in banger Sorge um Dich u. danken Gott dafür, daß durch die ärztliche Kunst die Gefahr hat abgewenet werden können. Deinen einstweiligen Rücktritt von den Regierungsgeschäften, so sehr mich derselbe im ersten Augenblicke überraschte u. schmerzlich berührte, habe ich doch, nachdem mir der ganze Sachverhalt näher bekannt geworden, nur billigen können. Du wirst auch jetzt noch, wenn Du wieder in den vollen Besitz Deiner Kraft | gelangt seyn wirst, Geschäfte genung vorfinden, die Deine Thätigkeit in Anspruch nehmen werden, u. wenn ich auch – weniger in Deinem, als in des Vaterlands Interesse – von ganzem Herzen hoffe, daß Du mit der Zeit Deine ganze frühere Stellung wieder einnehmen werdest, so möchte ich Dir doch für den Augenblick eher empfehlen, nicht allzuschnell Dir wieder mehr aufbürden zu lassen als Deiner Gesundheit vielleicht zuträglich wäre. Du hast, obgleich noch ein junger Mann, in Deinem Leben bereits so Vieles geleistet, daß Du Dir nun wohl einige Ruhe u. Erholung gönnen darfst, welche Dich befähigen wird, später nur um so kräftiger u. ungestörter wieder für des Landes Wohl zu arbeiten. So löblich es ist, seine ganze Zeit u. Kraft dem gemeinen Besten zu opfern, so darf doch dabei auch die Pflicht der Selbsterhaltung nie ganz außer Acht gesetzt werden.

Was mich betrifft, so kann ich im Hinblicke auf so mache meiner Freunde u. Jugendgenossen, die im abgelaufnen Jahr theils vom Tode dahingerafft, theils von schweren Krankheiten heimgesucht worden sind, mich nicht genung glücklich schätzen, daß mir der Himmel bis dahin eine so ungetrübte Gesundheit verliehen hat. Auch meine l. Frau hat sich in letzter Zeit des besten Wohlseyns erfreut, u. die trefflichen Eigenschaften ihres Geistes u. Herzens tragen nicht wenig zu meinem Lebensglücke bei. Bei meinen Eltern macht dagegen das vorrückende Alter auch immer mehr seine Rechte geltend, u. sie werden wohl in Zukunft mehr als bisher unsrer Pflege bedürfen. Insbesondere ist meine l. Mutter im letzten Halbjahr auch schwer geprüft worden; in Folge allgemeinen Körperleidens hat sie ihr schon früher so schwaches Gesicht nun fast gänzlich verloren. Es ist zwar der ärztlichen Kunst gelungen dem vorschreitenden Uebel Einhalt zu thun so daß sie wenigsten nicht ganz blind geworden ist; allein arbeiten u. lesen kann sie nicht mehr, was einer Frau, die einen so lebhaften Geist hatte u. zum Theil noch hat, um so schwerer fallen muß. Du kannst dir wohl denken, daß uns alle dieser Zustand schmerzlich berührt u. daß wir nicht ohne Sorge in die Zukunft blicken! – Meine | hauptsächliche Thätigkeit war in letzter Zeit der Fortsetzung meiner«Staats- u. Rechtsgeschichte» zugewendet. Das einmal angefangne Werk zu vollenden betrachte ich eben so sehr als eine Ehrensache, wie mir diese wissenschaftliche Beschäftigung, so oft ich zu ihr zurückkehre, immer zur größten innern Befriedigung gereicht. Freilich lasse ich meine Leser lange warten, was theils in den vielen praktischen Geschäften, die namentlich früher, zum Theil aber auch noch in letzten Jahren meine Zeit in Anspruck nehmen; theils in dem, beim Fortschreiten gegen die neuere Zeit hin immer massenhafter werdenden Stoffe, der nur mit vieler Mühe zu bewältigen ist, seinen Grund hat. Gelingt es mir, das viele u. noch wenig bearbeitete Material, welches ich gesammelt habe, in eine genießbare Form zu bringen, so hoffe ich dem Publikum, welches sich für derartige Forschungen interessirt (u. an ziemlich weiter Theilnahme hat es bisher meinem Werke nicht gefehlt), im zweiten Theile viel Interessantes darbieten zu können. Der Druck desselben soll, wenn nicht neue Abhaltungen eintreten, im nächsten Frühlinge beginnen. Im Uebrigen sind Dir meine Amtsgeschäfte, kantonale u. eidgenössische, die seit Jahren sich gleich geblieben sind, bekannt. Soll ich denselben auch meine Stellung als Mitglied des Südostbahncomite's beizählen, so ist diese Angelegenheit freilich nicht ganz erfreulicher Natur, u. wenn es ganz nach meinem Willen gegangen wäre, so wäre ich schon längst jener Stellung enthoben. Indessen muß ich freudig anerkennen, daß wenigstens die kollegialen Verhältnisse unter den Mitgliedern der Verwaltung bis dahin durchaus freundlich waren, wie es unter «sociis malorum» sonst nicht immer der Fall ist. Was die Sache selbst betrifft, so haben uns eben die Engländer mit ihrer Treulosigkeit u. ihren schlechten Chikanen heillos aufgehalten u. dem Kredite des Unternehmens allerdings nicht wenig geschadet; gelingt es uns nun aber, auf verständige Weise derselben los zu werden, so gebe ich die Zukunft des Unternehmens noch nicht auf, wenn ich auch nicht gerade, wie die HH. Planta u. Schultheß, den Himmel immer voll Baßgeigen sehe. Am schlimmsten wäre es, wenn beim Mangel genügender finanzieller Kräfte im Schooße der Verwaltung selbst u. der Aktionäre die beiden Linien einander in die Haare geriethen. Die versprochne Million von Zürich wäre weniger des Geldbetrages, als des moralischen Gewichtes Eures Kantons wegen ein sehr wichtiger Sukkurs für die Linthlinie. Am Wallensee sollen die Arbeiten diesen Winter beginnen.

Doch ich will schließen! Mit dem herzlichsten Neujahrswunsche also für Deine Gesundheit u. diejenige Deiner verehrten Mutter, der ich mich bestens zu empfehlen bitte, grüßt Dich herzlich

Dein

Dr. J J Blumer.