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Korrespondenz: Alfred Escher – Robert Weber
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  • von Robert Weber, 28. April 1855 Schlagwörter: Kirchenrat ZH, Einzelschicksale/Härtefälle, Bittbriefe (diverse), Eidgenössisches Polytechnikum, Rechtliches, Eidgenössischer Schulrat, Finanzielle Unterstützungen, Universitäre Studien AES B1433
  • von Robert Weber, 13. Dezember 1856 Schlagwörter: Finanzielle Unterstützungen, Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen AES B1535
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AES B1433 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#532*

Robert Weber an Alfred Escher, Zürich, Samstag, 28. April 1855

Schlagwörter: Bittbriefe (diverse), Eidgenössischer Schulrat, Eidgenössisches Polytechnikum, Einzelschicksale/Härtefälle, Finanzielle Unterstützungen, Kirchenrat ZH, Rechtliches, Universitäre Studien

Briefe

Zürich, den 28ten April 1855.

Hochzuverehrender
Herr Regierungspräsident!

Es ist Ihnen ohne Zweifel nicht unbekannt, daß ich mich veranlaßt gefunden habe, von der von mir seit bald 6 Jahren bekleideten Pfarrstelle Riffersweil meine Entlassung zu nehmen, die mir auch vom h. Kirchenrathe auf Ende Juni unter Verdankung geleisteter Dienste geworden ist. Veranlassung hiezu war meine seit letztem Jahr durch böswillige Gesinnung kundgewordene ökonomische Lage, die durch eine zwischen mir und meiner Gattin nöthig gewordene Ehescheidung verschlimmert, von anderer Seite benutzt wurde, mich aus meinem bisherigen Wirkungskreis, indem ich stets nur rühmliche Zeugnisse bis auf heute erhalten habe, zu verdrängen.

Vor zwei Jahren habe ich, von dem dringenden Bedürfniß einer neuen Bibelübersetzung u. Erklärung gemäß dem Standpunkte der jetzigen Exegese auf's inniste überzeugt ein Bibelwerk begonnen, das diese Aufgabe lösen sollte und das ich auf eigene Kosten drucken ließ, weil die Buchhandlung Scheitlin in Stuttgart mich erst bei der zweiten Auflage mit 2500 fl. | honoriren wollte. Ich schloß also den Vertrag im Glauben an die Zukunft meines Werkes. Dasselbe wurde von allen Seiten her mit Freuden begrüßt und ihm ein wissenschaftlicher bleibender Werth zugestanden. Im ersten Halbjahr zeigten sich für dasselbe nur innerhalb des Kts. Zürich, gegen 400 Abonnenten. Da brach die Theurung und der Mangel, der Krieg mit gänzlicher Stockung des Buchhandels herein u. der Absatz war aus begreiflichen Gründen nicht derjenige, den das Werk ohne Zweifel haben muß, sobald wieder eine etwas bessere Zeit eintreten wird. Aber ich hatte Credit, ich hoffte diese Krisis, die sich für mich zu zeigen anfing, überstehen zu können, als die Schwäche und Charakterlosigkeit meiner Gattin in blinder Wuth meinen Creditoren meine Lage resp. meinen Vermögens zustand absichtlich offenbarte in der Meinung bei ihnen eine Hülfe gegen mich zu finden, damit ich die Scheidungs klage wieder zurücknehme. Ja, ihre Leidenschaft ging so weit, daß sie öffentlich erklärte, sie wolle mich in 4 Wochen zum Falliten machen! –

Diese Drohung, mit allen Mitteln versucht, ist nun zwar nicht in Erfüllung gegangen; aber das rücksichtslose, u halb wahnsinnige Treiben hat mich meine Stelle gekostet. Ich schloß mit meinen sämmtlichen Gläubigern, die gegen mich großentheils warme Theilnahme bezeigten, ein Akkomo dement auf 15 Prozent ab. Zugleich drang man von allen Seiten in mich, mich an Herrn Zürrer in Hausen | zu wenden, daß er mir ca 2700 Fr auf meine besessene Fahrhabe auf 6 Jahre hin anvertraue. Er versprach es, mehrfach durch die Vorsteher meiner Gemeinde u. von anderer Seite dafür angegangen. Er leitete selbst eine Versammlung meiner Creditoren in Zürich, wo Jederman erklärte, man wolle mich nicht von meiner Stelle vertreiben. Als aber das Halbjahr, durch welches hin der Pfandschein Gültigkeit hatte, bald gestrichen war, erklärte Herr Zürrer (in der letzten Woche) er könne mir um verschiedener Gründe willen nicht helfen. Damit war ich gesprengt. Ich gab meine Entlassung ein u. ließ die Versteigerung vor sich gehen. Seither lebe ich in Zürich mit meinen beiden Kindern, geschieden von meiner Frau u. harre der völligen faktischen Trennung durch das Gericht, die nicht ausbleiben kann.

Doch, ich schweige von diesen düstern Erinnerungen, indem ich die überströmenden Gefühle in mein Inneres zurückdränge. Ich schied ohne Groll aus meiner Stellung; ruhig u. gefaßt bin ich seither geblieben; ich habe tiefe Blicke in's Leben gethan, die für meine Natur allein das Heilmittel sein können, das mir Niemand sonst zu geben vermochte. Ich fühlte, daß meine Stellung schon seit längerer Zeit und verschiedener Gründe willen unhaltbar geworden; um so weniger konnte ich über den Schritt zweifeln, den ich zu thun hatte. Indem ich jetzt die Zeit meiner Wirksamkeit im Bezirke Affoltern überdenke fühle ich schmerzlich, wie ich nicht ganz ohne Schuld in diese Verhältnisse gekommen bin. Ein unglücklicher Schritt war meine Verehlichung, die zwar nicht wie die Gemeinheit behauptete, von der Schuld diktirt, sondern durch einen ver kehrten Idealismus herbeigeführt wurde. Ich habe schwer | und bitter dafür gebüßt. – Ich habe vielleicht da u. dort zu schroff geurtheilt und gehandelt; aber dieses Bewußtsein habe ich immer noch, daß es mir um die Sache und um nichts anderes zu thun war. Ich kam jung und zum Theil in öffentlichen Dingen noch ziemlich unerfahren, aber voll reformatorischer Ideen in den Bezirk Affoltern; ich machte sie geltend, ferne davon mich für unfehlbar zu halten. Um des Bezirkes willen allein ließ ich mich verleiten die Redaktion eines politischen Blattes zu übernehmen. Man zählte mich zu den Sozialisten. Aber immer habe ich vor dem Sozialismus gewarnt u. nur das Gute von demselben auf legalem Weg einzuführen gerathen; man schwärzte mich von gewißer Seite her an, weil ich eine Sekundarschule Hedingen mit allen stichhaltigen Gründen im Interesse der Wohlfahrt des untern Theiles des Bezirkes wünschte, weil ich in der höchst fatalen Angelegenheit betreffend das Armen- u. Waisenhaus Kappel das dringend Nothwendige, vielleicht unklug zu stark u. zu offen betonte. –

Nun die Reihe der letzten Jahre überschauend fühle ich, wie ich in andern Verhältnissen u. in anderer freieren Gemüthsstimmung auch milder hätte auftreten müssen. Dieses Bewußtsein schmerzt mich um so mehr, da ich so selbst Veranlassung gegeben habe zu der Verkennung, die mir von manchen Seiten her geworden ist. Aber noch bitterer muß ich mich nun darüber kränken, daß man da u. dort mir Dinge zur Last legt, die wer mich kennt, nie von mir sagen würde. Es ist aber der Fluch, der auf dem Unglück liegt, daß es gar zu oft mit jüdischen statt mit christlichen Augen angeschaut wird!

Verzeihen Sie mir, daß ich Dinge berühre, | die mein Inneres so sehr noch erfüllen, daß es mir schwer wird Alles zusammenzufassen. Ich thue es auch nicht gerne; ich sehne mich nach einem ruhigern, meiner Natur angemessenen Wirkungskreise, in dem ich als ruhiger Bürger rein der Wissenschaft u. der Kunst zu leben vermöchte! –

Verrathen, verkannt, verlassen wende ich mich an Sie, hochzuverehrender Herr! Sie haben schon einmal in meinem Leben durch geneigtes Wohlwollen mir Gelegenheit gegeben, meine Studien auf einer auslän dischen Universität zu vollenden. Ich muß Ihnen dafür immer dankbar bleiben. Ich habe nicht vergessen, wie ich eine lange Reihe von Jahren die Unterstützung des Staates genoß u. der Gedanke ist für mich peinlich, dem Vaterland, das mir soviel gegeben, nicht wieder u. bis an meinen Tod dienen zu können! Wie glücklich wäre ich, wenn ich der Hoffnung leben dürfte, daß es mir vergönnt sei, in meinem rechten Vaterlande wieder eine Stelle zu bekleiden! Und wie dankbar wollte ich sein, wenn mir dadurch Gelegenheit gegeben würde als Vater für meine beiden lieben Kinder sorgen zu können! Meine ökonomischen Verhältnisse würden sich in dem Falle, wo ich nur Aus sicht hätte wieder eine feste Stelle zu erhalten, sogleich leicht regeln u. gänzlich beseitigen lassen. Darf ich es wagen, Sie um Ihre gütige Mitwirkung zu diesem Ende zu bitten? |

Ich habe mich auf die Lehrstelle für deutsche Literatur am Polytechnikum gemeldet u die nöthigen Papiere diese Woche dem Tit. Präsidenten des Schulraths eingegeben. Ich glaube, da ich eine große Zeit meiner Studien, namentlich aber bei Vischer in Tübingen mich mit Ästhetik u Literatur beschäftigt habe u. einmal sogar Willens war, wirklich dieses Fach zu meinem Lebensberuf zu machen, in einer solchen Stellung Etwas leisten zu können. Auch entspräche sie so sehr meiner innern Neigung, daß ich mich glücklich fühlen würde, diese Harmonie des innern Berufes u. der äußern Stellung in mein Dasein gebracht zu haben. Wenn Sie von mir Etwas glauben erwarten zu können (und ich würde mir's zur angenehmen Pflicht machen dem Amte Ehre anzuthun) so legen Sie für mich vorkommenden Falls ein Fürwort ein! Näher habe ich mich im Curriculum vitae ausgesprochen, das Ihnen ohne Zweifel ebenfalls zu Gesichte kömmt.

Mag es immerhin kommen mit mir, wie es will, ich weiß daß ich dem Idealen treu bleibe. Nur gereinigt u geläutert bin ich aus dem Ungemache heraufgestiegen u. die geistige Kraft und Gesundheit ist mir wieder reicher u. frischer als je gekommen. Aus eben diesem Grunde werden Sie mir verzeihen, daß ich Sie so weitläufig u. dennoch so oberflächlich in Anspruch nehme; ich glaube noch an eine bessere Zukunft für mich, weil ein Theil in mir ist, an den kein Schicksal reicht.

Mit der innigen Bitte mir Ihr geneigtes Wohlwollen in meiner bedrängten Lage zuzuwenden zeichne mit ausge zeichneter Hochschätzung
Ihr dankbar ergebener

Rob. Weber, Pfr.
zu Riffersweil, Zürich gr Stdt No 210. B.