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Korrespondenz: Alfred Escher – Jakob Stutz
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  • von Jakob Stutz, 3. Februar 1855 Schlagwörter: Bildungswesen, Finanzielle Unterstützungen, Bittbriefe (diverse), Vereine und Gesellschaften (allgemein) AES B1395+
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AES B1395 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#483*

In: Jung, Escher Briefe, Band 5, Nr. 28

Jakob Stutz an Alfred Escher, s.l., Samstag, 3. Februar 1855

Schlagwörter: Bildungswesen, Bittbriefe (diverse), Finanzielle Unterstützungen, Vereine und Gesellschaften (allgemein)

Briefe

Hochgeehrter Herr! 1

Verzeihen Sie, wenn ich mich in der gebührenden Höflichkeit gegen Sie verfehle u verzeihen Sie, wenn ich Ihre vielen, vielen Mühen hiemit noch mit einer vermehre. Ich will Ihnen gleich sagen wer ich sei: Ich bin nur der J. Stutz von Jakobszell im Sternenberg2, u eben der unglückselige Sternenberg veranlaßt u drängt mich Ihnen, privatim, vielleicht einen großen Brief zu schreiben. Ob ich mich auch schon tausend Mal, aus guten Gründen, dagegen wehrte, muß ich mich doch immer u immer wieder um das Leben des niedrigen Volkes bekümmern, indem mir immer eine grauenvolle Zukunft für dasselbe, so wie auch für viele Andere, vor der Seele schwebt. Gebe Gott, daß Dies nur als ein flüchtiges Traumbild, unverwirklicht u unbeschadet zerfließe! Aber alles Wünschen kann mich nicht beruhigen, ich muß dennoch klagen u ängstlich sein, in dem mir immer die Verkehrtheiten in der Erziehung u in Führung des häuslichen Lebens im Volke, so klar vor der Seele schweben weil ich so oft u viel selbst Augenzeuge von Allem dem sein muß. Lassen Sie mich auch Ihnen klagen u mein Herz vor Ihnen ausschütten. Mit herzlichem Dank erkenne ich das viele, viele Gute, das der Staat u die freiwillige Wohlthätigkeit schon an dem armen Sternenberg gethan hat u ja nur einzig in der christlichen Absicht, durch die großen Opfer gründlich zu bessern u auf die Dauer zu helfen. Ein Gleiches geschah in geistiger Beziehung, durch Hersendung besserer Geistlichen u Lehrer. Aber, mein lieber, verehrter Herr, weder durch die verbesserte Volksschule seit den 30-Jahren, noch durch die eben bezeichneten besondern Begünstigungen, konnte die Quelle alles Übels auch nicht im Geringsten gestopft werden. Und diese Quelle alles Unheils, die liegt eben im häuslichen Leben des armen Volkes, u so lange man dieser nicht beikommen kann, so lange wird nicht geholfen u das Übel muß größer werden. Wer da Augen zum Sehen hat, dem ist es längst schon klar geworden, daß bloßes Predigen u Lehren, u wenn es auch auf die beste Weise geschähe, nicht genügend ist, so wenig als das bloße Almosen den Liederlichen zu bessern vermag, im Gegentheil seinen argen Leidenschaften noch Nahrung verleiht. | Sehen Sie, die meisten Eltern sind in der Erziehung ihrer Kinder so unwissend u verstockt, wie man es bei den Heiden kaum schlimmer treffen mag. Auf Bildung des Geistes wird durchaus keine Rücksicht genommen, wenn ihnen das Kind nur materiellen Nutzen gewährt. Aber dieser materielle Nutzen wird durch die verkehrte Führung der Wirthschaft vergeudet u so wird das Kind arm u verdorben an Leib u Seele. Gesetzlicher Zwang führt die Kinder zu Schule, da müssen sie lernen u gehorsam sein. Sie kommen nach Hause, werfen ihre Büchlein in den Winkel u wenn sie wochenlang nicht mehr zur Schule müßten, würde kein Buch, keine Feder mehr zur Hand genommen. Da dürfen sie jede freie Stunde, ja Tage pur verschländern u sie einmal konfirmirt, dann wird Buch u Feder auf ewig gute Nacht gesagt u nach kurzer Zeit können gar Viele kaum mehr lesen u vom Schreiben ist nur keine Rede, das ist rein vergessen. Da ist Zeit u Geld auf die nutzloseste Weise verschwendet u wir haben Leute so unwissend wie ehemals. So gerade verhält es sich auch mit der Arbeitsschule. Ich gab mir viele Mühe, daß auch Knaben könnten stricken u flicken lernen, denn für solche wär's doppelte Wohlthat. Aber die meisten dieser Kinder kommen da aus der Schule heim, werfen ihre Strickerei in einen Winkel u nehmen sie nicht mehr zur Hand, bis sie wieder zur Schule müssen u dürfen wieder Tage lang müssig gehen. O, wenn ich das sehe, die vielen Opfer erwäge u an die Zukunft denke, dann blutet mir das Herz u ich muß in meiner Einsamkeit nur jammern u klagen, daß Alles gehen muß u keine Hülfe kommt. Doch, wie helfen? – werden Sie vielleicht sagen. Müßte man da nicht jedem Haus einen Lehrer, einen Pfarrer u vielleicht auch einen Polizeisoldaten geben? – Es schiene so u doch, nach meiner Ansicht u praktischen Erfahrung, müßte es nicht so sein. Aber hier muß ich von mir selbst reden u möchte Sie nur bitten es nicht als Selbstlob aufzunehmen; tausend Mal lieber wollte ich es von einem Andern erzählen. Vor ungefähr 11 Jahren schon, baten mich einige junge Leute in meiner Umgebung, um Unterricht im Briefschreiben. Ungern entsprach ich ihnen, weil ich mir fest vorgenommen hatte, für mich allein zu sein. Die Bitten u die gute Sache bewogen mich endlich zu entsprechen. Im Kurzen gesagt, entstand, nach einem Jahr, aus diesem Verein eine Jugendgesellschaft, deren Hauptzweck geistige Fortbildung war, wozu sich jedes Mitglied verpflichtete ein Tagebuch zu führen, in jede Sitzung einen selbst verfaßten Aufsatz zu bringen u sich so in der Schriftsprache zu üben. Die meisten Mitglieder machten erfreuliche Fortschritte. Der Verein vervollkommnete sich immer mehr, endlich wurde Alles darin geübt, was zur Bildung des Herzens u Geistes gehört u was sie mit nützlichen Kenntnissen bereichern könnte. Das Ganze aber war nur Wiederholung dessen, was man in Kirche u Schule gelernt hatte. Endlich wurden noch folgende §§ in die Statuten aufgenommen: Keine verschwenderischen Anlässe zu besuchen, an dem verderblichen Nachtschwärmen, an Haußgelagen u weder am Karten- noch Kegelspiel Theil zu nehmen usf. Diese §§ wurden fest gehandhabt u ich kann Ihnen mit Wahrheit sagen, daß von den | Treugebliebenen, keiner, weder ein Säufer noch Spieler noch ein Müssiggänger geworden ist, nein, sie sind fleißige, mässige, verständige Männer u Einzelne glückliche Ehgatten geworden. Diejenigen aber, welche nach kurzer Zeit aus dem Verein getreten, wurden das gerade Getheil u leben in Armut u Unglück, während die Andern sich einen schönen SparPfenig u geistiges Gut erworben haben. Ferner wirkte dieser Verein auch günstig auf andere Leute in der Umgebung. Die Biblothek desselben aus 300 Bänden bestehend, welche ihm von wohlthätigen Leuten geschenkt worden war, wurden nicht allein von den Mitgliedern u deren Eltern, sondern auch noch von andern Leuten mit Nutzen gelesen. Auch waren diese Mitglieder mir eine kräftige Stütze bei Stiftung der Jugendsparkasse 1845.3 Später gründete der Präsident der Gesellschaft, Ul. Furrer4 von Obermatt, einen ähnlichen Verein für Knaben den er selbst leitete, der sich aber nach drei Jahren, bei seiner Verheirathung u Versetzung ins Appenzellerland, wieder auflöste. Ein Beweis, daß Furrers Bemühungen nicht vergeblich waren, leistete mir, da sich nach anderthalb Jahren, nämlich letzten Frühling, der Knabenverein, aus eigenem Trieb, wieder neu konstituirte, dies Mal aber, unter Aufsicht u theilweiser Leitung der Eltern selbst, bei denen sich die Mitglieder zur Aufnahme zu melden haben u dann das Weitere verfügen. So hat sich auch ein Mädchenverein, unter etwas abweichenden Statuten gebildet, aber Alles berechnet auf Veredlung u Verbesserung des Volkslebens u Förderung häuslichen Glückes.

Das wären so, im Kurzen gegeben, die Mittel, welche mir für Volksbildung u Volkserziehung, geeignet schienen, wofür ich alle Geistlichen, Lehrer u Behörden um Hülfe anflehen möchte. Aber ich weiß zum Voraus, ich werde nicht erhört, mir bleibt nicht einmal der Trost, daß nur irgendwo Versuche gemacht würden. Nein, nein, man versteht gar nicht wie ich's meine. Habe schon oft die hiesigen Lehrer gebeten Versuche zu wagen, aber keiner, keiner will angreifen u doch sollten sie klar sehen, daß es so nicht geht, daß wenn nun auch die jetzigen Jungen wieder Spieler, Schwelger u Nachtschwärmer werden, statt dessen nicht edlere Freuden lieben lernen, immer u ewig nicht kann geholfen u wir niemals bessere u verständigere Hausväter u Hausmütter bekommen werden.

O, ich weiß wie Viele auf diesem Wege vor Noth u Armut könnten gerettet werden, wie viele von den jungen Leuten Lust u Liebe zeigten einem solchen Verein beizutreten, aber hier wohnt man zu weit auseinander u keine Seele ist, welche sich einer solch zerstreuten Herde thätig annehmen würde. Aber ein solcher Führer darf durchaus kein Schöppler u Spieler, ja kaum ein «Dubäckler » u auch kein «Nachtbueb» sein. Darum eben wollen unsere Lehrer – – – doch, ich will nicht reden. |

Ach, mein Brief ist schon Ellen lang u hätte ich über diesen Gegenstand noch so viel, so viel zu sagen. Nur Eines noch, verehrtester Herr. Ich habe dem Knabenverein den Anfang zu einer kleinen Bibliothek gemacht, hätten Sie etwa ein geeignetes Büchlein übrig, so bitte ich Sie dringend, es demselben zu schenken. Gewiß Sie thun ein gutes Werk. Ihre Theilnahme wird diese jungen Leute, so wie deren Eltern unaussprechlich freuen u sie ermuntern den eingeschlagenen guten Weg ferner zu verfolgen. Ja, thun Sie doch das. Auf mich muß keine Seele Rücksicht nehmen, mich kann man füglich hintan setzen, ich begehre weder Dank noch Anerkennung, wenn nur die angeregte Sache könnte unpartheiisch geprüft befördert u vervollkommnet werden. Ich glaube Sie versichern zu können, man würde im Sternenberg zu solchen Anstalten weit eher Gelegenheit u Gehör finden, als anderswo. Es fehlt nur an geeigneten Leuten, an Theilnahme von höherer Seite. Ach, u was kosten den solche Anstalten, die man auch Rettungsanstalten nennen könnte? – Lieber Gott, sie kosten ja Nichts. Die Rappen, welche diese jungen Leute in die Vereinskasse zusammen legen, wandern nach der Jahresrechnung, gleich in die Ersparungskasse. Sollten denn da, auch solche Gaben nicht zum großen Segen verwendet werden können? O, gewiß! Möchte nur der liebe Gott auch hiefür theilnehmende Herzen erwecken!

Schließlich bitte verursachter Mühe wegen höflich ab u verbleibe in steter Hochachtung

Ihr

ergeb: Obiger.

den 3 – Feb: – 55.

Kommentareinträge

1Nachträgliche Notiz oben rechts auf Seite von dritter Hand mit Bleistift: «J. Stutz» .

2Stutz unterrichtete ursprünglich an der Blinden- und Taubstummenanstalt in Zürich, musste diese Stelle aber 1836 wegen homosexueller Neigungen aufgeben. Von seiner nächsten Lehrerstelle in Schwellbrunn wurde er 1841 wegen sexueller Übergriffe gegen seine Zöglinge entlassen, verurteilt und des Kantons verwiesen. Ab 1842 hielt er sich in Sternenberg auf, wo er für die Förderung der Jugend- und Volksbildung besorgt war: Er gründete und leitete eine Jugendgesellschaft, einen Knabenverein und einen Leseverein, richtete eine Bibliothek und eine Armenkasse ein. Sein Aufenthalt fand 1856 ein Ende, als er wegen «Erregung öffentlichen Ärgernisses» (sexuelle Belästigung mehrerer junger Männer) verurteilt und des Kantons Zürich verwiesen wurde. Nach zehnjähriger Wanderschaft fand er 1867 Aufnahme bei einer Nichte in Bettswil, wo er seinen Lebensabend verbrachte. Vgl. Antiquarische Gesellschaft, Stutz; HLS online, Stutz Jakob; ADB XXXVII, S. 80–81.

3Zu Stutz' sogenannter «Rappenkasse» vgl. Suter, Rappenkasse.

4 Johann Ulrich Furrer (1827–1877), Volksdichter und Kerzenfabrikant in Schwellbrunn.

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