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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Rüttimann

AES B1386 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#422*

In: Jung, Aufbruch, S. 210 (auszugsweise)

Johann Jakob Rüttimann an Alfred Escher, Zürich, Mittwoch, 13. Dezember 1854

Schlagwörter: Krankheiten, Polemiken und Anwürfe (Escher), Rechtliches, Regierungsrat ZH

Briefe

Lieber Freund.

So eben stellt mir H. Bär die Inlagen zu, welche ihm offen von dem famosen Zottelmeier offen übergeben worden sind. Am Liebsten hätte ich Alles ins Feuer geworfen; aber es geht dieß doch nicht wohl an & die Betreffenden würden wohl leicht einen andern Weg gefunden haben, um an Dich zu gelangen. Es ist in Zottelmeiers Schreiben von zweierlei die Rede:

a) von der beiliegenden Druckschrift, die man nach Meiers Meinung in Rappersweil saisiren sollte. Du siehst aber beim ersten Blick, daß diese Brochure nichts Neues, sondern ein bereits erfolglos verschossener Pfeil ist.

b) ein Schandmachwerk in Reimen, für dessen Vervielfältigung auf dem Wege des Drucks oder der Lithographie sich, wie es scheint, Niemand gefunden hat & das nun angeblich durch Meier hätte copirt werden sollen.

Wir haben über diese unglückselige | Sache schon so oft gesprochen, daß ich Dir meine Ansicht in wenigen Worten mittheilen kann: Ich glaube, Du wirst wohl nicht daran denken, Dich irgendwie mit Meier ein zu lassen. Im Übrigen ist es wohl das Sicherste & Gerathenste, diese Kröten ihr Gift verspritzen zu lassen, wie sie können. Ihre Stärke besteht darin, daß man sie unmöglich anfassen kann, ohne sich zu beschmutzen: Dagegen kann man sich damit beruhigen, daß das Geschmeiß zwar Jedermann unsäglichen Ekel einflößt, sonst aber gewiß Niemandem schaden kann. Man kann unzweifelhaft gegen Kubli (vielleicht auch gegen Ammann?) ein gerichtliches Verfahren einleiten; aber nach meinem Dafürhalten thut man damit dem Gesindel den größten Gefallen. Ruhe oder Genugthuung ist damit gewiß nie & nimmermehr zu erlangen. |

Consultire gefälligst Dubs darüber & schreibe mir dann, was Ihr von der Sache haltet.

Hier geht Alles im ruhigsten Geleise. Über das Zerwürfniß mit Sulzer werde ich seiner Zeit gerne mündlich mit Dir sprechen. Er ist in einer krankhaften Stimmung gewesen, die Du ihm gewiß nicht zu hoch anrechnen wirst. Er befand sich unter dem Eindrucke, daß Du gegen ihn eingenommen seist u. s. f. Ich habe ihm dieses ausgeredet, in dem ich mir gar nicht denken kann, weßhalb Du feindselig gegen ihn gesinnt sein solltest. Mir liegt außerordentlich viel daran, daß Sulzer im RegRath bleibe; trotz seines herben & oft krankhaft gereizten Wesens hat er doch vortreffliche Eigenschaften.

Gestern ist eine Frau, die vor dem Statthalteramte erscheinen sollte, plötzlich auf der Hauptwache von Erbrechen befallen worden. Nach zwei Stunden war sie todt. Wenn sie nicht etwa Gift genommen hat, so ist dieß ein Cholera-Anfall der heftigsten Art.

Grüße mir unsere Freunde. Von Herzen Dein

J R.

Z. Mittwochs 13.XII.54