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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B1381 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Zürich, Donnerstag, 7. Dezember 1854

Schlagwörter: Bundesgericht, Bundesrat, Nationalrat, Regierungsrat ZH, Vereinigte Bundesversammlung, Wahlen

Briefe

Mein lieber Freund!

In aller Unterthanentreue u. mit dem Stolze eines guten Staatsbürgers lege ich Dir meine Glückwünsche zu Füßen wegen des Sieges, den Du nach hartem Kampfe über Blösch davon getragen hast. Gerade dieser Umstand macht in meinen Augen Deine Wahl bedeutungsvoll; obschon ich – offen gestanden – geglaubt hätte, daß die Bundesversammlung in ihrer jetzigen Zusammensetzung für Bl. keine 40 Stimmen hätte geben sollen. Man scheint leider in dieser hohen Versammlung ein sehr kurzes Gedächtniß zu haben; denn wer hätte es noch vor einem Jahre für möglich gehalten, daß Bl. Dir im Ernste Concurrenz machen könne u doch ist die Physiognomie der Versammlung im Ganzen so ziemlich die Frühere. Die Fusion ist recht hübsch für den Canton Bern; hingegen für den Bund scheint sie mir weder ehrenvoll noch erforderlich zu sein. Doch was kann ich mit meinem beschränkten Unterthanenverstande von solchen Dingen wissen!!|

Gut ist es, daß man endlich einmal Herrn O. abgethan hat. Ob es aber gut ist, daß er durch St. ersetzt wurde, bezweifle ich sehr. St paßt in den jetzigen Bundesrath einmal nicht u. hätte für bessre spätre Zeiten aufgespart werden sollen. Mir scheint B. wäre für jetzt ganz der rechte Mann gewesen. Eine neue Kraft u. besser geeignet mit unsern Bundesregenten zu fahren wie St, der doch am Ende allein nichts zum bessern richten kann. Leider wird mein Avancement hierdurch sehr verzögert werden; allein Du siehst: ich kann meine eignen den öffentlichen Angelegenheiten unterordnen.

Daß Du Dich sonst in Bern gut befindest, woran ich eigentlich nie zweifle, habe ich gestern im Belvoir vernommen u. hoffe, daß auch Dein fernerer Aufenthalt in der Residenz den spätern Rückblick auf denselben nicht zu einem «unanmuthigen» machen wird.

Aus der Provinz kann ich Dir gar nichts von Belang mittheilen. Nächsten Freitag wird Jungfer Zerr singen, was ich leider nicht werde genießen können, da ich mehrere Recurse an das zukünftige H-Bundesgericht fertig machen muß.|

Doch eins: Sulzer soll wegen der letzten Sitzung des RRathes in einer grenzenlosen Aufregung sich befinden. Ich habe ihn noch nicht selbst gesehen; denn er ist diese ganze Woche nicht zum Essen gekommen; allein schon am Samstage sagte es mir Franz u. seither ist es mir von andern Seiten her bestätigt.

Deine speciellen Mitbürger sind sehr übel auf Dich zu sprechen, besonders wegen Deines Auftretens im Reg.Rathe. Wenn ich offen sein darf, so freut mich dies; denn Du wirst dadurch einen andern Beweis empfangen haben, daß der Zürcher Stadtzopf eben so unabschneidbar ist, wie er es vor 50 Jahren war u daß die echten Stadtbürger nie Deine Freunde werden werden. Verstellen können sich einige, aber selbst dies nicht lange u das ist gut!

Grüsse mir Hermann u alle, von denen Du glaubst, daß ich mich deren Gunst erfreue oder wenigstens Aussicht habe derselben später genießen zu können.

An Dich, mein guter Escher, aber, meine herzlichsten wärmsten Freundesbegrüssungen.

Stets Dein

E.

Zürich
den 7. Dez. 1854 .