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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1370 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 29. Oktober 1854

Schlagwörter: Demissionen, Landsgemeinde GL, Nationalrat, Universität Zürich, Wahlen

Briefe

Glarus den 29. Oktober 1854.

Mein theurer Freund!

Da Du Dich für unsre Nationalrathswahlen so ziemlich interessirt hast, so zeige ich Dir hiemit an, daß Jenni u. Trümpi bestätigt sind. Du wirst zufrieden seyn, was ich von Deinem Standpunkte aus begreife; ich als Glarner bin es weniger.

Wenn auch bei uns die größte Ruhe vor den Wahlen u. heute an der Landsgemeinde gewaltet hat, so hat sich doch in den gebildetern u. vorzugsweise in den liberalen Kreisen, wie ich glaube auch zum Theil unter dem Volke, sehr entschieden das Gefühl geltend gemacht, daß wir im Nationalrathe schlecht vertreten seyen u. daß es nichts schaden könnte, wenn wir wenigsten einen Abgeordneten von etwas größerer Intelligenz u. äußerer Würde dort hätten. Es hat daher auch kein Mensch den beiden bisherigen Nationalräthen zugesprochen, daß sie wieder annehmen möchten; wohl aber sind nicht von mir, der ich mich in der Sache ganz neutral verhielt, sondern von andrer, ganz radikaler Seite Schritte gegen meinen Schwager Heer gethan worden, daß er sich wählen lassen solle. Dies wäre wohl auch geschehen wenn Jenni abgelehnt hätte; allein dem fiel es nicht ein, – die wenigen Worte von Dir hatten auf sein stellensüchtiges Herz einen viel zu grossen Eindruck gemacht –, u. so wurde er dann allerdings auf ehrenvolle Weise wieder gewählt. Anders ging es bei Trümpi; da genirte man sich gar nicht, ihm gegenüber meinen Schwager vorzuschlagen, der jedenfalls mit jubelndem Mehr gewählt worden wäre, wenn er nicht abgelehnt hätte. Als Grund führte | er an, daß nicht wohl Landammann u. Landstatthalter u. dazu noch das dritte Mitglied der Regierung, Weber, in Bern seyn können, u. da ich wirklich keinen andern Grund wüßte, der ihn diesmal zur Ablehnung hätte veranlassen sollen, so muß ich darin eine fast übertriebne Gewissenhaftigkeit erblicken. Trümpi erklärte vor offner Landsgemeinde, er habe in Bern gar wohl gefühlt, daß er nicht die für ein Mitglied des Nationalrathes nöthigen «juristischen u. statistischen» (sic) Kenntnisse besitze; nachdem aber wieder, wie vor drei Jahren, eine ganze Menge andrer Personen vorgeschlagen worden waren, die alle ablehnten, so wurde er zuletzt wieder gewählt u. unterzog sich der Wahl ohne mindestes Sträuben. Mit dem Bewußtseyn, auf ehrenvolle Weise wieder gewählt worden zu seyn, kann er sich freilich heute Abends nicht zu Bette legen; wir andern aber werden nun noch drei weitere Jahre uns seiner schämen müssen!

Ich denke, Du werdest es mir nicht zürnen, daß ich Dir nicht bloß das nackte Resultat unsrer heutigen Wahlen mittheilte; dasselbe bedarf wirklich eines Kommentars, damit man der Gewählten wegen nicht die Wähler unterschätze. – Bei diesem Anlasse erlaube ich mir auch noch Dir anzuzeigen, daß ich bis zur Stunde kein Doktordiplom u. überhaupt keine offizielle Zeile von der juristischen Fakultät in Zürich erhalten habe. Die gelehrten Herren brauchen doch viel Zeit, um meinen Vornamen zu errathen!

Mit vielen Empfehlungen an Deine verehrte Mutter grüßt Dich

Dein treuer

J J Blumer.