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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Stehlin

AES B1363 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#469*

Johann Jakob Stehlin an Alfred Escher, Basel, Samstag, 7. Oktober 1854

Schlagwörter: Bözbergbahnprojekt, Kommissionen (kantonale), Krimkrieg (1853–1856), Nationalrat, Personelle Angelegenheiten, Rechtliches, Schweizerische Centralbahn (SCB), Ständerat, Wahlen

Briefe

Mein hochverehrter Herr und lieber Freund!

Obschon fortwährend mit Geschäften überhäuft aus welchen ich mich nur mit Mühe herauszuarbeiten vermag, so blieb mir gleichwohl Ihre schäzbare Correspondenz stets im Vordergrund und wenn, wie ich so gerne gethan hätte, der lezte Brief nicht früher beantworten konnte so lag die Ursache ebensosehr in der Schwierigkeit eine entsprechende Antwort machen zu können, als in einer das Schreiben hindernden Unpäßlichkeit und in einigen dringlichen Geschäften, die mich von hier wegriefen; die gleichen Ursachen hinderten mich auch der freundlichen Genuß versprechenden Einladung zu folgen und etwa einen Besuch in Zürich zu machen, oder zu einem RendezVous in Bern Hand zu bieten, leider bin ich noch durch so manche für jezt nicht zu ändernden Verhältnisse gezwungen, Verzicht zu leisten, auf so Vieles an dem mein Sinn und mein Gemüth hängt. Hoffentlich wird nächstes Jahr mir bessere Zeiten bringen. –

Nicht in Kreisen, wo das CentralBahnUnternehmen gegen alle andern gleichartigen Bestrebungen blind macht, sondern hie und da ist denn auch seither die Bözberg Linie besprochen worden und im All gemeinen vernahm ich wenig abneigende Meinungen darüber wohl aber von einer einflußreichen Seite her, die schon vor Jahren einer kürzesten Schienen Verbindung zwischen Zürich & Basel das | Wort gesprochen hatte, manche dem Bözberg Unternehmen günstige Aeusserungen an deren Aufrichtkeit zu zweifeln ich keine Ursache hatte und deshalb auch etwas näher auf die Sache eintrat, allein es wollte mir nicht gelingen die betreffende Persönlichkeiten zur Mitwirkung im Einleitungs Comitté zu bewegen, theils weil die selbe auch dem AusstandsGeseze unterworfen wäre, theils aber weil sie vernommen haben wollte, es hätte bereits eine Ver sammlung in Brugg zu diesem Zweke stattgefunden. – Dieser Herr RathsH. La Roche-Stähelin (ehemal: eidgß: GeneralPostdirektor) mag nun vielleicht nicht gerade als persona grata bei Ihnen gelten, allein bei uns nimmt er in solchen Fragen und als Präsident der Klein Räthl. EisenBahnCommission eine einflußreiche Stellung ein, in welcher er umso fördernder auf das Bözberg Unternehmen einwirken könnte. Er ist der eifrigste Gegner, jener an der Spize des CentralBahnUnternehmens stehender Persönlichkeiten, die auch seine Opposition fürchten. Wenn ich nun H. La Roche sagen höre, daß er sich sehr freuen würde, die Bözberg Linie angeregt zu sehen und seinen ehrgeizigen empfindlichen Charakter kenne, so will es mir fast scheinen, daß derselbe auf eine direkte an ihn gelangende Einladung hin, über die geäusserten Bedenken wegschreiten würde, in welchem Falle für die Bözberg Linie eine in EisenbahnAngelegenheiten erfahrene und einsichtsvolle Kraft gewonnen wäre. –

Indessen gestehe ich gerne, daß ein ablehnender Bescheid | des H. La Roche ebenso möglich ist und mithin erwogen werden muß, ob man sich einem solchen aussezen will. –

Wenn es mir nicht möglich geworden ist sicherere Vorschläge zu machen, so liegt die Ursache in dem Umstande, daß solche angesehene und bei uns einflußreiche Leute, die sonst günstig für eine kürzeste Schienen Ververbindung zwischen Zürich und Basel auf Schweizer Gebiet gestimmt sind, als Betheiligte beim CentralBahnUnternehmen sich nicht in einen Kampf mit demselben einlassen wollen und mehr als mit einer selbständigen Beurtheilung solcher Fragen verträglich ist, unter dem Einfluß und Druck der CentralBahnDirection stehen, deren gesunkene Aktien, durch das schnelle Decken des jüngsten Anlehens wieder bedeutend gehoben worden sind. – Es ist wohl unter uns selbst verständlich, daß diese Mittheilungen als con fidentionell gemacht zu betrachten sind.

Mit Bedauren vernahm ich, daß Herr Rüttimann nicht mehr im Ständerath erscheinen und Herr Dubs aus dem NationalRathe scheiden wird, solche Männer werden ungerne vermißt, umso mehr als das welsche Treiben, auf die nächsten NationalRathsWahlen einen der jezigen Mehrheit ungünstigen Einfluß ausüben könnte, ja selbst Basel zeigt Lust seine bisherige Stimme durch einen Bari-ton ersezen zu wollen. –

Die grosse europäische Täuschung bezüglich Sebastopold wird Sie hoffentlich nicht betroffen haben, obschon ich keineswegs russische Gesinnungen bei Ihnen vorausseze. – Wenn es nicht allzu gefährlich wäre, so würde mir erlauben, Sie zu bitten unserm liebenswürdigen Freunde Herrn Professor | Rüttimann, den Gruß aus dem Zürcherischen RathsSaale, gelegentl. an gleicher Stelle, bestens zu erwiedern.

Könnte ich meiner Neigung folgen, so würde Ihnen den Brief selbst bringen und dann nicht blos schriftlich die erneuerte Versicherung meiner freundschaftlichen Hochachtung und herzlichen Grüsse beifügen können. –

J. Stehlin

Basel den 7t Octobre 1854.

Kontexte