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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Rüttimann

AES B1346 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#422*

Johann Jakob Rüttimann an Alfred Escher, Zürich, Montag, 21. August 1854

Schlagwörter: Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Eidgenössische Universität (Projekt), Personelle Angelegenheiten, Rechtliches, Universität Zürich

Briefe

Lieber Freund.

Es scheint, daß diejenigen Professoren der juristischen Facultät, derern Lage etwas precair ist, der Ansicht sind, es könnte dieselbe bei Gelegenheit des Abgangs von Mommsen & Erxleben so oder anders befestigt oder verbessert werden. Mit mir selbst hat Niemand gesprochen als H. Fick, mit welchem ich durch Hr. Fäsi häufiger in Berührung komme als mit andern. Ich glaube es H. Fick schuldig zu sein, die Wahrnehmungen, die ich mit Hinsicht auf seine Person gemacht & das Urtheil, das ich mir über ihn gebildet habe, mit zu theilen.

Fick ist jedenfalls ein ganz tüchtiger Jurist & in allen Fächern wohl bewandert. Ganz besonders kennt er auch die modernen Gesetzgebungen (die englische und französische zB.) ganz gut. In die hiesigen Verhältnisse hat er sich außerordentlich leicht & gewandt hinein gearbeitet; er ist nicht nur mit unserm Privatrechte sondern auch mit der Verwaltung vertraut & hat an der Bearbeitung des privatrechtlichen Gesetzbuchs vielfach indirect sich betheiligt. Es scheint mir außer allem Zweifel zu liegen, daß er wenigstens von unserm Standpunkte aus, die wir mehr aufs Leben als auf todte Gelehrsamkeit sehen, Anerkennung verdient. In wie weit er vor dem Forum deutscher Gelehrsamkeit bestehen würde, will ich nicht unter| suchen; das ist über meinen Horizont. Schriftstellerische Erzeugnisse liegen aller dings wenige von ihm vor: Eine Schrift über den eigen trassierten Wechsel, die mir gut gefallen hat; eine Dissertation über eine Materie des Römischen Rechts, die ich nicht gelesen habe, & einzelne Abhandlungen in Zeitschriften. Mit seiner Antrittsrede warst Du, wenn ich mich nicht gänzlich täusche, selbst sehr wohl zufrieden. Seine Lehrthätigkeit in Zürich war, wenn man die kleine Zahl der Studenten, die große Zahl der Docenten ins Auge faßt, keineswegs so ganz unbedeutend: a) Wintersemester 1851/52: Handelsrecht 4 Zuhörer und Institutionen 5 Zuhörer (von denen jedoch nur drei immatriculirt) b) Sommersemester 1852 Wechselrecht vier Zuhörer c) Wintersemester 1852/53 Privatissimum über Institutionen d) Wintersemester 1853/54 Institutionen 4 Zuhörer e) gegenwärtiges Semester ebenfalls ein Collegium mit 5 Zuhörern, von denen aber nur drei immatriculirt.

Ich will nicht in Abrede stellen, daß es mir persönlich angenehm wäre, wenn H. Fick mehr Anerkennung finden würde, als bis dahin; dagegen kann ich Dir versichern, daß ich dessenungeachtet, wenn ich nicht von dem oben Gesagten innig überzeugt wäre, kein Wort darüber verlieren möchte & daß, wenn ich nun einmahl nicht vermag, | die ungünstigen Mittheilungen, die dir ohne Zweifel von anderer Seite her zugekommen sind, zu entkräften, ein Wort von Dir genügt, um die Sache ein für alle mahl zu absolviren.

Was nun mein weiteres Vorbringen betrifft, so sind mir von keiner Seite her Andeutungen gemacht worden; ich bin auch dabei ganz unbetheiligt & möchte Dich bloß (ganz aus eigenem Antriebe) auf einige Bedenken aufmerksam machen, die mir die Stellung einiger unserer Professoren erregt. Das System, eine gewisse Summe jährlich frei zu vertheilen, hat verschiedene Vortheile, aber dabei, wie mir scheint, überwiegende Nachtheile. Als Provisorium war es gewiß bis dahin ganz gut angewendet, auf die Dauer als bleibend, dürfte es sich kaum rechtfertigen lassen. Ich bin zuerst bei Hildebrandt darauf aufmerksam geworden, daß es für einen Ordinarius & für einen gemachten Mann (von angehenden Docenten spreche ich nicht ) peinlich ist, sich den Brotkorb je nach gut oder schlecht Verhalten höher oder niedriger setzen zu lassen. Glaubst Du nicht, es wäre nun (da die Möglichkeit einer eidsgen. Hochschule dahin ist & durch Abberufung von Erxleben die Finanzen etwas besser stehen) der geeignete Augenblick da a) um Hillebrandt das, was er bis dahin jedes Jahr bekommen hat, fest zu zu sichern & ihm den Rang eines ordentlichen Professors zu verleihen b) vielleicht auch Hildebrandt, der doch ein sehr wichtiges Fach – die Nationalökonomie – vertritt, wenigstens die Besoldung eines a.o. Pro| fessors zu decretiren. Von Temme will ich schweigen. Seine Lage ist wohl die schlimmste; aber seine Leistungen & Fähigkeiten sind mir gar nicht bekannt.

Verzeihe, daß ich Dich mit diesen Dingen plage. Vielleicht finden wir etwa einmahl eine halbe Stunde Zeit, um mündlich unsere Gedanken darüber aus zu tauschen.

Von Herzen Dein

J Rüttimann

Z 21 Aug 54

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