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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1343 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Chur, Dienstag, 8. August 1854

Schlagwörter: Berufsleben, Bundesgericht, Bundesrat, Demissionen, Eidgenössischer Schulrat, Erziehungsrat ZH, Nationalrat, Schweizerische Südostbahn (SOB), Ständerat, Wahlen

Briefe

Chur den 8. August 1854.

Mein lieber Freund!

Du wirst morgen aus meiner Zeitung erfahren, daß ich die Stelle eines Ersatzmanns des eidg. polytechnischen Schulrathes, wozu ich vom Bundesrathe ernannt worden bin, abgelehnt habe, u. ich halte mich für verpflichtet, Dir über die Motive dieses Schrittes einige Auskunft zu ertheilen. Da ich gestern zu Hause keine Zeit mehr fand Dir zu schreiben, so thue ich es hier in einer Freistunde, während welcher die Sitzung des Generalcomite's ausgesetzt ist.

Ich kann dich versichern, daß mich die auf mich gefallne, ganz unerwartete Wahl des Bundesrathes in ziemliche Verlegenheit gesetzt hat u. daß es mir etwas schwer gefallen ist einen Entschluß zu fassen. An warmem, lebendigem Intereße für die neue Anstalt fehlt es mir nicht, – Zürich, der Sitzungsort des Schulrathes, hat für mich immer eine besondere Anziehungskraft, u. namentlich neben Dir zu arbeiten, in dem ich das wirkliche Haupt der Behörde, die leitende geistige Kraft neben dem Großwürdenträger erblicke, wäre mir äußerst angenehm gewesen. Wenn ich indeßen einen Blick warf auf die mir bereits obliegenden Verpflichtungen, die in meinen Augen schon wegen ihres ältern Datums alle eine Art von Prioritätsrecht haben, so mußte ich mich davon überzeugen, daß es mir rein unmöglich sey, noch eine neue Stelle zu über| nehmen, die mich ohne Zweifel wieder häufig von Hause wegrufen würde; denn ein erster Ersatzmann steht in dieser Beziehung so ziemlich einem Mitgliede gleich, namentlich wenn er dem Sitzungsorte nahe wohnt u. daher leicht einberufen werden kann. Es ist Dir bekannt, daß ich der zu häufigen Abwesenheiten wegen, zu denen ich gegenwärtig gezwungen bin, meine Stellung bei der Südostbahn aufgeben wollte; man hat mich moralisch zum Bleiben gezwungen durch das wohl nicht ganz unrichtige Argument, daß bei der großen Verantwortlichkeit, die wir auf uns genommen, es Ehrensache jedes Mitgliedes sey auszuharren, bis die Sache völlig in Ordnung sey, was wohl noch lange gehen kann; wie stünde es nur nach diesem Vorgange, wenn ich mir eine neue Last aufbinden ließe, zu deren Uebernahme eine ähnliche Verpflichtung aber nicht besteht? Meine häuslichen Verhältnisse, meine kantonalen Geschäfte u. insbesondere auch die keineswegs aufgegebne Fortsetzung meiner Rechtsgeschichte, der ich mich nach hoffentlich baldiger Abschauflung der Zeitungsredaktion wieder ungetheilter widmen möchte, erfordern es, daß ich meine Abwesenheiten eher zu vermindern als zu vermehren trachte; dem polytechnischen Schulrath zu lieb aber möchte ich die mir lieb gewordne Stelle im Ständerath nicht gerne aufgeben, u. ebensowenig auch diejenige im Bundesgericht, wenn hier nicht ein allfälliger Konflikt mit meiner Stellung bei der Südostbahn mich zum Rücktritte veranlassen sollte. Es kommt dann aber noch dazu, daß ich bei allem Interesse an der Sache, das Bewußtseyn nicht haben kann, im polytechnischen Schulrath besonders viel nützen zu können. Ich habe bis dahin nicht an der Leitung höherer Unterrichtsanstalten Theil genommen u. – was wichtiger ist – | ich habe keinen rechten Begriff von einer polytechnischen Schule, weil ich niemals eine solche gesehen habe, weil die technischen Fächer mir gänzlich fremd u. die allgemeinen Wissenschaften, auf denen sie beruhen, nicht die von mir gepflegten sind. Meines Erachtens hätte der Bundesrath bei der Zusammensetzung des Schulrathes nicht vorzugsweise auf Juristen u. Staatsmänner, sondern etwas mehr auf tüchtig durchgebildete Industrielle, auf hervorragende Techniker u. auf Gelehrte, deren Lebensberuf die mathematischen u. die Naturwißenschaften sind, blicken sollen. Solche Leute sitzen freilich nicht immer im National- oder Ständerath, aber sie finden sich in der Schweiz, wenn man sich die Mühe giebt sie aufzusuchen.

Ich hoffe nun, du werdest begreifen, warum ich nicht annahm. Mein Intereße an der Anstalt leidet dabei nicht, zumal ich die Ueberzeugung habe, daß die Sache marschiren wird, wenn – wie ich nicht zweifle – Du Dich ihrer soweit annimmst, als es Deine schon so sehr in Anspruch genommne Zeit erlaubt. Daß Du Dich auf überhäufte Geschäfte mit noch mehrerm Grunde als ich berufen könntest, fühle ich wohl; allein Du bist insoferne in einer verschiednen Stellung, als du als zürcherischer Erziehungsdirektor u. als gewesenes Mitglied der vorberathenden Expertenkommißion wirklich zu den Sachverständigen gehörst, u. anderseits Du in Zürich zu Hause bist, also nicht jedesmal eine Reise machen mußst, um dem Schulrathe beizuwohnen. Ich hoffe der Anstalt in Zukunft im Ständerathe noch eben so viel nützen zu können, als durch die Theilnahme an der eigentlichen Leitung, zu der ich mich nicht berufen fühle.

Mit vielen Empfehlungen an Deine verehrte Mutter grüßt Dich

bestens Dein

J J Blumer.

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