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Korrespondenz: Alfred Escher – Samuel Haberstich

AES B1316 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#239*

Samuel Haberstich an Alfred Escher, Zürich, Samstag, 29. April 1854

Schlagwörter: Berufsleben, Bittbriefe (diverse), Einzelschicksale/Härtefälle, Nationalrat

Briefe

Hochgeachteter Herr Präsident

Nur nach langem Widerstreben habe ich mich entschließen können, Ihnen mit einem jener Gesuche lästig zu fallen, die, wie ein lästiges Uebel, eine hohe Stellung, wie die Ihrige, zu verfolgen pflegen. In einem solchen Gesuche wird das Schiksal gewöhnlich einer grossen Anzahl gegen den Bittsteller verübter Unbilden, und nicht selten obendrein noch übertriebenen Segens, rüksichtlich der verliehenen Nachkommenschaft, angeklagt. Gewiß, es muß ein Opfer für einen Mann von Ihrer Stellung sein eine solche Jeremiade zu lesen. Werden Sie, Hochgeachteter Herr Präsident, ein solches Opfer bringen, und sich durch die meinige hindurch arbeiten, die eben leider auch ganz in dem angegebenen Sinne lautet? Ihre Menschlichkeit läßt mich's hoffen, denn sie wird Ihnen sagen, daß das Schreiben am Ende doch noch saurere Arbeit gewesen sein dürfte als die Lektüre, so unerquiklich sie auch sein mag.

Hochgeachteter Herr Präsident, ich war während einigen Jahren Redaktor und Herausgeber des in Bern erschienenen humoristischen Blattes schw: Charivari, und zwar so lange, bis dieses Blatt von der gegenwärtigen Regierung jenes Cantons erdrükt, und mir ob den maßlosen Verfolgungen der lezte Rest von Humor ausgegangen war; zwei kleine Ereignisse die so ziemlich auf denselben Zeitpunkt zusammen trafen. – Bei Gelegenheit des Erscheinens des ersten Theils des von mir verfaßten Büchleins «Patrizierspiegel von Jeremias Gotthelf, jr. ». – das auch Sie, Hochgeachteter Herr, die Güte hatten zu behalten, als ich lezthin mir die Freiheit nahm es Ihnen zur Einsicht mitzutheilen, – wurde ich von den bernischen Behörden plözlich mitten im Winter aus dem Canton fortgewiesen, ohne daß man mir nur die geringste Frist gestattet hätte für meine Familie, die aus drei Kindern im zartesten Alter und einer kranken, jede Stunde ihrer Niederkunft entgegensehenden Gattin bestand, einen neuen Aufenthalt auszumitteln. Ich war, obgleich nach den Gesezen Bürger des Cantons Aargau, dennoch im Canton Bern geboren und erzogen, hatte im dortigen Heere als Offizier meine Militärpflicht erfüllt, und diese barsche Ausweisung war für mich ein förmliches Herausgerissen werden aus allen bisherigen Verhältnissen, dessen traurige Folgen wohl keines Commentars bedürfen.|

Es ist dieses, Hochgeachteter Herr, in den gegenwärtigen politisch bewegten Zeiten eine sehr gewöhnliche, fast alltägliche Geschichte, und wenn ich den politischen Standpunkt der Regierung von Bern ins Auge faße, so kann ich ihr ihre Handlungsweise nicht einmal sonderlich übel nehmen, so traurig auch die Consequenzen für mich und besonders für meine unschuldige Familie gewesen sind.

Seit einigen Monaten habe ich nun hier in Zurich ein Asyl für mich und meine Familie gefunden; aber diesem Asyl fehlt eines der wichtigsten Bedingnisse dasselbe erträglich zu machen – das Brod.

Hochgeachteter Herr Präsident, Sie sind mit einer solchen Masse von Arbeiten, namentlich in den Eisenbahnangelegenheiten überladen, daß es Ihnen vielleicht ein Leichtes sein würde, dem armen Verbannten, einige wenn auch noch so geringe Beschäftigung anzuweisen, um seine freien Stunden damit auf nüzliche Weise auszufüllen.

Es ist eine widerwärtige Aufgabe in einem Athem so viel von sich selbst sprechen zu müssen, dennoch aber glaube ich über meine geringen Fähigkeiten noch einiges beifügen zu sollen. Meine positiven Kenntnisse sind leider, wie das bei Leuten einer idealen Richtung nur zu häufig der Fall ist, gering, dagegen aber kommt mir eine ziemlich schnelle Faßungsgabe und einige Gewandheit, die Gedanken anderer schriftlich treu und klar wiederzugeben, zu Statten. Als Beleg für das Gesagte wage ich es die Referate über die berühmte Tagsazung von Ao 47-48 in der allgemeinen Augsburger Zeitung, anzuführen. Es kann mir nun zwar gewiß nicht einfallen, diese Berichte, einem Manne wie Sie gegenüber, als etwas Vollkommenes darstellen zu wollen, und ich bitte Sie, Hochgeachteter Herr dringendst, mir nicht eine derartige Absicht unterzuschieben, wenn ich es wage bescheiden darauf aufmerksam zu machen, daß die fraglichen Referate oft beinahe die ganze Beilage des Blattes ausfüllten, daß sie immer in einer Nacht ausgefertigt werden mußten, und daß sie in den freisinnigen Blättern der Schweiz besonders wegen ihrer (anscheinenden) Unpartheilichkeit lobende Erwähnung fanden, ein Lob das wohl schwerlich so bald wieder den Schweizercorrespondenzen der allgem: Zeitung zu Theil werden dürfte. Freilich war die Redaktion des fragl Blattes mit diesem Lobe| selbst so wenig einverstanden, daß sie den unpartheiischen Correspondenten verabschiedete, als der Wind in Deutschland umschlug, und sie über die politischen Ansichten des Correspondirenden von Bern aus ins Klare gesezt worden war. –

Ich habe zudem mehrere Jahre auf der Canzlei des ehemaligen Finanzdepartements des Cantons Bern (unter Herrn von Jenner) gearbeitet, und wiederholt, während längerer Zeit interimistisch die Stelle eines Sekretärs dieser Behörde versehen, obschon ich damals noch kaum das gesezliche Alter zu einer amtlichen Unterschrift besaß.

Dieses, Hochgeachteter Herr, was ich Ihnen zu Begünstigung meines ehrerbietigen Gesuches sagen darf. Vielleicht geneigt es, um Ihnen die Ueberzeugung zu geben, daß ich zu weniger wichtigen Arbeiten nicht ganz unbefähigt sei. Jede Arbeit, die mir Ihre Güte übrigens zuweisen würde, seien es auch nur Copiaturen, würde ich mit dem wärmsten Danke annehmen, und auf schnelle, pünktliche Bedienung, so wie auf die strengste Verschwiegenheit dürften Sie besonders zählen.

Freilich es werden viele Ihrer Cantonsmitbürger mit eben so gerechten Ansprüchen an Ihre Güte, bei Ihnen vorsprechen, und es ist in allen Cantonen Sitte, die Mitbürger zunächst zu berüksichtigen. Dennoch aber wage ich es zu hoffen, daß ich Sie, Hochgeachteter Herr, den ich so oft mit aufrichtiger Bewunderung im Nationalrathssaale die glänzende Rednergabe zu Bekämpfung cantonal engherziger Prinzipien anwenden zu hören das Glük hatte, nicht auf den Saz: daß wir alle Söhne eines gemeinsamen Vaterlandes seien, aufmerksam zu machen nöthig habe.

Und nun, Hochgeachteter Herr, bitte ich Sie noch flehentlichst, nicht eine Unbescheidenheit darin zu erbliken, wenn ich Ihnen noch zu sagen wage, daß ein schneller Bescheid, in unglüklicher Lage immer eine große Wohlthat ist; diesem Bescheide sehe ich mit hoffnungsvoller Zuversicht entgegen, mag er aber ausfallen wie er will, er wird nichts zu verändern im Stande sein, in den Gefühlen tiefster Hochachtung, mit welcher ich mich nenne,

Hochgeachteter Herr Präsident,

Ihren

ergebensten Diener

S. Haberstich
Literat.

Zürich
(Rindermarkt No 350.)
29ten April 1854.

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