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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B1297 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

In: Jung, Aufbruch, S. 242 (auszugsweise)

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, Zürich, Freitag, 13. Januar 1854

Schlagwörter: Eidgenössische Universität (Projekt), Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Krankheiten, Krimkrieg (1853–1856)

Briefe

F: G: EHRHARDT
Cantonsfürsprech
ZÜRICH

Mein guter, lieber Escher!

Heute wurde ich im Belvoir, von wo ich so eben zurückkomme u. mir Deine gute Mutter Deinen jüngsten Brief zu lesen gab, so lebhaft an Dich u. daran, daß ich wohl schon längst an Dich einige Zeilen hätte schreiben sollen, erinnert, daß ich auf frischer That mich hinsetze, um meine Unterlassungssünde wieder gut zu machen u. Dich zu bitten, sie mir nicht zu hoch anzurechnen; denn dann thätest Du mir sehr, sehr unrecht. Du wirst hoffentlich nie daran gezweifelt haben, daß ich stets in Dir meinen wärmsten u. besten Freund erblikte u. die gleichen Gefühle der Freundschaft, welche ich bei Dir für mich voraussetzte, in vollem Maaße erwiedert habe; allein wenn diese Gefühle meinerseits einer Steigerung fähig gewesen wären, so wäre diese durch das letzte traurige Ereigniß in Deiner Familie hervorgerufen worden. In solchen traurigen Situa| tionen zeigt sich als ein, freilich in den Hintergrund tretender Ersatz, daß die welche den bittern Schmerz empfinden u. mitempfinden enger an einander gewiesen werden u. so laß auch mich hoffen, daß unsre Freundschaft noch enger geschlossen sei. Ich habe wenige Freunde, von diesen aber wünsche ich, daß sie es mir ganz sind u. bin der Ueberzeugung daß die Gefühle, welche ich für diese wenigen empfinde, von ihnen auch mit der gleichen Wärme erwiedert werden. Doch davon genug! bei Dir einen Zweifel zu haben, wäre mehr als leichtfertig; denn seit Jahren habe ich von Dir u. durch Dich von Deiner Familie Deinem guten Vater u. Deiner vortrefflichen Mutter die ununterbrochenen Beweise dafür empfangen.

Daß Deine Mutter sich so wohl befindet, wie es jetzt möglich ist, hat Dir der Pfarrer geschrieben. Am vergangenen Dienstage, wo ich ebenfalls im Belvoir war – Du siehst, daß ich ein nicht seltener Gast dort bin – habe ich| sogar wieder einen Anflug von Heiterkeit bei ihr wahrnehmen können. Dein Schwager war auch da u. sehr liebenswürdig. Mich freut es sehr, daß er mir seit einiger Zeit freundlicher gestimmt wird u. ich wünsche von Herzen, daß er von dieser günstigen Disposition für mich nicht zurücktrete. Es ist für mich immer sehr störend gewesen, gerade in denjenigem Kreise, wo ich mich so wohl fühlte, ein Mitglied desselben zu finden, welches von Vorurtheilen u. Antipathien gegen mich befangen war. An mir soll es sicherlich nicht fehlen, die günstige Gesinnung zu fördern!

Brosi ist gestern u. heute im Belvoir u. von mir ausserdem noch auf der Post, nach genommener Abrede, erwartet worden; aber solche junge Leute sind flatterhaft u. in ihren Zusagen nicht immer gewissenhaft.

Dubs sieht noch sehr schlecht aus. Es wäre gewiß gut, wenn er nicht früher nach Bern kommen müßte, als wenn es dringend nothwendig wäre d. h. bei der Abstimmung über die Universitätsfrage.|

Dein ältester Neffe, Armin ist bettlaegrig. Er scheint sich erkältet zu haben; doch erklärt Frau Stockar sein Unwohlsein selbst für so leicht, daß sie bis jetzt nicht für nöthig fand, einen Arzt zuzuziehen.

Neuigkeiten von hier fehlen. Wir sind weit mehr auf die aus Bern kommenden gespannt, als auf die im Orient u. hoffen, daß wir mehr Freude an den erstern, als bis jetzt an den letztern erleben werden.

Dir wünsche ich, daß Du so viel, wie möglich, von Arbeiten fern halten möchtest. Befolge einmal die Maxime von Benjamin, hauptsächlich zu reden, was er übrigens in der Berner Preßgesetzfrage vortrefflich gethan haben soll. Ich will Dich sogar vom Briefschreiben an mich [...?]iziren; insofern Du dies nicht während einer langweiligen Berathung thun kannst.

Mit den herzlichsten Grüssen stets Dein

Er

Zürich
den 13. Jenner 1854.