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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1267 | FA Tschudi

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 27

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Samstag, 22. Oktober 1853

Schlagwörter: Eisenbahnen Finanzierung, Krimkrieg (1853–1856), Presse (allgemein), Schweizerische Südostbahn (SOB), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Glarus den 22. Oktober 1853

Mein theurer Freund!

Obgleich ich nach acht Tagen selbst nach Zürich kommen werde, glaube ich doch vorher noch einige Zeilen an dich richten zu sollen, da der 1. November, der für die Einzahlungen an die Südostbahn festgesetzte Tag1, schnell heranrückt. Es ist mir nämlich von Planta mitgetheilt worden, daß zwischen der Regierung von Zürich u. dem Verwaltungsrathe der Südostbahn noch Anstände walten u. daß erstere, gestützt auf die bekannten Bedingungen, sich weigere, die 20% der vom Kanton übernommenen Aktien zu bezahlen.2 Planta ist nun der Ansicht, Zürich würde der Linthlinie unendlich mehr nützen, wenn es mit seinem ganzen Einfluße gleich von Anfang an, u. namentlich in der bevorstehenden ersten Generalversammlung der Südostbahngesellschaft vertreten wäre, als wenn es durch Beharren auf seinen Bedingungen die definitive Konstituirung der Gesellschaft erschweren würde. So weit ich die Verhältniße kenne, muß ich dieser Ansicht beistimmen. Was Eure Bedingungen betrifft, so kann die erste derselben keine Schwierigkeit machen, da die Engländer geschrieben haben, daß sie trotz der orientalischen Krisis ihre Verbindlichkeiten erfüllen werden3, übrigens wäre es eben das sicherste Mittel, die 20% des ganzen Aktienkapitals nicht zusammenzubringen, wenn jeder Aktionär mit seiner Einzahlung so lange zurückhalten wollte, bis der die Gewißheit hätte, daß von allen andern bezahlt worden sey! Die dritte Bedingung aber, die uns Glarnern am meisten in die Augen gestochen, habt Ihr selbst als Bedingung der Einzahlung fallen laßen, u. ich glaube auch, Ihr habt dieses thun dürfen, | da Ihr nachher, wenn sich zwischen der Südostbahngesellschaftu. der Regierung von St. Gallen wegen des Tracé's Anstände ergeben, immer noch zu Gunsten der erstern interveniren könnt.4 Es bleibt also nur noch die zweite Bedingung übrig, nach welcher die Linthlinie gleichzeitig mit der Rheinlinie vollendet werden soll. Wenn in den Konzeßionen für die Erstellung der erstern eine längere Frist gestattet worden ist als für diejenige der letztern, so hat dies wohl seinen guten Grund darin, daß der Wallensee technische Schwierigkeiten bietet, welche im Rheinthal sich nicht finden. Wir Glarner legen auch keinen besondern Werth darauf, daß gerade beide Linien gleichzeitig dem Verkehr übergeben werden, wenn wir nur sicher sind, daß die Wallenseebahn wirklich gebaut wird; die Bedingung, welche wir der Aktienzeichnung unsers Kantons anhängten, war aber gegen die Gefahr, daß überhaupt die Wallenseebahn unausgeführt bleibe, welche in einem Artikel der provisorischen Statuten5 enthalten war, gerichtet u. da nun durch die neuen definitiven, mit den Engländern vereinbarten Statuten diese Gefahr weggefallen ist, so hat unser Kanton unbedingt gezeichnet u. wird auch seine 20% in der nächsten Woche einzahlen. Ich gebe nun zwar gerne zu, daß Zürich andere, größere Intereßen hat als wir; es muß dafür sorgen, daß der Verkehr, der von Italien u. Chur her nach Nordwesten geht, nicht, wenn auch nur für kurze Zeit, den Weg über Rorschach, St. Gallen u. Winterthur einschlage, sondern so schnell als möglich sein natürliches Geleise finde. Ich bitte Dich nun aber zu berücksichtigen, daß die Ausführung des Baues der beiden Linien nicht den St. Gallern, sondern den Engländern in die Hand gegeben ist, welche das größte Intereße daran haben, daß die ganze Südostbahn so schnell als möglich dem Betriebe übergeben werden könne, weil sie bis dahin, in Folge des abgeschloßnen Vertrags, das Aktienkapital zu verzinsen haben. Dagegen kann der Verwaltungsrath der Südostbahn wohl nicht in diesem Augenblicke die Verpflichtung eingehen, daß die beiden Linien gleichzeitig vollendet | werden sollen, da er sich an die Statuen u. Konzeßionen halten muß; die Regierung von St. Gallen macht Miene nicht einzuzahlen, wenn er in irgend einem Punkte davon abgehe, u. so befindet er sich recht eigentlich zwischen zwei Feuern.6 Es ist vor Allem aus zu beachten, daß, wenn die Engländer wirklich ihre Verbindlichkeit erfüllen, die Südostbahn nun jedenfalls zu Stande kommt, mag nun Zürich die Einzahlung verweigern oder nicht; im erstern Falle aber ginge sein ganzes moralisches Gewicht, auf welches wir mehr Werth setzen müßen als auf die halbe Million, der Linthlinie wieder verloren! Und doch wird erst durch den Beitritt Zürich's zum Unternehmen die Linthlinie der Rheinlinie wahrhaft ebenbürtig; an Gelegenheit zu Reibungen zwischen den beiden Linien wird es auch in Zukunft nicht fehlen.

Diese meine Ansichten glaubte ich Dir im Intereße der Sache vorlegen zu sollen, wenn ich auch mit dem gegenwärtigen Stande der Unterhandlungen nicht näher vertraut bin u. das Meiste nur aus Zeitungsberichten habe schöpfen müßen. Wenn ich vielleicht bei unsern Unterredungen in Bern, resp. Interlaken mich mehr als jetzt für Bedingungen von Eurer Seite aussprach, so hat sich eben seither, durch den Vertrag mit den Engländern die Sachlage gänzlich verändert. In der Glarner-Zeitung aber habe ich die zürcherischen Bedingungen in Schutz genommen, weil sich die wohlwollendsten Gesinnungen für unsre Linth- u. Wallenseelinie, aus denen dieselben hervorgegangen, in der That nicht verkennen ließen u. es mir daher wirklich schlecht angestanden wäre, dieselben öffentlich anzugreifen.7

In der Hoffnung, es werde sich Zürich in dieser oder jener Weise zur Einzahlung herbeilaßen u. dadurch wirklich erst unsrer Südostbahngesellschaft beitreten, grüßt Dich, nebst meinen besten Empfehlungen an Deine verehrten Eltern8,

herzlich Dein treuer Freund

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Ursprünglich für den 15. Oktober vorgesehen, wurde der Termin für die Einzahlung der ersten 20% des gezeichneten Aktienkapitals auf den 1. November 1853 verschoben. Vgl. Anzeige SOB, in: Liberaler Alpenbote, 6. September 1853; Andreas Rudolf von Planta an Alfred Escher, 26. August [ 1853 ].

2 Planta selbst schreibt Escher bereits früher in dieser Angelegenheit, ebenso Adolph Pestalozzi, Mitglied des weiteren Komitees der Schweizerischen Südostbahn. Die Zürcher Bedingungen werden in beiden Briefen ebenfalls im Detail erörtert. Vgl. Andreas Rudolf von Planta an Alfred Escher, 15. Oktober 1853; Adolph Pestalozzi an Alfred Escher, 30. September 1853. – Die vom Kanton Zürich am 4. Oktober 1853 zugesagte Zeichnung von 1000 Aktien im Nominalwert von insgesamt 500 000 Franken wurde an mehrere Bedingungen geknüpft: Es müssten bereits 4 Mio. Franken ( «zwanzig Prozent für vierzigtausend Aktien» ) von anderen Beteiligten eingezahlt sein, Linth- und Rheinlinie sollten gleichzeitig fertiggestellt werden und ausserdem gelte es, Art. 6 des Staatsvertrages vom 17./18. Dezember 1852 zwischen den Kantonen Zürich und St. Gallen einzuhalten. Darin heisst es: «Der Kanton St. Gallen wird der Erbauung einer Eisenbahn von Chur nach dem Gebiete des Kantons Zürich, insofern eine solche auf dem linken Ufer des Wallenstattersees und auf der rechten Seite der Linth erstellt werden will, keinerlei Hindernisse entgegensetzen.» Zürich, das an einer direkten Linienführung interessiert war, interpretierte diesen Artikel dahingehend, dass St. Gallen den Bauplänen der Schweizerischen Südostbahn vorbehaltlos zustimmen müsse. Schreiben RR Kt. ZH an VR SOB, 6. Oktober 1853 (SBB Historic VGB_GEM_SBBZH104_003 ) (Abschrift des Entscheides des Grossen Rates Zürich vom 4. Oktober 1853); Übereinkunft Zürich - St. Gallen 1852. Vgl. NZZ, 5. Oktober 1853; Wegmann, Vereinigte Schweizerbahnen, S. 40–41; Alfred Escher an Andreas Rudolf von Planta, 21. August 1853; Escher und die Ostalpenbahnfrage, Absatz 16.

3Die durch den Krimkrieg entstandene ungünstige Börsenlage brachte das englische Konsortium tatsächlich in Zahlungsschwierigkeiten, da es die vielen übernommenen Aktien nicht absetzen konnte. Auf Schweizer Seite wurden alle Einzahlungen geleistet. Vgl. Wegmann, Vereinigte Schweizerbahnen, S. 44; Andreas Rudolf von Planta an Alfred Escher, 23. September [ 1853 ]; Wolfgang Killias an Alfred Escher, 6. Oktober 1853; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 7. November 1853; Andreas Rudolf von Planta an Alfred Escher, 18. Dezember 1855; Escher und die Ostalpenbahnfrage, Absatz 22.

4 Zürich hielt jedoch an seiner Interpretation von Art. 6 des Staatsvertrages fest, obwohl mit den Statuten und Konzessionen der Südostbahn nicht vereinbar. Vgl. Wegmann, Vereinigte Schweizerbahnen, S. 41; Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 7. November 1853.

5In den Fundamental-Statuten der Schweizerischen Südostbahn vom Februar 1853 ist die Walensee-/Linthlinie der Rheinlinie durchaus gleichgestellt. Einzig bei Art. 2 besteht Interpretationsspielraum: «Die schweizerische Süd-Ost-Bahn soll Deutschland und Italien über die Alpenpäße Graubündens in leichteste Verbindung setzen. » Fundamental-Statuten SOB, in: Prot. VR/WK SOB, 13. Februar 1853 S. 4.

6 St. Gallendrohte daraufhin tatsächlich, wegen Zürichs Festhalten an der dritten Bedingung seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachzukommen, worauf die Schweizerischen Südostbahn gezwungen war, auf die Zürcher Beteiligung zu verzichten. Vgl. Andreas Rudolf von Planta an Alfred Escher, 20. Oktober [ 1853 ?]; Wegmann, Vereinigte Schweizerbahnen, S. 41.

7Blumer war zu dieser Zeit Redaktor der «Glarner-Zeitung». «Daß in St. Gallen die von Zürich gestellten Bedingungen nicht gefallen werden, ließ sich wohl erwarten; daß aber der Kanton auf die letzte derselben nicht eingehen könne, wie ein Einsender in der ‹St. Galler Ztg.› behauptet, sehen wir durchaus nicht ein. Gegen die gewünschte Abänderung der Konzessionen werden weder die Regierungen von Glarus und Graubünden noch die Bundesbehörden, am wenigsten aber die Aktionäre, zu deren Vortheil sie geschähe, etwas einzuwenden haben. Wir denken aber, in Folge bestehender Staatsverträge habe die Regierung von Zürich sogar das Recht, jene Abänderung von St. Gallen zu fordernGlarner-Zeitung, 5. Oktober 1853.

8 Lydia Escher-Zollikofer (1797–1868) und Heinrich Escher (1776–1853), Privatier und Entomologe.