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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1251 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 18. September 1853

Schlagwörter: Eisenbahnanschluss an ausländische Netze, Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Finanzierung, Eisenbahnen Fusionen, Eisenbahnen Verträge, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Grosser Rat TI, Lukmanierbahnprojekt, Regierungsrat ZH, Schweizerische Nordbahn (NB), Schweizerische Nordostbahn (NOB), Schweizerische Südostbahn (SOB), Vereine und Gesellschaften (allgemein), Zürich-Bodensee-Bahn (ZBB)

Briefe

Glarus den 18. September 1853.

Mein theurer Freund!

Indem ich Dir Deine gütige Einladung von gestern bestens verdanke, thut es mir leid dieselbe dahin beantworten zu müssen, daß ich die Jahresversammlung der schweizerischen gemeinnützigen Gesellschaft nicht zu besuchen gedenke. Die ausgeschriebnen Fragen – Rettungsanstalten u. Ersparnißkassen – würden mich zwar sehr interessiren; indessen, wie du weißst, kann man die Verhandlungen nachher auch vollständig gedruckt lesen. Bei meinen häufigen u. zum Theil langen Abwesenheiten in eidgenössischen Geschäften ist es um so nothwendiger, daß ich diejenige Zeit, welche ich zu Hause zubringen kann, nicht wieder durch Ausflüge zersplittere, die zwar als angenehm, nicht aber als nothwendig erscheinen. Die Glarner-Zeitung, deren Redaktion ich diesen Augenblick noch führe, mit dem Neujahr aber aufgeben werde, muß ich ohnehin mehr als mir lieb ist fremden Händen anvertrauen, u. wenn es mit dem zweiten Theile meiner Rechtsgeschichte auch nur ein wenig vorwärts rücken soll, so muß ich dazu gerade die jetzige Zeit benutzen, in der ich mit andern Geschäften nicht allzusehr überladen bin. Aus diesen Gründen habe ich mich schon lange entschlossen, im laufenden Jahre keine Gesellschaften – weder die gemeinnützige noch die geschichtsforschende – zu besuchen, u. wenn mich Deine freundschaftliche Einladung in diesem Entschluße allerdings etwas wankend machen könnte, so wäre es mir doch jetzt nicht mehr möglich nach Zürich zu kommen, da ich auf morgen u. übermorgen Sitzungen angeordnet habe, in denen ich präsidiren muß. Ich hoffe übrigens Dich u. Deine verehrten Eltern nach 4-6 Wochen besuchen zu können, da ich um diese Zeit nach Bern werde berufen werden, um das unglückselige Fiskalgesetz verbessern zu helfen.

Zu der glücklich vollzognen Fusion der Nordostbahn gratulire ich bestens. | Es hat mich gefreut zu vernehmen, daß Du, wie freilich nicht anders zu erwarten war, wieder an die Spitze des vereinigten Unternehmens gestellt worden bist, u. ich hoffe, es werde Dir möglich seyn, Deine Stelle in der Regierung auch daneben noch beizubehalten. Gerne nehme ich auch an, es werde nun Zürich um so lebhaftere Theilnahme der Südostbahn schenken, zumal durch den letzten tessinischen Großrathsbeschluß die Verbindung mit Italien gesichert ist. Da eben jetzt es sich darum handelt, die schweizerische Aktienbetheiligung wenigstens noch auf die Hälfte des Baukapitals zu ergänzen, so hoffe ich, es werde in Eurer nächsten Großrathssitzung ein daheriger Antrag der Regierung vorgelegt werden. Aus den drei zunächst betheiligten Kantonen werden, trotz täglicher Inserate des Verwaltungsrathes in den Zeitungen, wenig neue Aktienzeichnungen mehr zu erwarten seyn; um so mehr müssen wir auf Zürich hoffen, das doch immer mehr einzusehen beginnt, wie sehr eine Linie RapperschwylChurLokarno in seinem Interesse liegt. Es handelt sich nun wirklich weniger mehr um den Geldpunkt, als vielmehr darum, daß die inländischen Interessen denen der Engländer gegenüber eine kräftige Vertretung finden, u. daß ebenso auch die Linthlinie nicht zurückgesetzt werde durch die Rheinlinie, auf welche namentlich Sardinien den größern Werth zu legen scheint. Daß diese beiden Zwecke auf keinem andern Wege besser erreicht werden können als auf demjenigen einer Staatsbetheiligung von Seite des Kantons Zürich, darüber wirst Du wohl mit mir einverstanden seyn. Ich darf übrigens voraussetzen, daß Du bereits mit Planta über die Sache korrespondirt haben werdest, u. daß inbesondere auch der Verwaltungsrath der Südostbahn sich mit Eurer Regierung in direkte Verbindung gesetzt haben werde, weßhalb ich mich enthalte, in den Vertrag, der in Chur mit den Engländern geschlossen worden, u. in die mit ihnen verabredeten Statuten näher einzutreten.

Empfehle mich bestens Deinen verehrten Eltern u. sey herzlich
gegrüßt von

Deinem

J J Blumer.