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Korrespondenz: Alfred Escher – Franz Hagenbuch

AES B1221 | ZBZ FA Escher vG 207.103

In: Jung, Escher Briefe, Band 5, Nr. 16 | Jung, Aufbruch, S. 449 (auszugsweise) | Gagliardi, Escher, S. 229 (auszugsweise)

Alfred Escher an Franz Hagenbuch, Bern, Donnerstag, 14. Juli 1853

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnstrecken Konzessionen, Evangelisch-reformierte Kirche Luzern, Freundschaften, Landesverteidigung und Militär, Nationalrat, Presse (allgemein), Schweizerische Nordostbahn (NOB)

Briefe

SCHWEIZERISCHE
BUNDENSCANZLEI

Mein lieber Freund!

Ich habe die Acten betreffend die reformirte Kirche in Luzern1 bestens erhalten & «werde nicht verfehlen», deinen Wünschen bezüglich der Rückstellung eines Theiles jener Acten nachzukommen, wie denn, wie Du wohl weißt, Deine Wünsche mir immer Befehl sind.

Die Discussion über den Geschäftsbericht des Justiz- & Polizeidepartements2 war wirklich sehr piquant, viel piquanter als es aus dem Referate der N.Z.Z.3 hervorgeht, die, wie Du wohl weißt, das piquante nicht liebt. – Gestern habe ich das Gutachten des Bundesrathes betreffend die Befreiung der Eisenbahnangestellten vom Militärdienste4 in den Grund gebohrt. Der dießfällige Entscheid des Nationalrathes5 hat mich um so mehr gefreut, da ich ihn als sehr wichtig für das Gedeihen unserer Eisenbahnen ansehe. – Ich bin bis dahin mit der Haltung des Nationalrathes sehr zufrieden.

Meine Zeit ist ungemein in Anspruch genommen. Die Sitzungen des Nationalrathes sind das wenigste. Die Commissionalarbeiten & die Eisenbahngeschäfte, denen ich mich auch hier nicht entziehen kann, | beschäftigen mich ganz besonders.

Herr Bundesrath Frei-Herosé hat mich über die Angelegenheit Reißhauer6 nicht gefragt. Ich habe mich darum auch, dem Wortlaute Deiner Instructionen wie immer aufs scrupuloseste folgend, wohl gehütet, ein Gespräch über jene Sache von mir aus anzuspinnen. Solltest du indessen wünschen, daß das letztere geschehe, so erbitte ich mir einen Wink von Dir. Er wird mir Gebot sein. Dabei erlaube ich mir immerhin ehrerbietigst zur Erwägung anheimzugeben, daß derartige Vorstellungen bei Herrn Bundesrath Frei nach bisher gemachten Erfahrungen in der Regel von sehr wenig Erfolg sind.

Ich habe bis anhin nichts von dem Eintreffen der erneuerten Zürcherschen Conzession an die Nordostbahngesellschaft für ZürichDietikon7 sowie der Uster-Conzession8 bei dem Bundesrathe Behufs Einholung der Bundesgenehmigung9 gehört. Wären diese Conzessionen wider Erwarten noch nicht an den Bundesrath abgegangen, so würde ich dich ersuchen, sie bald möglichst nach Bern zu senden. Ein Paar Worte über den Stand dieser Angelegenheit von Deiner werthen Hand wären mir sehr willkommen.

Ich nehme an, Du werdest mit Sulzer10 die schöne Witterung zu einigen Bergexcursionen, die ich mit | dir zu den schönsten Erholungen zähle, benutzt haben.

Lebe wohl! Mit Herz & Hand

Dein

A Escher

Bern
14. Juli. 1853.

Herr Bundespräsident Näff11 sagt mir so eben, es seien die beiden fraglichen Conzessionen eingetroffen. Ich will dich also mit einer sachbezüglichen Erwiederung nicht bemühen, bemerke aber bei diesem Anlasse, daß mich Mittheilungen von Dir über das, was in Zürich vorgeht, sehr freuen werden.

Kommentareinträge

1Die 1826 gegründete reformierte Kirche Luzern wurde von der Konferenz der reformierten und paritätischen Stände unterstützt und verwaltet. Alfred Escher an Jakob Dubs, 7. Juli 1855.

2 Vgl. Bericht des schweizerischen Bundesrathes an die hohe Bundesversammlung über seine Geschäftsführung im Jahr 1852. III. Abtheilung: Geschäftskreis des Justiz- und Polizeidepartements, in: BBl 1853 II, S. 551–653; BBl 1853 II, S. 665–720. – Die mit der Prüfung des bundesrätlichen Geschäftsberichts beauftragte Nationalratskommission beantragte einerseits die Kürzung des Berichts des Justiz- und Polizeidepartements, andererseits verlangte sie vor dem Hintergrund der darin erwähnten Massnahmen gegen die Herzogin von Orléans und den ehemaligen französischen Minister Thiers explizit die «Wahrung des Asylrechts für schuldlose Personen». Es folgte eine emotionale Debatte zum Asylrecht sowie zu Alleingängen einzelner Bundesräte. Vgl. NZZ, 12. Juli 1853.

3 Vgl. NZZ, 12. Juli 1853, 13. Juli 1853.

4Dokument nicht ermittelt. – Mittels Postulat vom 1. Februar 1853 wurde der Bundesrat aufgefordert, Bericht und Antrag einzubringen über die Frage, ob das Gesetz über die Enthebung von der Wehrpflicht vom 19. Juli 1850 revidiert werden sollte, um weitere Kategorien von Eisenbahnangestellten von der Dienstpflicht zu befreien. In seiner Antwort verneinte der Bundesrat die Notwendigkeit einer Revision, weil entsprechende Erfahrungen noch fehlten. Vgl. Der schweizerische Nationalrat an den Schweizerischen Bundesrat (vom 1. Februar 1853) (BAR E2, 1000/721-5584); Der schweizerische Bundesrath an den hohen schweizerischen Nationalrath (vom 10. März 1853) (BAR E2, 1000/721-5584).

5Zum Entscheid des Nationalrats Hans Conrad Ott-Imhof an Alfred Escher, 7. Juli 1853.

6Person und Sachverhalt nicht ermittelt.

7 Vgl. Vertrag zwischen dem h. Stande Zürich und der schweizerischen Nordostbahngesellschaft, betreffend den Bau und Betrieb der Eisenbahn von Zürich an die Kantonsgränze bei Dietikon (vom 29. Juni 1853), in: Sammlung Eisenbahnwesen II, S. 48–62.

8 Vgl. Beschluß des Großen Rathes des Kantons Zürich, betreffend Ertheilung einer Konzession für eine Glattthal-Eisenbahn (vom 29. Juni 1853), in: Sammlung Eisenbahnwesen II, S. 68–80.

9Die Bundesversammlung genehmigte die beiden Konzessionen am 4. August 1853. Vgl. Schweizerische Eisenbahnstatistik 1868, S. XXIV.

10Vermutlich Johann Jakob Sulzer (1821–1897), Grossrat und Regierungsrat (ZH).

11 Wilhelm Matthias Näff (1802–1881), Bundesrat (SG).