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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1191 | FA Tschudi

In: Jung, Escher Briefe, Band 5, Nr. 14

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Freitag, 29. April 1853

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahnen Finanzierung, Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Konflikte mit Drittstaaten, Krankheiten, Landrat GL, Landsgemeinde GL, Presse (allgemein), Rheinfallbahn (RFB), Schweizerische Südostbahn (SOB), Souveränität (nationale), Vereinigte Bundesversammlung, Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Glarus den 29. April 1853.

Mein theurer Freund!

Es ist nun doch wohl an der Zeit, daß Ich auf Deinen Brief1 vom 20. März einmal antworte, obschon sich mir nicht gerade reichlicher Stoff zu Mittheilungen dar bietet. Ich hätte Dir wohl schon früher geschrieben, wenn meiner Bequemlichkeit nicht hin u. wieder der Gedanke zu Hülfe gekommen wäre, es könnte eine außerordentliche Einberufung der Bundesversammlung uns bald wieder persönlich zusammenführen.

Mit innigem Bedauern habe ich von Hrn. Dubs , mit welchem ich in den letzten Tagen den Wallensee hinauf u. hinab fuhr, vernommen, daß die Gesundheitsumstände Deines guten Vaters sich in den letzten Wochen eher verschlimmert als verbeßert haben u. daß Du als pflichtgetreuer Sohn dermalen vorzugsweise an sein Krankenbett gefeßelt seyest. Von ganzem Herzen wünsche ich, daß Deine beiden Eltern von den schweren körperlichen Leiden, die sie in der letzten Zeit betroffen, sich recht bald erholen mögen.2

Ich verdanke Dir sehr die gefälligen Aufschlüße, welche Du mir über die Aussichten für eine Staatsbetheiligung Zürich's an der Südostbahn ertheilt hast; es hat mich insbesondere gefreut zu vernehmen, daß Du keineswegs grundsätzlich derselben abgeneigt wärest.3 Wahrscheinlich wird die Schaffhauserbahn (poëtisch «Rheinfallbahn» genannt) doch noch beim Gr. Rathe um einen Staatsbeitrag anklopfen,4 u. in diesem Falle wird es immerhin gut seyn, wenn unser Verwaltungsrath sich auch meldet; der Gr. Rath wird dann entweder allen Petenten entsprechen oder alle abweisen. In unserm Kanton sind die Privatzeichnungen, welche sich auf nicht mehr als 300,000 Fr. belaufen, hinter meinen Erwartungen leider zurückgeblieben; es hat sich dabei gezeigt, daß die Eisenbahnfrage bei uns zu frühe angeregt worden ist, daß Vielen noch das rechte Verständniß derselben mangelt, denn wenn auch der Glarner im Allgemeinen etwas zurückhaltend in Geldsachen ist, so ließen sich doch Beispiele von ganz andrer Auf opferungsfähigkeit anführen in Fällen, wo man vom Bedürfniße einer Sache lebhaft | überzeugt war. Den Staatsbeitrag von ½ Million habe ich im Landrathe durchsetzen können, aber ob es an der Landsgemeinde auch gehen wird, ist wenigstens noch zweifelhaft.5 Die Volksstimmung ist eine sehr getheilte; an Gegnern fehlt es nicht, u. die Freunde der Eisenbahn sind im Ganzen äußerst lau. An mir soll es nicht fehlen; ich werde namentlich in der Preße mein Möglichstes thun, damit der An trag des Landrathes angenommen werde6 , denn ich weiß, daß ich auf diesem Felde 7 mehr ausrichte, denn als Redner an der Landsgemeinde, wo es mir schwer fällt, den rechten, volksthümlichen Ton zu treffen. Verhältnißmäßig am besten haben sich bis jetzt Graubünden, Seebezirk u. Gaster in der Südostbahnan gelegenheit gemacht; das Rheinthal wird von St. Gallen aus, wo unser Unternehmen allerhöchsten Orts ein Dorn im Auge ist, gegen daßelbe gehetzt u. wird nichts oder so viel wie nichts thun. Uebrigens lag es bei der Südostbahn von Anfang an auf der Hand, daß die nöthigen Geldmittel nicht vorzugs weise im Inlande gesucht werden können, sondern hauptsächlich vom Auslande herkommen müßen, u. es sind nun bereits Unterhandlungen in England eingeleitet. Vorläufig ist bloß Kilias dort, der mir wenigstens nicht besonderes Vertrauen einflößt; es wird ihm aber bald ein Mann nachfolgen8 , deßen Sachkenntniß u. bürgerliche Stellung volle Gewähr für einen glücklichen Abschluß darzubieten scheinen. Für die Südostbahn hängen allerdings nicht mehr die Geigen am Himmel wie im letzten Dezember u. die Ungeduldigen mag die lange Ungewißheit über das Zustandekommen derselben ermüden; aber hoffentlich werden wir es, wenn wir selbst nicht zu frühe den Muth aufgeben, am Ende doch noch durchsetzen.

Die Eisenbahnfragen sammt u. sonders, welche im letzten Herbst doch nur wegen des gänzlichen Mangels an politischem Streite so sehr in den Vordergrund treten konnten, nehmen gegen wärtig das allgemeine Intereße in der Schweiz viel weniger in Anspruch als unser Span mit Oester reich9 , über den es mir sehr erwünscht seyn wird gelegentlich Deine Ansichten zu vernehmen. Mir scheint es, daß die Schweiz, die noch selten so übel behandelt worden ist, im Ganzen die Sache etwas leicht nimmt u. daß der Bundesrath sehr viel Friedensliebe, aber sehr wenig Energie zeigt. Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo auch nur der Schein weiterer Nachgiebigkeit den Bundesrath in den Augen des Volkes u. die Schweiz in den Augen Europa's herabsetzen müßte; auf die letzte österreichische Note10 kann nicht anders als in einer Weise geantwortet werden, die allen | fernern Unterhandlungen ein Ende macht. Ich weiß, wie viel bei einem Kriege für uns auf dem Spiele steht, u. wünsche daher denselben nicht; aber es hat sich nun einmal gezeigt, daß man mit allem Entge genkommen die immer kecker auftretende Reaktion, der unsre Institutionen ein Gräuel sind, nicht aus zusöhnen vermag, u. daher trete man von nun an fester u. entschiedner auf, im Bewußtseyn unsres guten Rechtes u. zur Wahrung unsrer Unabhängigkeit! Für mich persönlich bin ich sehr froh darüber, wenn ich für einmal hier bleiben kann; aber mit vielen Andern habe ich mich darüber gewundert, daß der Bundesrath durch die letzte österreichische Note sich nicht veranlaßt gesehen hat die Bundesver sammlung einzuberufen, sondern die volle Verantwortlichkeit in dieser Angelegenheit auch fernerhin allein tragen will. Aufgabe der Publizistik ist es jedenfalls, das Volk wach zu erhalten u. allzu großer Gleichgültigkeit gegen Fragen, bei denen unsre köstlichsten Güter betheiligt sind, entgegenzutreten; die einschläfernde, in ernster Situation mit schlechten Spässen sich behelfende Manier der N.Z.Z. ist um so mehr zu beklagen, je mehr dieses Blatt immer noch verbreitet ist u. einen gewißen Einfluß sich bewahrt hat.

Du wirst mir verzeihen, daß ich hier abbreche, da ich das nämliche Thema hin u. wieder in meiner Zeitung zu besprechen Anlaß habe. Ich wollte mit diesem Briefe hauptsächlich nur wieder ein Lebenszeichen von mir geben, u. hoffe auf gelegentliche Erwiederung. Mit den herzlichsten Wünschen für die Gesundheit Deiner verehrten Eltern u. Empfehlungen an dieselben grüßt Dich

herzlich

Dein treuer

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Zur Krankheit Heinrich Eschers Alfred Escher an Johann Jakob Speiser, 20. April 1853. – Gleichzeitig war auch Eschers Mutter erkrankt. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 239.

3Die Südostbahn suchte in Zürich effektiv um eine Staatsbeteiligung an. Mit einer eindrücklichen Rede empfahl Regierungsrat Escher die Vorlage dem zürcherischen Grossen Rat, welcher am 4. Oktober 1853 einer Beteiligung in der Höhe von 500 000 Franken einstimmig zustimmte. Die Stadt Zürich stellte ein Engagement in gleichem Umfang in Aussicht. Weil die Südostbahn die gestellten Forderungen als mit ihren Statuten und Konzessionen nicht vereinbar betrachtete, verzichtete sie auf die finanzielle Unterstützung aus Zürich. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 448; Wegmann, Vereinigte Schweizerbahnen, S. 40–41; Zur Eisenbahngeschichte, Absatz 22.

4Der Kanton Zürich beteiligte sich nicht direkt an der Rheinfallbahn; statt dessen liess der Regierungsrat durch das Kloster Rheinau Aktien im Wert von 100 000 Franken zeichnen. Vgl. Schaffhauser Kantonsgeschichte, S. 1168–1169; Zur Eisenbahngeschichte, Absatz 19.

5Nachdem die Landsgemeinde am 22. Mai 1853 mitten in der Diskussion um die Frage einer Staatsbeteiligung an der Südostbahn wegen eines Feuers im Rathaus abgebrochen wurde, trat sie am 5. Juni 1853 erneut zusammen und beschloss, dass sich der Kanton mit Aktien im Wert von einer halben Million Franken an der Bahn beteiligen sollte. Vgl. Glarner-Zeitung, 25. Mai 1853, 8. Juni 1853; Wegmann, Vereinigte Schweizerbahnen, S. 40.

6In zwei Artikeln widmete sich die von Blumer redigierte «Glarner-Zeitung» den Fragen, ob a) die Vorteile der Eisenbahn eine Staatsbeteiligung rechtfertigten, b) die beantragte Aktienübernahme mit Blick auf die Kantonsfinanzen vertretbar sei und c) eine Staatsbeteiligung im Interesse des Kantons läge. In einem weiteren Artikel wurde nochmals die Wichtigkeit des anstehenden Entscheids betont. Vgl. Glarner-Zeitung, 14. Mai 1853, 18. Mai 1853, 4. Juni 1853.

7Nachträgliche Korrektur, ursprünglich: «Gebiete».

8Person nicht ermittelt.

9Gemäss telegraphischer Meldung der Tessiner Regierung hatten am 6. Februar 1853 in Mailand rund 400 Aufständische das Militär und die Gendarmerie angegriffen, wobei 300 Personen ums Leben kamen. In sämtlichen grossen italienischen Städten sei es zu ähnlichen Vorfällen gekommen. Der Bundesrat entsandte umgehend einen eidgenössischen Kommissär ins Tessin. Österreich beschuldigte den Kanton Tessin, revolutionäre Umtriebe italienischer Flüchtlinge zu dulden, und erliess – wie bereits 1848 – eine Grenzsperre. Vgl. Prot. BR, 7. Februar 1853; Prot. BR, 14. Februar 1853; Le Chargé d'affaires d'Autriche à Berne, L. Karnicki, au Conseil fédéral [18. Februar 1853], in: DDS I, S. 342–343; Le Chargé d'affaires d'Autriche à Berne, L. Karnicki, au Conseil fédéral [13. April 1853], in: DDS I, S. 363–365. – Zum Tessiner Flüchtlingskonflikt der Jahre 1848/49 vgl. Flüchtlingswesen, Italien: Streben nach Unabhängigkeit und nationaler Einheit.

10 Vgl. Le Chargé d'affaires d'Autriche à Berne, L. Karnicki, au Conseil fédéral [13. April 1853], in: DDS I, S. 363–365.