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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1178 | FA Tschudi

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 5

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Dienstag, 8. März 1853

Schlagwörter: Alpenbahn (allgemein), Alpenstrassen, Eisenbahnen Finanzierung, Gewässerkorrekturen, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Landsgemeinde GL, Schweizerische Südostbahn (SOB), Zürich-Bodensee-Bahn (ZBB), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Glarus den 8. März 1853

Mein theurer Freund!

Es that mir sehr leid, daß ich Dich bei meinem letzten, sehr kurzen Aufenthalte in Zürich nicht sehen konnte; ich hätte den Anlaß gerne benutzt, um u. A. auch über unser Südostbahnunternehmen mit Dir zu sprechen. Es ist Dir bekannt, dass nach hartem Kampfe in Ragaz den 13. Februar1 die Vereinigung der beiden Linien: ChurBodensee u. ChurZürichsee bestätigt wurde, u. daß gegenwärtig der entscheidende Augenblick obwaltet, in welchem sich die Lebenskraft unsers Projektes bewähren muß. Ich thue hier mein Möglichstes, um eine ordentliche Betheiligung unsers Kantons zu Stande zu bringen, wobei ich freilich sehr wenig kräftige Unterstützung finde u. auf große Lauheit, selbst auf entschiedne Opposition stoße. Unser Eisenbahncomite schlägt eine Staatsbetheiligung von ½ Million vor; höher durften wir in unsern Verhältnißen nicht gehen, wenn wir nicht riskiren wollten, daß die Landsgemeinde Alles verwerfe. Von der Aktienzeichnung der Privaten, welche so eben eingeleitet worden ist, erwarte ich ungefähr die gleiche Summe; man wird auswärts vielleicht damit nicht zufrieden seyn, aber wer unsre – oft viel zu hoch angeschlagnen – Hülfsmittel u. den ängstlich rechnenden Sinn der Glarner kennt, wird nicht mehr verlangen.2 Die Gemeinden sollten allerdings auch Etwas thun, aber bei dem geringen Eifer, der unter dem Volke u. selbst unter den gebildeten Klaßen für die Sache herrscht, erwarte ich nicht Vieles.3 Ich habe Dir nun den Stand meiner Erwartungen für unsern Kanton ganz offen dargelegt, obschon darin vielleicht nicht die beste Einleitung liegt zu der Frage, die ich an Dich stellen möchte. Es ist nämlich klar, daß an unsrer LinthWallenseebahn neben Graubünden, Glarus dem St. Gallischen Seebezirk u. Gaster Niemand | ein größeres Intereße hat, als Zürich, – insbesondere die Stadt u. die Seeufer. Der Handelsverbindung mit Italien verdankt Zürich vorzugsweise seine blühende Industrie, seinen Reichthum u. Wohlstand; es wird auch in Zukunft den größten Werth auf den kürzesten Weg über das Alpengebirge setzen müßen. Es liegt diese Wahrheit so sehr am Tage, daß sie keines nähern Nachweises bedarf. Zürich hat sich daher auch von jeher für den Splügenpaß, für die Wasserstraße der Linth, für eine Landstraße dem Wallensee entlang auf's lebhafte intereßirt, u. vor wenigen Jahren handelte es sich darum, daß der Kanton als solcher für die letztern ein Opfer hätte bringen sollen, welches Du kräftig zu befürworten bereit warest.4 Sollte nun Zürich im gegenwärtigen Augenblicke uns im Stiche laßen, wo wir damit umgehen, ihm die leichteste u. bequemste Verbindung mit Italien zu verschaffen? Ich weiß nicht, wie es dermalen in Zürich mit der Aktienzeichnung5 der Privaten steht, u. bin weit entfernt, von denen, welche sich auf so rühmliche Weise für das Zustandekommen der Romanshorner Bahn angestrengt haben, auch noch finanzielle Leistungen für unsre Südostbahn zu verlangen. Aber die Frage möchte ich aufwerfen, ob nicht der Staat Zürich sich betheiligen sollte bei einer Bahn, welche die wichtigsten Handelsintereßen seiner Bürger u. damit seine ganze nationalökonomische Zukunft so nahe berührt. Ich fühle wohl, daß es im gegenwärtigen Augenblicke Euch schwer fallen dürfte, einen derartigen Antrag an den Gr. Rath zu bringen; aber es handelte sich eben jetzt darum, ob die Südostbahn zu Stande komme oder ob, was sonst unausweichlich der Fall seyn wird, der Splügen dem Gotthard den Rang ablaufe u. damit Basel einen bedeutenden Vorsprung vor Zürich gewinne.6 Vielleicht hätte man mit der Südostbahn noch einige Jahre warten können; Du weißst aber, daß ich sie nicht zuerst angeregt, sondern nur dem bereits eingeleiteten Unternehmen mich angeschloßen habe.7

Ich hoffe nun, Du werdest die offne Frage, die ich Dir vorgelegt habe, mir jedenfalls nicht verübeln, sondern dieselbe einer reiflichen Ueberlegung | würdigen.

Mit den besten Wünschen für die Gesundheit Deiner verehrten Eltern8, u. unter herzlichen Grüßen verbleibe

Dein treuer

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Am 13. Februar 1853 fand im Hof in Bad Ragaz die Sitzung des weiteren Komitees der Schweizerischen Südostbahn statt zur Konstituierung der bisherigen Gründungsgesellschaft als Aktiengesellschaft und zur Aufstellung von provisorischen Statuten. Der St. Galler Vertreter Johann Matthias Hungerbühler (1805–1884) attackierte mehrmals erfolglos den Zusammenschluss der genannten Linien. Vgl. Prot. VR/WK SOB, 13. Februar 1853, S. 1–3; Escher und die Ostalpenbahnfrage, Absatz 8.

2Der Kanton Glarus steuerte schliesslich tatsächlich 500 000 Franken bei; von privater Seite kamen jedoch nur 300 000 Franken zusammen. Vgl. Wegmann, Vereinigte Schweizerbahnen, S. 39; Andreas Rudolf von Planta an Alfred Escher, 19. Mai [ 1853 ].

3Gemeinden und Korporationen beteiligten sich mit 43 000 Franken. Vgl. Wegmann, Vereinigte Schweizerbahnen, S. 39; Andreas Rudolf von Planta an Alfred Escher, 19. Mai [ 1853 ].

4Escher setzte sich als Zürcher Kommissionsmitglied und Sondergesandter besonders für die Walenseestrasse ein. Vgl. Prot. RR Kt. ZH, 7. Februar 1850, 30. März 1850, 16. Mai 1850, 26. September 1850, 3. Oktober 1850, 15. Oktober 1850, 26. Oktober 1850.

5Die Aktienzeichnung für die Schweizerische Südostbahn hatte bereits am 24. Februar 1853 begonnen. Vgl. Wegmann, Vereinigte Schweizerbahnen, S. 36.

6Blumer dürfte hier wohl das Gegenteil gemeint haben: dass der von den Baslern favorisierte Gotthardübergang schneller realisiert werden könnte als die Überschienung eines Ostalpenpasses (Lukmanier bzw. hier Splügen). Vgl. Gagliardi, Escher, S. 238. – 1852 hatte das Splügenprojekt nach entsprechenden Signalen aus Österreich und Süddeutschland vorübergehend wieder Auftrieb erhalten. Warum Blumer allerdings im März 1853 noch den Splügen erwähnt, ist unklar, hiess es doch in den provisorischen Statuten der Schweizerischen Südostbahn vom 13. Februar 1853: « Art. 3. [...] Als zweite Sektion wird folgen: die Linie von Chur an den Lago maggiore über den LukmanierProt. VR/WK SOB, 13. Februar 1853, S. 4–5. Vgl. Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, 5. Oktober 1852; Margadant, Lukmanier-Eisenbahn, S. 26–27, 34–35; Andreas Rudolf von Planta an Alfred Escher, 26. August [ 1853 ].

7Blumer stiess im Dezember 1852 als Vertreter des Glarner Eisenbahnkomitees zur Gründungsgesellschaft der Schweizerische Südostbahn. Diese hatte sich im August 1852 konstituiert. Weichenstellung zum Eisenbahnland Schweiz, Absatz 16; Escher und die Ostalpenbahnfrage, Absatz 8.

8 Lydia Escher-Zollikofer (1797–1868) und Heinrich Escher (1776–1853), Privatier und Entomologe.