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Korrespondenz: Alfred Escher – Friedrich Gustav Ehrhardt

AES B1122 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#183*

Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, s.l., Mittwoch, 3. Dezember 1851

Schlagwörter: Freundschaften, Nationalrat, Wahlen

Briefe

F: G: EHRHARDT
Cantonsfürsprech
ZÜRICH

Mein lieber Freund!

So eben vom Lande heimgekehrt u. obschon müde bis zum Tode, ohne aus meinen Umgebungen irgendwelchen Stoff für interessante Mittheilungen finden zu können, somit lediglich dem Drange meines nach Dir sehnsüchtigen Herzens folgend – u. es für eines [hegend?] – stehle ich dem mir bevorstehenden süßen Schlafe einige Stunden, oder nein: nur Viertelstunden, um Thee zu kochen u. Dir zu schreiben. Ich versetze mich in diesem Augenblicke, gegen 10 Uhr, nach Bern u. suche, mit dem geistigen Auge der freundschaftlichen Theilnahme die uns trennenden Räume durchdringend, Dich zu finden. Aber wo glaube ich Dich sehen zu müssen! – Denn es ist 10 Uhr! Nicht auf der Schmieden auf Pestalutz Worte lauschend; –– denn es ist 10 Uhr! Nicht in der Häuslichkeit unserer gemeinsamen [alt?] Freundin; –– denn es ist 10 Uhr! Nicht auf deinem Zimmer über nationalräthlichen Actenfascikeln; –– denn es ist schon 10 Uhr! nicht in den Kissen Deines jungfräulichen | Bettes; –– denn es ist erst 10 Uhr! Ich erblicke Dich –– doch nein, laß mich schweigen u. sollte mein kochendes Herz auch zerspringen, mein Herz, das nun darin einen Trost findet, daß es fühlte, daß Du in der Begleitung unseres Freundes Bemjamin weilest, des treuen Freundes, dessen gemachte Erfahrungen Dir dem Unerfahrenen zum Schutz u. Trutz gegen alle Anfechtungen dienen müssen.

II. Zum Exempel mit unsern Nationalrathswahlen will es fast gar nicht mehr gehen, weil die Herren Bürger nicht mehr gehen wollen. Wenn ich nicht Ich wäre würde ich mir hierüber keine schlechten Witze zu machen erlauben. Sulzberger, den ich heute sprach, bezweifelt daß Huber, rebus sic stantibus, annehmen werde, wenn die Wahl nächstens einmal auf ihn fallen sollte. Er schien mir, u. dann wird Huber es | nicht minder sein, empfindlich zu sein u. schob alle Schuld auf Benj. Einsch[ieben?] bei der ersten Wahl. Sollte Huber eine Erkl[e/a?]rung abgeben, daß er nicht wolle, dann kannst Du das Vergnügen haben Tr. nächstens in Bern als Collegen zu begrüßen. Ob von hier jemand etwas thun wird, weiß ich nicht. Rudolf scheint keine Lust zu haben u. Du weißt am besten, wie wir sind, wenn Du nicht handelst u. treibst.

Heinrich vervollkommnet sich im Italienischen u. hat, wie er mir sagte, sein Ohr vortrefflich an die süßen Töne Hesperiens bereits gewöhnt.

Wäre es nicht vielleicht Dir möglich, an Huber zu schreiben; denn Benj. Brief, auf den – nemlich nicht auf den Brief – H wohl eine kleine [sarace?] haben möchte, wird nicht viel geholfen haben.

Hoffentlich ist [v ?] nicht wieder gewählt. Das Gegentheil könnte mir den Appetit verderben, der wie gewöhnlich gut ist.|

Schlafe, lebe wohl mein Freund!

Grüße meine Freunde u. vergiß nicht

Deinen Freund

E.

den 3. XII. 1851.