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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1120 | FA Tschudi

In: Jung, Escher Briefe, Band 1, Nr. 4

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Dienstag, 30. November 1852

Schlagwörter: Schweizerische Südostbahn (SOB)

Briefe

Glarus den 30. November 1852.

Mein theurer Freund!

Ueberzeugt, daß Deine Zeit dermalen mit Eisenbahn- u. laufenden Regierungsgeschäften über Gebühr in Anspruch genommen ist1, will ich Dich weder mit einem langen Briefe hinhalten noch Dir zumuthen mir einen solchen zu schreiben. Dagegen wirst Du mir erlauben, eine kurze Anfrage an Dich zu richten, die Du mit wenigen Worten beantworten kannst.

Ich erhalte so eben von Nationalrath Planta einen Brief, der mir seiner Kürze wegen beinahe mysteriös vorkömmt. Er schreibt mir nämlich, daß im gegenwärtigen Augenblicke ungemein günstige Aussichten vorhanden wären für das Zustandekommen einer Eisenbahnlinie Zürich (resp. Rapperschwyl)–Chur; nur sollte von hier aus mehr Thätigkeit entwickelt, namentlich eine Abordnung nach Zürich geschickt u. an die Südostbahngesellschaft das Begehren gestellt werden, daß sie die Linie RapperschwylWallenstadt in ihr Programm aufnehmen möchte.2 Es kam mir diese Nachricht im höchsten Grade unerwartet, da einerseits in Zürich so viele andere Eisenbahnprojekte sich geltend machen, daß ich nicht gedacht hätte, daß auch das ge- nannte noch auf Anklang u. Unterstützung hoffen dürfte, anderseits von St. Gallen es sich immer klarer herausstellt, daß es nicht einmal die Zweigbahn von Sargans nach Wallenstadt will. Planta schreibt mir, daß er von Zürich nach Chur verreise, u. ich kann ihn daher nicht wohl um nähere Auskunft angehen, da ich nicht weiß, wo ihn mein Brief treffen würde. Ich wende mich daher an Dich mit der einfachen Frage, ob wirklich in Zürich jene günstigen Aussichten vorhanden seyen, u. worin dieselben bestehen; denn ohne etwas Bestimmteres zu wissen, kann ich bei der hier herrschenden nüchternen Stimmung u. gänzlichem Mangel an einem Organe für Eisenbahnbe-|| strebungen nichts ausrichten. Da Du in der Eisenbahnbewegung mitten inne stehst, so wird es Dir leicht seyn, meine Frage in ganz sicherer u. zuverläßiger Weise zu beantworten, u. da Planta das «carpe diem» besonders betont, so darf ich Dich wohl um eine möglichst beförderliche Antwort bitten.3

Mit vielen Empfehlungen an Deine verehrten Eltern4 grüßt Dich bestens

Dein

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Escher war seit Herbst 1852 intensiv mit der Gründung der Zürich–Bodensee-Bahn beschäftigt. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 414–443.

2Die Linthlinie wurde im Dezember 1852 durch die Fusion der Eisenbahnkomitees von Glarus und Rapperswil mit der Gründungsgesellschaft der Schweizerischen Südostbahn in deren Liniennetz aufgenommen. Weichenstellung zum Eisenbahnland Schweiz, Absatz 18; Escher und die Ostalpenbahnfrage, Absatz 8.

3Brief nicht ermittelt.

4 Lydia Escher-Zollikofer (von Altenklingen) (1797–1868) und Heinrich Escher (1776–1853), Privatier und Entomologe.