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Korrespondenz: Alfred Escher – Arnold Otto Aepli

AES B1111 | KBSG VNL 38 : B : 18

In: Jung, Escher Briefe, Band 5, Nr. 4

Alfred Escher an Arnold Otto Aepli, Zürich, Samstag, 20. November 1852

Schlagwörter: Eisenbahnanschluss an ausländische Netze, Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Finanzierung, Freundschaften, St. Gallisch-Appenzellische Eisenbahn (SGAE), Zürich-Bodensee-Bahn (ZBB)

Zürich 20. Nov. 1852.

Mein lieber Freund!

Ich bin dermaßen von Geschäften förmlich gehetzt, daß es mir nicht möglich sein wird, Dein Schreiben1 vom letzten Mittwoch so einläßlich zu beantworten, wie ich es in mehrfacher Beziehung wünschen möchte. Auf der andern Seite will ich es auch nicht unbeantwortet lassen & mich einfach auf meine Unterredungen mit den heute eingetroffenen Herren Hungerbühler2 & Hoffmann3 berufen: ich glaube dir wenigstens einige kurze Andeutungen unsers Standpunctes in der obschwebenden wichtigen Angelegenheit schuldig zu sein.

Du wünschest, daß ich so offen sei gegen dich wie Du es gegen mich seiest. Ich wüßte nicht, warum ich es nicht wäre. Ich war es immer & werde es immer sein. Gerade dieser Offenheit mich befleißend muß ich dir nun aber vor allem bemerken, daß Dein Schreiben mir einen gewissen gereizten Hintergrund zu haben schien, | den ich mir nicht recht erklären kann. Und hinwieder sah ich nicht ein, warum Du wiederholt & mit besonderm Nachdrucke an unsere Loyalität appellirtest. Ich hätte, wenn ich dir geschrieben haben würde, nicht für nothwendig gefunden, besondere Berufung an Eure Loyalität einzulegen: es will mir nun scheinen, Du habest zu einer solchen Berufung uns gegenüber auch keine stichhaltige Veranlassung gehabt. Gewiß nimmst Du mir diese Bemerkungen nicht übel. Du hast gewünscht, daß ich mich unverholen ausspreche. Ich habe es nun gethan & um so unbedenklicher, weil so freundschaftliche Beziehungen zwischen uns bestehen.

Was nun die Hauptsache anbetrifft, so ist es klar, daß wir vor allem die Interessen der Bevölkerung unsers Cantons ins Auge zu fassen haben & daß diese für uns Maaßgebend sein müssen & nicht Sympathieen oder dergleichen Rücksichten. Von diesem Standpuncte aus scheint uns nur die Verbindung mit dem Bodensee durch den Thurgau vortheilhafter & wir neigen uns daher ziemlich | dieser Linie zu. Die Gründe sind, um nur der wesentlichsten zu gedenken, in Kürze folgende 1.) Gemäß den von uns angestellten Berechnungen verspricht diese Linie ein günstigeres finanzielles Ergebniß als die St. Galler4 linie. 2.) Die Verbindung Zürichs mit Deutschland ist bei der Thurgauerlinie kürzer als bei der St. Galler. Daraus ergibt sich für den Transport jeder Person & jedes Centners Waare, die den Weg von Zürich nach Deutschland oder umgekehrt macht eine erhebliche Ersparniß an Zeit & Kosten. 3.) Die Auswirkung der Conzessionen für die Thurgauerlinie ist mit weniger Schwierigkeiten verbunden, als diejenige für die St. GallerLinie. 4.) Die Thurgauerlinie kann viel schneller vollendet werden als die St. Galler linie. 5.) Die erstere erheischt ein geringeres Capital als die letztere. Ein geringeres Capital kann aber leichter beschafft werden als ein bedeutendes. 6.) Die Thurgauerlinie kann mit der BodenseeRhein Wasserstraße besser concurriren als die St.Galler. Dasselbe gilt von der Concurrenz mit einer allfälligen Badischen Bahn von | Constanz nach Basel. – Wenn wir aus diesen Gründen, die ich noch vermehren könnte, unser Augenmerk eher der Romanshornerlinie zuwenden, so glaube ich hinwieder, die hiesigen Behörden oder eine allfällige Zürich-Romanshorner Gesellschaft werden einem Anschlusse der St. Gallerbahn in Winterthur nicht nur nicht hinderlich, sondern eher günstig sein, wobei ich dann hinwieder von der Voraussetzung ausgehe, St. Gallen werde seiner Seits die Ausdehnung der Romanshornerlinie nach Rorschach ohne weiters zugeben, falls sie gewünscht würde.

Dieß in kurzen Umrissen unsere Anschauungsweise. Ich denke, es werde nicht mehr ein vielwöchiger Stillstand in unserer Correspondenz eintreten. Ich wenigstens erkläre mich gerne bereit, dir alle diejenigen weitern Mittheilungen zu machen, die Du wünschen möchtest & die nicht in Folge besondern Beschlusses einer Behörde unterbleiben müssen.

Meine Eltern erwiedern Deine Grüße aufs beste & gerne schließt sich ihnen an

ganz der Deinige

A Escher

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2 Johann Matthias Hungerbühler (1805–1884), Grossrat, Mitglied des Kleinen Rats und Nationalrat (SG), führendes Mitglied des St. Gallisch-Appenzellischen Eisenbahn-Vereins und ab 1853 Verwaltungsratspräsident der St. Gallisch-Appenzellischen Eisenbahn.

3 Joseph Marzell Hoffmann (1809–1888), Grossrat, Mitglied des Kleinen Rats und Nationalrat (SG). – Hoffmann war ebenfalls ein führendes Mitglied des St. Gallisch-Appenzellischen Eisenbahn-Vereins. Vgl. Heer, Rorschach, S. 10–11.

4Nachträgliche Korrektur, ursprünglich: «Thurgauer».