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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1074 | FA Tschudi

In: Jung, Escher Briefe, Band 5, Nr. 2 | Jung, Aufbruch, S. 420–421 (auszugsweise) | Gagliardi, Escher, S. 220–221 (auszugsweise)

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Dienstag, 5. Oktober 1852

Schlagwörter: Berufsleben, Eisenbahnanschluss an ausländische Netze, Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahngesetze, Familiäres und Persönliches, Nationalrat, Presse (allgemein), Regierungsrat ZH, Ständerat, Vereinigte Bundesversammlung, Zürich-Bodensee-Bahn (ZBB), Öffentliche Beteiligungen (Infrastruktur)

Briefe

Glarus den 5ten Oktober 1852.

Mein theurer Freund!

Du wünschest meine Ansichten über die Eisenbahnangelegenheit u. insbesondere über Dein persönliches Verhältniß zu derselben beförderlich zu vernehmen, u. daher schreite ich so bald als möglich zur Beantwortung Deines l. Briefes1, deßen Inhalt mich in hohem Grade intereßirt hat u. den ich Dir daher bestens verdanke. Wenn Du die Eisenbahnfrage gegenwärtig als die wichtigste auf dem Gebiete des öffentlichen Lebens betrachtest, so kann ich Dir hierin nur vollkommen beistimmen. Das bellum omnium contra omnes2, welches wir gegenwärtig in der Schweiz wahrnehmen, konnte nicht ausbleiben; beim Staatsbau wäre es im Schooße der Bundesversammlung, freilich mit ganz andern Mitteln u. Streitkräften, geführt worden; nachdem nun das, jedenfalls republikanischere Prinzip des Privatbaues angenommen worden, gleicht der Kampf gar sehr demjenigen, der tagtäglich auf dem Felde der Industrie geführt wird, u. es wird von zwei Konkurrenten derjenige den andern überflügeln, der am meisten Talent u. Thätigkeit entwickelt u. der daneben am meisten – Geld in die Wagschale zu werfen im Falle ist. Ich betrachte nun gleich Dir den gegenwärtigen Augenblick als eine Probezeit für den Privatbau; kommen auf dem jetzt eingeschlagnen Wege die für die Schweiz wichtigsten u. unentbehrlichsten Bahnen zu Stande, so bleibt das diesjährige Bundesgesetz in Kraft; wenn nicht, so wird ganz sicher in kurzer Zeit der Staatsbau dekretirt, da inzwischen die Einsicht von der Nothwendigkeit der Eisenbahnen, deren Mangel im Volke auf den Entscheid der Bundesversammlung noch gar sehr influirte, sowie der Drang nach denselben in den sämmtlichen Kantonen zunehmen wird. Daß dieses verhütet werde, betrachte auch ich als eine Ehrensache für diejenigen Männer, denen das gegenwärtige Bundesgesetz vorzugsweise seine Entstehung zu verdanken hat. Gewiß kann aber kaum Jemand mehr als Du hierzu beitragen, da, nächst Basel, Zürich jedenfalls am meisten zur Initiation in der Eisenbahnangelegenheit berufen ist. Von Zürich wird es abhängen, ob die deutschen Bahnen, welche an den Bodensee aus münden, in's Innere der Schweiz u. nach Westen hin fortgesetzt werden, u. Zürich allein ist im Stande, im Westen die Basler zu thatkräftigem | Einschreiten zu veranlaßen u. ihren großen Einfluß einigermaßen zu paralysiren. Unter diesen Umständen, da es sich zunächst um die wichtigsten Intereßen Deines Kantons, dann aber auch um eine Ehrenfrage für die ganze Schweiz handelt, welche beim Nichtgelingen des Privatbaues dann allerdings eine Art von «Insolvenzerklärung» abgeben müßte, könnte ich die in Dir aufgestiegne Idee, Deine ganze Zeit u. Deine ganze Kraft dem Eisenbahnwesen zu widmen, nur unterstützen, indem ich mit Dir davon überzeugt bin, daß ohne Deine thätigste Mitwirkung daßelbe in Zürich nicht recht vom Fleck kommen, Basel aber inzwischen die vollständigsten Siege erringen dürfte. In einem entscheidenden Augenblicke, wie der gegenwärtige, dürfen begabte u. energische Naturen ihre Zeit nicht mit Kleinigkeiten zersplittern, sondern sie müßen sich, wenn die Sache gerathen soll, dem Einen, was Noth thut, hingeben. Ich glaube daher, der Regierungsrath dürfte dir gar wohl zu jenem Zwecke auf ein halbes Jahr Urlaub geben; dagegen fände ich dann für Dich keine genügende Veranlaßung, um aus der Regierung auszutreten.

Was Du von der Stellung der zürcherischen Industriellen zur Eisenbahnfrage sagst, läßt sich beinahe buchstäblich auch auf unsre glarnerischen anwenden. Es sind meistens treffliche Leute in ihrem Fache, aber darüber hinaus ist ihr Gesichtskreis beschränkt; überdies ist Jeder gewohnt, für sich u. sein Geschäft allein zu arbeiten, u. daher fällt es sehr schwer, sie zu gemeinsamem Wirken für einen öffentlichen Zweck, u. wenn derselbe auch noch so sehr in ihrem Intereße liegt, zu veranlaßen. Vieles kann unser Kanton dermalen allerdings nicht thun im Eisenbahnwesen, aber auch das Wenige, was er thun könnte, wird nicht gethan! Ich habe in der Glarn. Ztg. wiederholt darauf hingedeutet, daß wir die Graubündner so viel als möglich unterstützen sollten in ihrem Vorhaben, eine Wallenstadt-Churer Bahn zu bauen, denn ich glaube, daß den St. Gallern an dieser gar nichts, sondern nur an der Rheinthallinie gelegen ist. Es konnte mir von keiner Seite bestritten werden, daß dieses in der naturgemäßen Stellung unsers Kantons liege, aber gleichwohl hat an der Ragazer Konferenz3, die in meiner Abwesenheit stattfand, aus unserm Kanton Niemand Theil genommen, obschon unter den einladenden National- u. Ständeräthe sich auch Jenni4 befand! Für den Fall, daß Du Dich wirklich ganz dem Eisenbahnwesen widmen solltest, möchte ich Dir empfehlen, auch die Linie ZürichChur nicht ganz aus dem Auge zu verlieren, welche, wegen der kürzesten Verbindung mit dem Splügen, in dem eignen Intereße Zürichs so gut wie in demjenigen unsers Kantons läge. Für den Augenblick freilich begreife ich gar wohl, daß Ihr nicht Alles mit einander anfangen könnt!|

Bei deinen vielfachen u. wirklich überhäuften Geschäften begreife ich wohl, daß es Dir kaum möglich seyn wird, mich diesen Herbst noch für einige Tage zu besuchen. Solltest Du Dich gleichwohl später noch dazu entschließen können, so versteht es sich von selbst, daß Du uns ein sehr willkommner Gast wärest.

Auf die Beschlüße, die Ihr heute in Baltenschwyl faßen werdet, bin ich sehr gespannt.5 Ohne Zweifel wird daselbst auch mein «hochgeachteter» College6 eine frenetische Eisenbahnrede, resp. feurige Philippika7 gegen Basel – Freund Speiser nicht ausgenommen – halten, soferne er nämlich wohl conservirt von Paris zurückgekehrt ist. Vielleicht erscheinen auch thurgauische u. st. gallische Größen, um sich den Zürchern in die Freundschaft zu empfehlen.

Sehr leid thut es mir zu vernehmen, daß Deine gute Mutter sich immer sehr leidend befinde. Dagegen hoffe ich, daß in Betreff Deiner Schwester8, der ich in meinem letzten Briefe nachfragte, keine Nachrichten – gute Nachrichten seyen. Empfehle mich bestens den werthen Deinigen u. sey auf's freundschaftlichste gegrüßt von

Deinem

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2Bellum omnium contra omnes (lat.): Krieg aller gegen alle.

3Am 22. August 1852 fand in Ragaz eine «Versammlung der Freunde und Beförderer» einer schweizerischen Ostbahn statt. Vgl. Escher und die Ostalpenbahnfrage, Absatz 7.

4 Caspar Jenny-Becker (1812–1860), Ratsherr und Mitglied der Standeskommission, Landammann und Nationalrat (GL), Gemeindepräsident von Ennenda. – Weiter unterzeichneten das Einladungsschreiben die Nationalräte Johann Matthias Hungerbühler (SG), Johann Baptista Bavier (GR), Josef Leonhard Bernold (SG), Joseph Marzell Hoffmann (SG), Christian Rohrer (SG) und Andreas Rudolf von Planta (GR) sowie die Ständeräte Ludwig Anton Vieli (GR), Peter Conradin von Planta (GR), Arnold Otto Aepli (SG). Vgl. Einladungsschreiben (27. Juli 1852) (SBB Historic VGB_GEM_SBBZH103_100).

5Am 5. Oktober 1852 fand in Baltenswil eine Kantonalversammlung der Kaufmännischen Gesellschaft Winterthur statt mit dem Ziel, eine «Eisenbahn-Gesellschaft zur Erbauung einer Bahn von Zürich über Winterthur nach dem Bodensee » ins Leben zu rufen. Escher hielt ein Referat zur Eisenbahnfrage und zum Gründungsprogramm. Die Versammlung verabschiedete den Statutenentwurf und wählte einen provisorischen Ausschuss. Escher wurde zum Präsidenten sowohl des erweiterten als auch des engeren Ausschusses gewählt. Vgl. Jung, Aufbruch, S. 416–419.

6Person nicht ermittelt.

7Philippika: leidenschaftliche Rede.

8 Clementine Stockar-Escher (1816–1886), Tochter von Lydia und Heinrich Escher; ab 1837 Ehefrau von Kaspar Stockar.