Navigation

Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1067 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Dienstag, 7. September 1852

Schlagwörter: Familiäres und Persönliches, Freundschaften, Krankheiten, Presse (allgemein), Reisen und Ausflüge, Sonderbundskriegsschuld

Briefe

Glarus den 7. September 1852.

Mein theurer Freund!

Nachdem ich seit dem 1. d. M. wieder zu Hause bin u. die dringendsten Geschäfte, die meiner warteten, abgethan habe, glaube ich Dir ein kleines Lebenszeichen schuldig zu seyn. Wir haben eine sehr vergnügte u. angenehme Reise gemacht, denn das Wetter war uns mit Ausnahme der ersten zwei oder drei Tage, während deren Ihr gerade auch unterwegs waret, fortwährend günstig. Wir reisten über Basel, Freiburg u. Heidelberg nach Frankfurt, wo wir uns einige Tage aufhielten, von da nach Wiesbaden, wo uns das bunte Badeleben, u. nach Bieberich, wo uns der schöne Schloßgarten anzog; dann fuhren wir den Rhein hinunter nach Koblenz, wo wir auch das herrlich gelegne u. prachtvoll ausgebaute Stolzenfels besuchten, u. wieder hinauf nach Mainz; im Rückwege ging es über Stuttgart u. Ulm, wo mich die über die schwäbische Alb gebaute Eisenbahn sehr intressirte, Friedrichshafen u. St. Gallen. Du kannst Dir leicht denken, daß ich mich auf der Rheinreise lebhaft unsrer gemeinsamen Exkursionen in der Studentenzeit erinnerte, u. gerne hätte ich auch noch Bonn u. Köln besucht, wenn nicht die Rücksicht auf die mannigfachen Verpflichtungen, die mich nach einer beinahe vierteljährigen Abwesenheit nach Hause riefen, mich veranlaßt hätte, an dem zum voraus festgesetzten Termine von 14 Tagen strenge festzuhalten. Aus dem nämlichen Grunde mußte auch der Besuch bei den Bekannten meiner Frau in Thüringen unterbleiben, der sich neben der Rheinreise in dieser kurzen Frist nicht hätte ausführen lassen. Meine Frau ist mit der Reise sehr wohl zufrieden u. durch die intressanten Gegenden u. Städte, die sie gesehen, für jenen Besuch, der sich in einem spätern Jahre auch noch machen läßt, mehr als entschädigt.

In St. Gallen besuchte ich Aepli, der über den unerwarteten Sieg, den er in der Nachlaßfrage errungen, seine innige Freude hatte. Bei uns hat der Nachlaßbeschluß ungemein wenig Anklang gefunden; anfänglich soll sich die Unzufriedenheit darüber sehr laut geäußert haben, jetzt aber hat sie sich wieder ein wenig gelegt. Ich finde es ganz recht, daß der «Landbote» den Beschluß einer schweren Kritik unter| stellt hat, von nun aber scheint es mir besser, die Sache für so lange auf sich beruhen zu lassen, bis die Sonderbündler durch ihr benehmen Anlaß dazu geben werden, die verfehlte politische Berechnung ad oculos zu demonstriren. Ich wenigstens werde mich nicht weiter über den Beschluß auslassen, wenn ich nicht dazu provozirt werde, zumal es mich nur freuen könnte, wenn, zuwider meiner Erwartung, derselbe die gute Wirkung hätte, daß die bestehende Ordnung der Dinge in der Schweiz eine grosse Zahl neuer Anhänger gewinnen würde.

Ich habe Dich nun noch daran zu erinnern, daß Du, als Du letzten Frühling meine Einladung an unser Jubelfest ablehntest, mir einen Besuch auf den Herbst in Aussicht stelltest. Ich weiß nun zwar wohl, daß ich Dir hier nicht gerade viel Interessantes bieten kann; immerhin aber würde es mich sehr freuen, wenn Du einige Tage erübrigen könntest, um wieder einmal unsre Berge in der Nähe anzusehen. Solltest Du Dich dazu entschließen können, so möchte ich Dir nur rathen, schon im laufenden Monate zu kommen, da der Herbst bei uns schon sehr frühe einen rauhen u. unfreundlichen Charakter anzunehmen pflegt.

Meine Frau u. ich sind sehr begierig auf Nachrichten über das Befinden Deiner Mutter u. Schwester, welch' letztre bei unserm Besuche in Belvoir von einer schweren Krankheit befallen war. Möge sie sich seither wieder völlig erholt haben! Mit vielen Empfehlungen an die verehrten Deinigen grüßt Dich bestens

Dein treuer Freund

J J Blumer.