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Korrespondenz: Alfred Escher – Jakob Robert Steiger

AES B1066 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#470*

In: Jung, Escher Briefe, Band 5, Nr. 1

Jakob Robert Steiger an Alfred Escher, Luzern, Samstag, 4. September 1852

Schlagwörter: Eisenbahnen Bau und Technik, Eisenbahnen Finanzierung, Schweizerische Centralbahn (SCB)

Briefe

Vertraulich.

Aus dem großen Rathe zu Luzern den 4 Sept. 1852

Hochgeachteter Herr u Freund!

Seit dem 26 August sind über 8 Tage verfloßen, u. ich habe mein Versprechen noch nicht gelöset Ihnen über die Conferenz in Basel, betreffend die schweiz. Centralbahn, Bericht zu geben.1 Da aber die öffentlichen Blätter bereits die Beschlüße2 dieser Conferenz u. auch die Berathungen der ersten Sitzung des provisorischen Verwaltungsraths mitgetheilt haben, bleibt mir wenig mehr übrig nachzuholen.

Nur über den Geist, der hier wie überhaupt, schwer zu faßen ist, sollte ich Ihnen meine Ansichten eröffnen. In dieser Beziehung glaube ich die Wahrnehmung bei den Baseler Herren gemacht zu haben, daß es ihnen Ernst zu sein scheint, die Centralbahn bis Olten zu bauen. Ob sie Lust haben weiters zu gehen, das ist problematisch. Die BurgdorferZofingerlinie Einerseits, die SolothurnerAarlinie anderseits dürften die Verlängerung nach Westen vereiteln. Die Verlängerung nach Luzern findet Obstakel in den Conkurrenz-Linien durch das Reußthal, durch das Seethal u über Wollhausen. welche Obstakel kein Oberbaurath Ezel3 beseitigen wird u. wenn auch noch (das Orakel der St. Galler, Hungerbühler4 Handschuhmacher5 u. Compagnie) Pauli6 u Etzel dahinter kämen. – | Sodann ist auch der nervus rerum7 nicht im Reinen, nicht einmal ernstlich besprochen - die Beschaffung des Capitals - Vierzig Millionen – die das Ganze in den Conferenzbeschlüßen angedeutete Netz erfordert – sind nicht so leicht angeschaft, wie ein Stück Taft einer östreichischen Landwehrfahne. Bedenkt man dieses, dann komme ich leicht wieder auf meinen alten Satz: «Gott segne deine Studia, aus dir wird nichts Alleluja!»

Wie gesagt, die Erstellung der Eisenbahnen in der Schweiz geht noch nicht per Eisenbahn. Sulzberger8 hat freilich gemeint, oder geträumt, so eine Sülze von 60–80 Millionen sei bald gekocht. Allein außer ihm u Besnard9 in Paris hat sich nur ein Schienenlieferant ( (Thorne)10 ) u 3 Ingenieure11 (welche gerne Arbeit gemacht hätten) gefunden, welche die Sülze lieber verspeiset als gekocht hätten. Und da wirds eben noch lange happern. Eine Million ist gar entsetzlich viel – u. gar 40 Millionen! Ich müßte ja die Tennthore12 aller unserer Luzernerbauren mit Strichen überkritzen, u. es gäbe dann kaum genug Striche, um 40,000.000 frk. aufzuschreiben. Gibt ja das jüngst in Californien aufgefundene Stück Gold von 26 Pfund Gewicht nur 5400 Dollars, eine winzige Summe gegenüber von 40.000.000. | u. doch ¼ Zentner Gold. Ich glaube an das Ding noch so wenig, als daß ich an den prinzipiellen Freisinn eines Pfaffen, oder Aristokraten glaube, bevor er todt ist. – Ich könnte mich zwar auch irren – Errare humanum13.

Ich habe oben gesagt: der Geist ist schwer zu faßen. Doch wo man ihn greifen kann, wie beim Golde – da möchte das Ding schon leichter sein. Und da ich gewohnt bin, als Naturalist den Geist nur, oder doch vorzüglich für eine Kraft der Materie – immer an dieselbe gebunden – zu betrachten, (sintemal es mir noch nie gelingen wollte, einen Geist ohne Körper wahrzunehmen) so glaube ich in meiner Diagnose u Prognose nicht gar sehr zu irren. Dieses im vertrauten Kreise; in publico14 glaube ich daran, weil der Unglaube bei uns ein schweres Verbrechen ist.

Mit Schrecken bemerke ich, daß mein Blatt durch den bösen Geist, der mich auf dürre Haide führte – voll geworden ist. Und da ich höchst selten ein zweites Blatt zur Fortsetzung eines Briefes nöthig hatte, will ich auch hier schließen unter Versicherung der vorzüglichen Hochachtung, womit ich die Ehre habe, zu zeichnen,

Ihren ergebenen

J. R. Steiger

Kommentareinträge

1Am 26. August 1852 konstituierte sich im Casino Basel eine neue Gründungsgesellschaft für das Unternehmen einer schweizerischen Centralbahn. Vgl. Speiser, Mitteilungen, S. 41–43; Zur Eisenbahngeschichte, Absatz 5.

2Die Versammlung beschloss, «dass sie es im hohen Interesse der Kantone Basel-Stadt und Land, Aargau, Luzern, Solothurn und Bern als nothwendig erachte, eine von der Stadt Basel ausgehende Eisenbahnverbindung durch den Hauenstein und über Olten, ostwärts bis Baden zum Anschluss an die schweiz. Nordbahn, südwärts bis Luzern, westwärts bis Solothurn und Bern, zwischen den besagten Kantonen herzustellen» . Speiser, Mitteilungen, S. 42. – Die Versammlung wählte einen provisorischen Verwaltungsrat und ermächtigte diesen, die erforderlichen Konzessionen zu beantragen, Investoren zu suchen sowie Pläne und Vorarbeiten der früheren Centralbahngesellschaft zu erwerben. Auch Steiger wurde in dieses Gremium gewählt. Vgl. Speiser, Mitteilungen, S. 42–43; Leupold, Mitteilungen, S. 5.

3 Karl von Etzel (1812–1865), württembergischer Ingenieur, Oberbaurat im württembergischen Staatsdienst. – Etzel wurde vom provisorischen Verwaltungsrat der Centralbahn mit der Erstellung eines Gutachtens über die Wahl des Trassees, die Kosten und die voraussichtliche Ertragsfähigkeit der projektierten Linien beauftragt. Vgl. Leupold, Mitteilungen, S. 6.

4 Johann Matthias Hungerbühler (1805–1884), Grossrat, Mitglied des Kleinen Rats und Nationalrat (SG). – Hungerbühler war ein führendes Mitglied des St. Gallisch-Appenzellischen Eisenbahn-Vereins und ab 1853 Verwaltungsratspräsident der St. Gallisch-Appenzellischen Eisenbahn. Vgl. Heer, Rorschach, S. 10–11.

5Gemeint ist möglicherweise Josef Schumacher-Uttenberg (1793–1860), Grossrat und Ständerat (LU).

6 Friedrich August von Pauli (1802–1883), bayerischer Ingenieur. – Im Auftrag des St. Galler Eisenbahnkomitees hatte Pauli 1846 zusammen mit Karl von Etzel ein Gutachten über eine Eisenbahnlinie RorschachSt. GallenWil erstellt. Vgl. ADB XXV, S. 255.

7Nervus rerum (lat.): Hauptsache (das Geld).

8 Johann Jakob Sulzberger (1802–1855), Thurgauer Ingenieur und Kartograph. – Der Kanton Luzern hatte Sulzberger im Mai 1852 die Konzession für den Bau einer Eisenbahnlinie von Luzern Richtung Olten erteilt. Die Konzession verfiel im August 1852, weil die geforderte Kaution nicht hinterlegt wurde. Zur Eisenbahngeschichte, Absatz 7.

9Person nicht ermittelt.

10 William Thorne (Lebensdaten nicht ermittelt), englischer Minenbesitzer und Bauunternehmer.

11Steiger könnte unter anderem an den englischen Bauingenieur George Henry Phipps (1807–1888) denken. Vgl.Dossier «Zentralbahn: Organisation und Konzession» (StALU AKT 37/506 A).

12Tenn/Tenne: Vorbau am Stall, Scheune.

13Errare humanum est (lat.): Irren ist menschlich.

14In publico (lat.): in der Öffentlichkeit.