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Korrespondenz: Alfred Escher – Martin Escher-Hess

AES B1048 | CH-BAR#J1.67#1000/1363#194*

In: Jung, Aufbruch, S. 392 (auszugsweise), 550 (auszugsweise) | Gagliardi, Escher, S. 200 (auszugsweise)

Martin Escher-Hess an Alfred Escher, Zürich, Freitag, 23. Juli 1852

Schlagwörter: Bundesrat, Eisenbahngesetze, Eisenbahnlinie Zürich–Basel, Expropriationen, Kommissionen (eidgenössische), Nationalrat, Rechtliches, Staatsverträge, Zollwesen

Briefe

Hochgeachteter Herr Regierungspräsident!

Wir anerkennen, in Erwiederung Ihrer verehrlichen Zuschrift v. 21. ds. ganz die schwierige Stellung, welche Sie im Nationalrath in der Eisenbahnfrage hatten; desto größer ist auch Ihr Verdienst, den Osten der Schweiz durch den Sieg des Minoritätsantrages wenigstens in die Möglichkeit gesetzt zu haben, sich die für ihn nöthigen Eisenbahnen zu erstellen; denn, wenn es auch damit weder so schnell noch so leicht geht, als manche mit den Schwierigkeiten ganz Unbekannte glauben, so haben wir dennoch die Überzeugung, daß sich beim Privatbau die für die Industrie erforderlichen Bahnen allmälig erstellen werden, während bei dem Projekt der Majorität die Schwierigkeit der Verständigung unter den Kantonen, der Herbeischaffung der Gelder, u. s. w., so ausserordentlich groß gewesen wäre, daß wohl erst spätere Generationen den Nutzen hätten geniessen können, wenn überhaupt, was wir bezweifeln, jemals hätte gebaut werden können. –

Einstweilen beschäftigen wir uns mit der Hauptsache, wenigstens für uns, nämlich wie wir uns das zum Bahnbau von Baden nach Waldshut erforderliche Geld auf die wenigstmöglich drückende Weise verschaffen können. –

Sobald der Vertrag mit Baden durch die Räthe genehmigt sein wird, werden wir mit Argau (wegen Expropriation, & der Verschiebung des Baues nach Arau) & mit dem Großherzth. Baden (wegen Anschluß & um sie, wo möglich, zu bestimmen, von Basel aufwärts sich des schmalen Geleises zu bedienen, was auch im Interesse Badens zu liegen scheint) vielleicht vermittelst des Bundesrathes zu unterhandeln trachten; allein energisch können wir erst auftreten, wenn wir uns mit Argau verständigt haben werden, und wenn Baden zwischen Baden & Waldshut zu bauen angefangen haben wird; denn für die Erstellung dieser Strecke wird der schwierigen Stellen wegen Baden volle 3. Jahre brauchen, während wir leicht in 2. Jahren von Baden nach Waldshut kommen. –

Da von unsern ursprünglichen 40,000. Aktien ca 15,000 theilweise mit Zurücklassung der ersten und zweiten Einzahlung sich aus der Sache gezogen haben, so können wir mit den noch besitzenden 25,000 ca nicht bauen, weil aus ganz richtigen Gründen Viele nicht einzahlen würden, da wir nicht 40./m. Aktien in Circulation haben, und mithin nicht nach Basel bauen können, sondern wir müssen suchen, durch Ausgabe von Priori täts-Aktien, oder Obligationen, den Kosten dieser Bahn zu decken, was uns in einer Beziehung große Mühe geben wird, nämlich in derjenigen, das Interesse billig zu bedingen; während die meisten Bahnen die Prior.-Obligatn mit 5.%. & noch höher verzinsen, suchen wir dies für unsere Gesellschaft günstiger zu gestalten. –

Wenn ich nun nicht zweifle, daß wir gegen die Hypothek unserer Bahn, und der von Baden bis Waldshut zu erstellenden Strecke, ohne Schwierigkeit den zum Bau der letztern nöthigen Betrag finden werden; so würden wir den Betrag kaum finden, um gleichzeitig nach Arau & Waldshut zu bauen, weil die Arauer Zweigbahn sich auf ca 5. Millionen stellen dürfte, während BadenWaldshut nur 3.½., höchstens 4. Millionen kosten wird. –

Sobald indessen BadenWaldshut erstellt sein wird, was jedenfalls in Folge des Waaren-Transportes gut rendiren muß, wird sich die Fortsetzung von dem Anknüpfpunkt in der Nähe Bruggs bis Arau leicht machen. – Wir müssen daher von Argau durch Verständigung zu erhalten suchen, daß wir nur eine Bahn nach der andern bauen dürfen, und hoffen, dieses zu erhalten, da es im Interesse von Argau liegt, die Eisenbahnen baldigstmöglich zu erhalten, und wir beide Bahnen nicht gleichzeitig bauen können, während Argau bis 1860. keine neue Konzession von Arau bis Coblenz ertheilen darf.

Der Geldpunkt, und die vielen Anstrengungen, welche wir noch machen zu müssen vorsehen, ehe wir auch nur Coblenz erreicht haben werden, und die gewissermaßen als Pflicht auf der | Direktion ruhen, machen es uns unmöglich, so wünschenswerth auch die Verbindung mit dem Bodensee für Zürich ist, in dieser Beziehung irgend eine Initiative zu ergreifen, oder auch nur dieselbe für den Augenblick kräftig zu unterstützen. –

Ich vermuthe jedoch, daß nach Vollendung der Berathung des Eisenbahngesetzes & des Vertrags mit Baden, sich Gesellschaften bilden dürften, welche ohne Zweifel die ganze Eisenbahnfrage schneller vorwärts bringen, als es einstweilen den Anschein hat. –

Wenn Baden auch nach Erstellung der Bahn bis Waldshut dieselbe bis Constanz fortführen sollte, was aber kaum weder so schnell noch so leicht gehen dürfte, als Viele glauben; so wäre der Verlust für unsere Bahn und die Schweiz überhaupt nur unbedeutend, weil der Transit von Personen & Waaren durch die Schweiz über die Berge immer ungemein überschätzt wird. – Da unsere Bahn ihre Alimentation größtentheils durch den innern Verkehr finden wird; so ist es für uns hinreichend, wenn wir den Anschluß an die ausländischen an der zweckmäßigsten Stelle, nämlich bei Waldshut, erhalten. –

Was dann eine Bahn von Coblenz auf dem linken Rheinufer bis Basel, betrifft, die Ihnen am besten gefallen hätte; so macht die Badische Konkurrenzlinie auf dem rechten Ufer dieselbe, nach unserer Ansicht zur Unmöglichkeit, weil sie nicht rendiren könnte; auch wüßte ich nicht, wo man das Geld dazu finden sollte. – Wohl haben wir kürzlich dem sehr einflußreichen Herrn F. Arlès-Dufour von Lyon einen Eisenbahn-Plan von Paris über Basel längs dem linken Rheinufer nach Coblenz, Zürich, Chur, Splügen, Verona, Venedig & Ancona zu Handen des Prinzen Präsidenten zugestellt, um Letzterem begreiflich zu machen, daß, da Marseille die Concurrenz mit der ostindischen Post nicht aushalten kann, es im Interesse Frankreichs läge, als Fortsetzung der beiden ParisStrassburg & ParisBesançon in Basel ausmündenden französ. Bahnen auf die Erstellung einer Bahn auf dem linken Rheinufer von Basel bis Coblenz hinzuarbeiten, weil dies die kürzeste & für Frankreich die beste Linie wäre nach Venedig & Ancona. – Die beiden sehr mächtigen französischen Gesellschaften hätten auch die Mittel, diese kleine Strecke zu erstellen. – Ob es nun zu etwas führt, müssen wir gewärtigen; jedenfalls dürfte eine Linie über Salins, Neuchâtel, & Olten, oder durch den Hauenstein, wenn es mit dem eint oder andern Ernst werden sollte, die Ausführung einer Bahn auf dem linken Rheinufer durch eine französ. Gesellschaft sehr erschweren. –

Die heute hier eingetroffene Basler Zeitung hebt die Wichtigkeit einer Verbindung Basels mit Zürich auf Schweizerboden hervor, und hofft, in nicht ferner Zeit Mehreres darüber melden zu können. – Sie haben dagegen die Güte, mich auf die Linie Salins, Neuchâtel, Olten aufmerksam zu machen.

Wenn ich auch an die Erstellung einer Hauensteinbahn nicht glaube, bis ich dieselbe beendigt vor mir sehe, falls ich dies noch erleben sollte; so erlaube ich mir dennoch einige Bemerkungen über beide Eventualitäten. –

Wir sind zwar mit den Schwierigkeiten der Neuchâteler Bahn durch den Jura noch nicht bekannt, da sie erst untersucht werden, halten es aber nicht für möglich, daß beide jedenfalls sehr kostspielige & daher wenig oder nichts eintragende Bahnen gleichzeitig erstellt werden können. –– Hätten beide Bahnen gleich große Schwierigkeiten zu überwinden, so dürfte die Salinser Bahn, als die kürzere von Hâvre, Paris, nach dem Mittelpunkt & Osten der Schweiz, sich vortheilhafter stellen; da aber Basel unstreitig dadurch ausserordentlich verlieren würde, so dürfte es große Opfer nicht scheuen, um dieselbe zu hintertreiben, was ihm auch gelingen könnte, insofern nicht die mächtige Gesellschaft, deren Eigenthum die ganze ParisLyoner Bahn bald werden dürfte, & die großes Interesse an der Salinser Bahn hat, der letztern kräftig unter die Arme greift. ––

Wir müssen nun zusehen, wie sich diese Verhältnisse entwickeln. – Jedenfalls werden Sie mich sehr | verpflichten, wenn Sie die Güte haben wollen, mich gelegentlich über die Neuchâteler Bahn in Kenntniß zu setzen; falls sie etwas Näheres über dieselbe erfahren, und freuen soll es uns zu hören, daß die Schwierigkeiten des Jura in Neuchâtel weit kleiner seien, als am Hauenstein. –

Ich bin ein erklärter Gegner der Hauensteinbahn, nicht weil sie von Basel den Handel mit der Zentralschweiz erleichtert, sondern weil ich, mit so vielen Gebirgseisenbahnen & den Schwierigkeiten bekannt, überzeugt bin, daß der Bau viele Jahre dauern müßte, und daß er, wie vielleicht der Simmering, zuletzt nicht einmal brauchbar würde, sondern in der rauhen Jahreszeit wenigstens wieder aufgegeben werden müßte; hätte der Hauenstein nur die Hälfte seiner Höhe & Schwierigkeiten, so hätte ich mich für denselben ausgesprochen, so aber werde ich mich freuen, wenn ein zweckmäßigerer Durchgang durch die Jura-Kette gefunden werden kann.

Für unsere Gegend & den ganzen Osten ist es wünschbar, daß die Entfernung von Paris & dem Hâvre möglichst abgekürzt würde, was bei einer Bahn von Paris über Neuchâtel gegenüber derjenigen ParisStrassburg der Fall wäre. – Unsere Eisenbahn als Vermittlerinn des Verkehrs zwischen dem Westen & Osten würde; bei einer Bahn über Neuchâtel oder den Hauenstein, oder sogar auch bei beiden zugleich nichts verlieren; – denn, was wir z. B. in Waldshut weniger erhielten, würden wir dagegen in Arau empfangen, wir könnten sogar noch eine stärkere Frequenz erwarten, je mehr Bahnen nach der Zentral-Schweiz geleitet werden, indem um nach dem Osten zu kommen, Alle unsere Bahn benutzen müßten, die unmöglich zu umgehen ist; denn wir haben, wie schon Negrelli sagte, den Schlüssel zu allen Bahnen. –

Sehr verbunden sind wir Ihnen dann für die Mittheilung Ihrer Ansicht über die Gültigkeit unserer Konzession, so wie die Benutzung des vortrefflichen eidgenössischen Expropriationsgesetzes. – Wir theilen ganz Ihre Ansicht, daß wir zuerst suchen müssen, uns über beides mit Argau freundschaftlich zu verständigen, daß aber von unserer Seite gar kein öffentlicher Schritt gethan werden darf, ehe der Vertrag mit Baden von eidgenössischer Seite ratifizirt vorliegt, bis dahin können verschiedene Umstände, wie z. B. die größere Wahrscheinlichkeit der Erstellung einer Neuchâtel- od. Hauensteinbahn, & anderes, bedeutend auf unsere Maßregeln einwirken. – So wie sich die Verhältnisse nun durch den Beschluß der Räthe gebildet haben, dürfte es für uns nicht zweckmäßig sein, schnell zu handeln, ehe es mit aller Sicherheit geschehen kann, wohlaber auf Alles gefaßt zu sein, die Ereignisse, die in nächster Zeit klarer an den Tag treten müssen, abzuwarten, und dieselben dann möglichst im Interesse des Ostens der Schweiz & des unsrigen zu benutzen. –

Ich glaube nun alles in Ihrem Briefe Enthaltene beantwortet zu haben, und es bleibt mir nur noch einiges über die frühere Badische Konzession zu sagen. – Dieselbe verpflichtet uns, die Bahn von Waldshut bis Basel auf dem rechten Rheinufer zu erstellen; für die Ausführung sollten wir bei Zustellung der Konzession f. 2,00./ m Caution erlegen, Baden sollte sich aber zuerst mit Basel wegen nicht zu läßiger Führung durch Baslergebiet verständigen. Für die Zollbehandlung zwischen Basel & Coblenz wurde festgesetzt, daß alle Erleichterungen eintreten sollen, welche nach den Bestimmungen des Zollvereins zulässig sind. – Die Konzession wurde hierorts unterzeichnet, und auch von den beiden badischen Kammern in geheimen Sitzungen ratifizirt; allein mit dem Zusatz, der Großherzog möchte dieselbe erst unterzeichnen, wenn die (wie man in Carlsruhe erwartete) sehr zähen Unterhandlungen mit Basel beendigt sein werden. Allein diese führten zu nichts. Inzwischen kamen die verhängnißvollen Jahre 47. à 50.; wir behielten unsere Caution, und da in Folge dieser Zeiten Baden sah, daß | ein Theil unserer Aktionairs nicht einbezahlen wollte, und da später die Badischen Ingenieurs selbst gern nach Waldshut gebaut hätten; so wurde die Konzession stillschweigend ungültig.

Zu mehrerer Auskunft mit Vergnügen zu Diensten, schliesse ich mit der erneuerten Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung.

M. Escher Heß

Zürich, 23. Julj 1852.