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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1032 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Mittwoch, 26. Mai 1852

Schlagwörter: Bundesjubiläum GL (1852), Eidgenössische Kommissäre FR, Feiern und Anlässe, Freiburger Konflikte (1848 ff.), Landesverteidigung und Militär, Landsgemeinde GL, Parteienstreitigkeiten, Presse (allgemein), Rechtliches, Regierungsrat BE, Reisen und Ausflüge, Souveränität (kantonale), Wahlen

Glarus den 26. Mai 1852.

Mein theurer Freund!

Ich habe Dir Deinen freundschaftlichen Brief vom 19. d. M. bestens zu verdanken u. will nicht länger säumen, denselben zu beantworten.

Die Offenheit, mit der Du meine Einladung zu unsrer Jubelfeier beantwortet hast, hat mich sehr gefreut. So gerne ich Dich am Feste bei uns begrüßt hätte, so weiß ich doch auf der andern Seite die Gründe, welche Dich bestimmen, von demselben ferne zu bleiben, vollkommen zu würdigen. «Besondere Gründe» hatte ich nicht bei meiner Einladung; es hätte mich nur im Allgemeinen gefreut, Dich wieder einmal bei uns zu sehen. Wenn Du es nun vorziehst, im Herbst einmal zu kommen, so bin ich damit gar wohl zufrieden, u. glaube auch, daß wir dann nur um so ungestörter uns selbst leben können. Ich wünsche nur, daß Du Dein Versprechen dann auch wirklich ausführest.

Unsre Landsgemeinde hat allerdings manche unerfreuliche Erscheinungen zu Tage gefördert, wie ich mich darüber in der Gl. Ztg. offen ausgesprochen habe. Zu derselben rechne ich nicht die Wahlen, die eher ihre gute Seite haben; die Gewählten haben auch trotz «jubelnden Mehren» u. s. w. gar nicht die Landsgemeinde geleitet, sondern es war dies vorzugsweise jene Molliser Klike, die so zähe festhielt an ihrem saubern Pfarrer Wagner u. sich dabei als Parthei organisiren lernte. Wenn Du die Leute kenntest, deren Anträge u. Meinungen den größten Beifall fanden, Du würdest Dich darüber nicht wenig verwundern! Das Unerfreulichste ist jedenfalls die Verwerfung, resp. Zurückweisung des Militärgesetzes, da dieser Beschluß gewissermaßen eine eidgenössische Bedeutung hat. Es haben zu demselben verschiedne Faktoren mitgewirkt, der wichtigste war jedenfalls die Abneigung unsers | Volkes gegen eine Kaserne, die sich darauf gründet, daß unsre Milizpflichtigen jetzt in den Häusern der Begüterten, in die man sie einquartirt, sehr gut verpflegt werden, während es in der Kaserne wohl etwas frugaler hergehen würde. Dann kamen aber noch zwei weitere, allgemeiner verbreitete Faktoren hinzu: das demagogische Bestreben, unter dem Titel von Volkserleichterung dem Staate immer neue Lasten aufzubürden, einerseits u. anderseits ein gewisses Mißbehagen über die vermehrten Militärlasten, welche der Bund fordert. Das Volk hat wohl nirgends eine grosse Leidenschaft für's Exerziren, u. dieses Phlegma wird dann reichlich ausgebeutet von denen, welche bei jedem Anlaße die verlorne Kantonalsouveränetät (wie sie es heißen) beweinen. Wie es in Demokratien gewöhnlich geschieht, so ist nun allerdings auf die edle Begeisterung, mit der das Glarnervolk 1848 zuerst unter den kleinen Kantonen die Bundesverfassung annahm u. damit auf manche früher beseßne Rechte freiwillig verzichtete, eine Art von Rückschlag eingetreten. Es kann diese Stimmung, wie es in konservativen Blättern theilweise geschieht, auf übertriebne Weise ausgemalt werden; aber es wäre auch ein großer Fehler, wenn man sie ganz unbeachtet ließe. Für die hiesigen Abgeordneten zur Bundesversammlung muß darin jedenfalls eine Mahnung zur Behutsamkeit liegen gegenüber allen Vorschlägen, die irgend welche Opfer vom Volke fordern!

Meine Bemerkungen über das Berner Preßgesetz hast Du jedenfalls zu günstig beurtheilt. Ich wollte schnell etwas liefern u. es fehlte mir an Zeit u. Raum, um etwas Gründlicheres auszuarbeiten; hinterher war ich mit jenem Artikel selbst sehr unzufrieden. Sehr richtig ist, was Du über das jetzige Verhalten der Opposition in Bern sagst; sie macht überhaupt einen Fehler über den andern. Um so weniger ist es zu verwundern, daß es nun in Bern ganz gehörig rückwärts geht, so daß es nun doch vielen Liberalen der Ostschweiz, welche früher noch die Regierungsparthei in Schutz nahmen, zu dick werden dürfte! Auch die jetzige Freiburger Bewegung ist offenbar nur eine Folge der verunglückten Berner Abberufung. Ich bin begierig zu sehen, was für eine Rolle Oberst Kurz als eidgen. Kommissär in Freiburg spielen wird, – wie sich die Berner Regierung benehmen würde, falls ein eidgen. Truppenaufgebot erfolgen sollte. Es fehlt | nicht an reichlichem Stoffe zu Verwicklungen in diesen Freiburger Dingen, so daß man in diesem Augenblicke noch nicht recht wissen kann, wie die Sache enden wird. Die Maßregeln, welche die Freiburger Regierung gegen die Comitemitglieder ergriffen, waren jedenfalls stark u. können kaum als konstitutionell vertheidigt werden; zudem scheinen sie auch ihren Zweck verfehlt zu haben, da die Volksversammlung ruhig ablief. Auf der andern Seite kann ich es eben so wenig billigen, wenn, wie die N.Z.Z. es zu thun liebt, der Zustand des Kant. Freiburg fortwährend als eine Art von Unterthanenverhältniß dargestellt wird. Hatte nicht auch Solothurn, die eigne Heimath des Hrn. Felber, einen Revisionstermin von 10 Jahren, u. hätte nicht der Bund auch hier die garantirte Verfassung schützen müssen, wenn das Volk vorher hätte revidiren wollen? Jedenfalls werden wir uns in der nächsten Sitzung der Bundesversammlung wieder mit der Freiburger Angelegenheit, die ihre sehr widerwärtigen Seiten hat, beschäftigen müssen.

Da ich die Einladung in's Bundesgericht noch nicht erhalten habe, so weiß ich auch noch nicht, wann ich nach Zürich kommen werde. Von meinen Geschäften wird es abhängen,wie lange ich mich dort aufhalten werde; sollte ich mich entschließen mehrere Tage zu bleiben, so würde ich Deiner gütigen Einladung folgen u. in Belvoir absteigen.

Von Lebrecht Zwicki habe ich vor Kurzem einen Brief aus Neapel erhalten. Er ist von seiner italienische Reise ungemein befriedigt u. von Heimweh nach Mollis u. dem Soolberg völlig frei. Den Sommer über gedenkt er Sizilien zu besuchen u. sich in Sorrent bei Schweizern aufzuhalten; den nächsten Winter will er in Rom zubringen.

Empfehle mich bestens Deinen verehrten Eltern (meine herzlichsten Wünsche für die Gesundheit Deiner Mutter!) u. sey auf's freundschaftlichste gegrüßt

von Deinem

J J Blumer.