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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1028 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag / Montag, 9. / 10. Mai 1852

Schlagwörter: Bildungswesen, Bundesfinanzen, Bundesjubiläum GL (1852), Bundesrat, Eidgenössische Universität (Projekt), Eisenbahngesetze, Feiern und Anlässe, Freundschaften, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Kommissionen (eidgenössische), Krankheiten, Nationalrat, Parteienstreitigkeiten, Postwesen, Presse (allgemein), Rechtliches, Regierungsrat BE, Reisen und Ausflüge, Sonderbund, Ständerat, Universität Zürich, Zollwesen

Briefe

Glarus den 9./10. Mai 1852.

Mein theurer Freund!

Dein l. Brief vom 13. April, den ich Dir noch bestens zu verdanken habe, hat mich sehr gefreut, namentlich weil ich daraus ersehen konnte, daß Dein Urtheil über die letzte zürcherische Großrathssitzung von dem meinigen nicht sehr verschieden sey. Es kann nun dieser Gegenstand unter uns um so eher als erschöpft betrachtet werden, als die nachtheiligen Folgen, welche ich beinahe fürchtete, nicht eingetreten sind, was seinen Grund darin haben mag, daß Treichler eine vorzugsweise theoretische u. darum wenig populäre Frage aufgegriffen hatte. Der Erfolg kann übrigens mein Urtheil in der Hauptsache nicht ändern.

Was mich heute vorzüglich veranlaßt Dir zu schreiben, ist Deine wiederholte freundschaftliche Einladung, im Laufe dieses Monats Dich für einige Tage in Belvoir zu besuchen. So sehr mich ein solcher Ausflug in mancher Hinsicht freuen würde, so glaube ich doch mit Rücksicht auf meine mannigfachen Geschäfte, die mir möglichste Benutzung der Zeit zur Pflicht machen, u. auf den bereits wieder sehr schnell heranrückenden Zeitpunkt, der mich wohl für mehrere Monate von Hause entfernen wird, darauf verzichten zu sollen. Ich sage: für mehrere Monate, denn wenn auch zu hoffen ist, daß die Bundesversammlung diesen Sommer etwas weniger lange dauern werde, als letztes Jahr, so gedenke ich doch nachher noch eine Erholungsreise mit meiner Frau zu machen. Da es nun wohl nicht länger als etwa | 6 Wochen noch währen wird, bis ich wieder nach Bern verreisen müssen, so ziehe ich es vor, mich dann etwa einen Tag in Zürich aufzuhalten, um meine Freunde u. Bekannten besuchen zu können, statt jetzt ohne besondere Veranlaßung hinzureisen. – Ich möchte nun aber noch eine Gegeneinladung an Dich richten, die ich zwar freilich mit Rücksicht auf Deine Geschäfte, die noch viel zahlreicher u. wichtiger sind als die meinigen, beinahe nicht vortragen darf. Du weißst aus den Zeitungen, daß wir den 4. Juni den fünfhundertjährigen Eintritt unsers Kantons in den Schweizerbund zu feiern beabsichtigen, u. wirst Dich wohl nicht darüber verwundert haben, daß eine offizielle Einladung unsrer Regierung an diejenigen der 4 Bundeskantone nicht erfolgt ist. So sehr es uns gefreut hätte, eine Abordnung von Zürich, die ohne Zweifel nicht ausgeblieben wäre, bei uns zu begrüßen, so gering wäre für uns das Vergnügen gewesen, von den Urkantonen Antworten der Art, wie sie letztes Jahr Euch zu Theil geworden zu empfangen. Was indessen offiziell nicht erfolgt ist, kann privatim geschehen, u. ich möchte Dich daher ersuchen, nicht als Magistrat von Zürich, sondern nur als Freund auf jenen Tag zu mir zu kommen. Deine, wenn auch ganz passive, Theilnahme am Feste würde demselben in den Augen unsres Volkes bereits eine höhere Bedeutung geben; sie würde allgemein Freude erregen. Im Uebrigen würdest Du freilich nichts Großartiges u. Merkwürdiges finden, wie ich es letztes Jahr in Zürich fand; aus diesem Grunde wirst Du jedenfalls nicht kommen, sondern nur wenn Du ohnehin wieder einmal das Glarnerland zu sehen Lust hast, wo es Dir früher nicht so übel zu gefallen schien. Wenn es Dir also Deiner Geschäfte wegen nicht ganz unmöglich ist, so laß mich keine Fehlbitte gethan haben!

Mit Euerm Eisenbahngesetze bin ich im Ganzen einverstanden. Ueber | Einzelnes wird sich freilich noch reden lassen, z. B. ob man von den Uebernehmern nicht zu viel verlange, wenn man ihnen zumuthet, alle Briefe u. Poststücke unter 10 Pfund gratis zu spediren, ob es dagegen nicht zweckmässig wäre, ein Maximum der Taxen für Passagiere u. Waaren festzusetzen u. s. w. Daß der Privatbau in der Bundesversammlung die Mehrheit erhalten werde, unterliegt für mich kaum mehr einem Zweifel, obschon allerdings Bern mit seinen 23 Nationalräthen, Luzern u. s. w. der entgegengesetzten Ansicht eine beträchtliche Anzahl von Stimmen sichern. – Für sehr verständig halte ich es auch, daß die Hochschulkommission die Eisenbahnfrage will vorangehen lassen. Es ist diese Frage diejenige, welche dermalen das allgemeine Interesse am meisten für sich in Anspruch nimmt, u. das Publikum kann sich nicht wohl für zwei Fragen von so außerordentlicher Wichtigkeit gleichzeitig interessiren. In finanzieller Hinsicht haben sich die Aussichten für die Universität allerdings gebessert, doch dürfte es immerhin nicht unzweckmäßig seyn, eine etwas solidere Grundlage abzuwarten, als das Zollerträgniß eines einzigen Jahres gewähren kann. Was mir aber ganz besonders die Verschiebung der Universitätsfrage als wünschenswerth erscheinen läßt, das ist die Ueberzeugung, die ich hege, daß dieselbe in der ganzen Schweiz, etwa mit Ausnahme des Kantons Zürich, sehr wenig populär ist, schon darum weil sie sehr ideellen Gehaltes ist u. das praktische Bedürfniß einer eidgen. Hochschule sich nicht gerade an den Fingern vordemonstriren läßt. Mit der Zeit, wenn einmal die Sache reifer wird u. andre Fragen mehr in den Hintergrund zurücktreten, könnte sich die Stimmung bessern. Ich würde mich indessen der Behandlung der Universitätsfrage in diesem Jahre keineswegs so bestimmt widersetzen, wie ich es letztes Jahr hätte thun müssen; es schien mir aber jener Vorentscheid über die Priorität dafür zu sprechen, daß auch Du kein besonderes Gewicht darauf legst, daß die Frage sofort entschieden werde.

Indem ich dieses schreibe, erhalte ich Deinen l. Brief von gestern, der mich wirklich dafür beschämt, daß ich Dir so lange eine Antwort schuldig geblieben bin. Da nun aber mein Brief noch nicht abgegangen ist, so habe ich den Vortheil, auch noch auf Deine gestrigen, sehr verdankenswerthen Mittheilungen antworten zu können. Für einen | Publizisten von meiner politischen Richtung ist die Stellung, welche er im Berner Partheikampfe einnehmen muß, eine äußerst dornenvolle, indem er eben weder in der einen noch in der andern Parthei ganz seine Meinungsgenossen erkennen kann u. bald der einen, bald der andern Unrecht geben muß. Daß ich durch meine Haltung in Berner Dingen beiden Partheien vor den Kopf stoße, dessen bin ich mir wohl bewußt; dafür glaube ich aber annehmen zu dürfen, daß dieselbe in einem Kanton durchgehends gebilligt wird, wo die Opposition der Berner Radikalen gegen den Bundesrath im Jahr 1849 u. die an u. für sich jedenfalls verwerfliche, höchstens des Zweckes wegen entschuldbare s.g. Millionenagitation vom letzten Jahre einen sehr ungünstigen Eindruck gemacht haben. Wollte ich im Sinne einzelner hiesiger Liberaler schreiben, so müßte ich mich ganz entschieden auf die Seite der Regierungsparthei stellen. Das habe ich nun aber nicht gethan, u. zwar aus guten Gründen; ich habe über die letztjährige Agitation, die ich immer entschieden innerlich mißbilligen musste, geschwiegen, u. wenn ich dieses Stillschweigen auch bei der Abberufung brechen u. mich gegen dieselbe aussprechen zu müssen glaubte, so habe ich dieses doch in milder u. schonender Weise gethan. Daß Stämpfli ebenfalls anfänglich gegen die Betreibung der Abberufung war, ist ein Beweis seiner richtigen politischen Einsicht; ich hätte mich aber an seiner Stelle einer unvernünftigen Mehrheit nicht gefügt; es ist eine große Frage, ob die Abberufung denn ohne ihn wirklich betrieben worden wäre. Wer, wie St., gewissermaßen die ganze Verantwortlichkeit für seine Parthei auf sich nimmt, sollte billiger Weise etwas mehr zu sagen haben, als der erste beste hergelaufne Schreier. Sehr zu wünschen ist nun, daß St. Deinem Rathe folgen u. sich namentlich auch in seinem Blatte mehr, als es bisher geschehen ist, auf die Defensive der Regierung gegenüber beschränken u. nur in wichtigern Fragen u. in anständiger Form Opposition machen werde. Ganz wichtig ist es nun allerdings, daß der Entwurf eines Preßgesetzes einen ganz geeigneten Stoff für die von uns gewünschte parlamentarische Opposition | bildet, daß sich hier mit dem besten Rechte von der Welt Vieles einwenden läßt. Aber auch hier kann durch eine übertriebne Opposition wieder nur geschadet werden; man muß anerkennen, daß in einem Lande, wo die Presse so tief gesunken ist wie im Kanton Bern seit etwa drei Jahren (u. zwar die konservative wohl noch tiefer als die radikale), etwas starke Heilmittel am Platze sind. Von diesem Standpunkte ausgehend kann ich die strengen Strafbestimmungen nicht sehr mißbilligen; dagegen möchte ich allerdings die vagen Begriffsbestimmungen in keiner Weise in Schutz nehmen, u. eben so wenig die, dem Kläger eingeräumte Willkür bei Ausmittlung des Gerichtsstandes. Diese meine Ansichten werde ich nächstens in meiner Zeitung etwas ausführlicher entwickeln; ich fühle es selbst auch, daß der Gegenstand einläßlicher Besprechung wohl werth ist.

Sehr überraschend war für mich die Nachricht, daß Eure juristische Fakultät Rüttimann u. mich zu Doktoren kreiren wolle. Habe ich auch diese Ehre in keiner Weise gesucht u. wohl auch nicht hinlänglich verdient, so könnte mich doch eine solche Anerkennung meiner wissenschaftlichen Arbeiten natürlich nur angenehm berühren. Es wäre thöricht, wenn ich mich dafür unempfindlich stellen wollte, obschon ich mich auch wieder werde zu trösten wissen, wenn nichts daraus wird. Du fürchtest von Wyß Opposition; warum könnte er nicht der «Dritte im Bunde» seyn? Er hat auch bereits einiges Gute geschrieben, u. namentlich hat er als Dozent zu einer Zeit, wo die Universität etwas verwaist war, so viel ich weiß, eifrig für dieselbe gewirkt. Auf die politische Farbe wenigstens sollte hier jedenfalls keine Rücksicht genommen werden!

Mit innigem Bedauern habe ich aus Deinem gestrigen Briefe ersehen, daß Deine gute Mutter in letzter Zeit wieder von schweren Leiden heimgesucht worden ist. Von Herzen wünsche ich, daß sich ihre Gesundheitsumstände bald wesentlich bessern mögen! – Meiner l. Mutter nimmt freilich mit der Zeit das Gesicht immer mehr ab; im Uebrigen aber geht es ihr ordentlich, u. sonst ist bei uns Alles wohl.

Empfehle mich bestens den werthen Deinigen u. sey freundlich

gegrüßt von Deinem

J J Blumer.