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Korrespondenz: Alfred Escher – Johannes Wild

AES B1022 | ETH-Bibliothek Hs 371

Johannes Wild an Alfred Escher, Zürich, Sonntag, 18. April 1852

Schlagwörter: Personelle Angelegenheiten, Telegraphenwesen, Universitäten und Hochschulen (diverse)

Briefe

Hochgeachter Herr!

Gewiß werden Sie es begreifen, wenn ich meine Antwort auf Ihr schätz bares Schreiben von gestern damit be ginne, Ihnen unverholen zu gestehen, daß ich mich deshalb in großer Verlegenheit befinde.

Denn so sehr mich einerseits Ihre wohlwollende Aufmerksamkeit und das zuvorkommende Augenmerk MHHrn Bundes rath Näff überrascht und gefreut haben, so schwer fällt es mir auf der andern Seite den mir gemachten Eröffnungen mit der Bereitwilligkeit zu entsprechen, die Sie von Ihrem Standpunkte aus be trachtet billigerweise erwarten dürfen. Es fällt mir aberauch schwer, dem an mich ergangenen Ruf nicht zu entsprechen, weil ich voraussehe, daß mein jetziger Wirkungskreis bis in 3 Jahren zu Ende geht und sich dann nicht sobald wieder ein ähnlicher neuer für mich eröffnen dürfte und endlich weil es mir sehr leid thäte, wenn der allzu oft ohne Grund sich hintangesetzt | glaubende Osten der Schweiz dadurch zu neuen Klagen Veranlassung finden könnte.

Allein die Gründe, welche mich zu einer ablehnenden Antwort bestimmen, sind solcher Art, daß ich mich genöthigt sehe, Ihnen dieselben unumwunden mitzutheilen.

Es ist zunächst der Gedanke an die hohe Bedeutung & Wichtigkeit der Sache, der mich abhält, einen Schritt zu thun, den ich vielleicht selbst wieder bereuen müßte, nachdem ich den Beweis ge leistet hätte, daß man meine Kräfte über schätzt habe; denn eine innere Stimme sagt mir, daß meine Kenntnisse , Er fahrungen u physischen Kräfte hier nicht ausreichen. Im Civilbau habe ich leider keine Erfahrung und auch zu wenig theoretische Kenntnisse. Im Straßen- und Eisenbahnbau fände ich zwar einen bekanntern Wirkungs kreis und noch mehr wäre letzteres der Fall bey der Leitung topographischer Arbeiten, die jedoch zur Zeit noch in den allerbesten Händen sich befindet.|

Wenn ich aber bedenke, daß es in diesen verschiedenen Zweigen des Ingenieur wesens in unserm Vaterlande Fachmänner giebt, die in mancher Hinsicht Bedeutendes geleistet haben und daß diese mit Argus augen jeden Schritt, jede Anordnung eines Eidgenössischen Baudirectors beobachten & selbst den kleinsten Irrthum ausbeuten werden, so fühle ich mich im Bewußtsein mr Schwächen verpflichtet, auf die glänzende Stelle, welche in meinen Augen unter der Beihülfe der HHrn. Koller & Baum gartner ganz tüchtige Kräfte erhält, gleichwohl zu verzichten.

Ein ferneres Motif zur Ableh nung finde ich darinn, daß ich die schöne Aufgabe, mit der mich unsere hohe Regierung beehrt hat, erst zur Hälfte gelöst betrachten kann. Denn wenn auch die rein geometri schen Arbeiten für unsere Karte beendigt sind u. eine befriedigende Lösung gefunden haben, so mangelt doch noch diejenige Arbeit, von welcher allein für den Staat | und für das Publicum der eigentliche Nutzen erwächst. Zu einer mit möglichster Genauigkeit und praktischer Klarheit, sowie auch mit Geschmack auszu führende Vervielfältigung der vorhandenen äußerst werthvollen Materialien sind die ersten Einleitungen getroffen und ich habe jetzt schon die Erfahrung gemacht, daß zur Erreichung des vorgesetzten Zieles meine Hülfe von we sentlichem Nutzen sein kann. Die Art der Vervielfältigung unserer Karte, welche auf meinen Vorschlag hin von unserer hohen Regierung genehmigt worden, ist nicht die gewöhnliche und darum liegt es um so mehr in meiner Pflicht, daß ich die vertrau ensvoll mir übertragene Arbeit zu einem erfreulichen Ziele führen helfe.

Im Januar 1849 wurde mir ebenfalls unter glänzenden Bedingungen die Lehrstelle der praktischen Geometrie am Politechnikum zu Carlsruhe angeboten und es hat damals allerdings | zunächst die Liebe zu meinem Vaterlande, dann aber auch der innige Wunsch, die Karte des Kantons Zürich beendigen zu helfen mich vermocht, jenes Anerbieten von der Hand zu weisen.

Im Gegenwärtigen Falle bildet der letztere Grund wieder ein Hauptmoment und überdies würde ich es wirklich für unklug halten, wenn ich den Platz, an welchem ich nach mr Überzeugung nützlich sein kann, verlassen und einen andern ersteigen wollte, dessen Tragweite ich nicht zu überschauen vermag.|

Würden aber auch diese Gründe wegfallen oder dürfte ich wenigstens mit gutem Gewissen mich darüber hinwegsetzen, so könnte dennoch in Frage kommen, ob meine Constitution den mannigfachen geistigen und körperlichen Anstren | gungen, welche ein so ausgedehnter Wirkungskreis erfordert, gewach sen sei und diese Frage kann ich im Hinblick auf meine bisherigen Er lebnisse leider nicht bejahen. |

Dieses sind, mein Hochgeachter Herr, die Gründe, welche ich Ihrer nachsichtigen Beurtheilung vorzubringen wage und indem ich Ihnen hiermit verspreche, Ihre schätzbare Eröffnung als eine con fidentielle bei mir zu bewahren, erlaube ich mir noch, Sie zu bitten, von meinem Entschlusse MHHrn Bundes rath| Näff die Ihnen geeignet scheinende Mittheilung zu machen, diesen Anlaß zugleich benützend, Ihnen für das mir bewiesene ausgezeichnete Wohl wollen meinen verbindlichsten Dank auszudrücken.

Genehmigen Sie die Versicherung mr unwandelbaren Hochschätzung und Erge benheit

J Wild Ing

Zürich 18 Apl 1852.