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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1012 | FA Tschudi

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Sonntag, 4. April 1852

Schlagwörter: Bankwesen (allgemein), Eisenbahngesetze, Grosser Rat / Kantonsrat ZH, Landrat GL, Landsgemeinde GL, Liberale Presse, Nationalrat, Parteienstreitigkeiten, Presse (allgemein), Rechtliches, Verfassung ZH, Wahlen

Briefe

Glarus den 4. April 1852.

Mein theurer Freund!

Vor dem Ostermontage, der Dich wieder nach Bern rufen wird, erlauben meine Geschäfte es mir nicht, einmal nach Zürich zu kommen, so daß ich Deine gastfreundliche Einladung einstweilen nur verdanken kann. Dagegen kann ich, namentlich im Hinblicke auf Eure letzte Großrathssitzung, nicht länger anstehen Dir wieder zu schreiben. Die Entwicklung der Dinge in Zürich, die mich ohnehin sehr interessirte, ist mir durch Deine beiden letzten Briefe noch näher getreten; ich fühle mich gleichsam selbst dabei betheiligt. Meinem politischen Urtheile irgend ein besonderes Gewicht beizulegen, fällt mir nicht ein; ich weiß nur zu gut, daß ich mich schon oft getäuscht, schon hin u. wieder meine Ansichten geändert habe; aber ich stelle mir vor, es dürfte Dir nicht unlieb seyn zu vernehmen, wie Einer urtheilt, der es wohl meint mit Dir u. Deinen Freunden, der aber in anständiger Entfernung vom Kampfplatze sich befindet u. daher auf eine gewisse Unbefangenheit Anspruch machen darf. Denn Urtheile von Uebelwollenden einerseits, von Betheiligten u. Befangnen anderseits wirst Du genug hören. So erlaube ich mir denn Dir ganz offen zu sagen, daß die Diskussion Eures Großen Rathes über die Treichler'sche Motion, – nach den Zeitungsberichten, die ich darüber gelesen habe u. die, wenn sie auch im Einzelnen Unrichtigkeiten enthalten mögen, im Ganzen doch ein ziemlich richtiges Bild geben werden –, auf mich keinen günstigen Eindruck gemacht hat. Vorerst finde ich den Inhalt der Motion so entsetzlich nicht, wie man ihn dargestellt hat. Wohl hat sich der zürcherische Revisionsmodus bis dahin als vortrefflich bewährt, er ist sogar von andern Kantonen beneidet u. nachgeahmt worden; aber das Gute daran liegt | eben hauptsächlich in der Möglichkeit partieller Revisionen, welche andre Kantone früher nicht kannten, u. diese wollte Treichler nicht aufheben. Daß neben dem Gr. Rathe auch das Volk eine gewisse Initiative für Verfassungsrevisionen haben sollte, scheint mir an u. für sich ein richtiger Gedanke zu seyn, der auch in der Bundesverfassung niedergelegt ist. Von der repräsentativen zur reinen Demokratie giebt es eben viele Uebergänge, – vielleicht ist, logisch genommen, schon die Volksabstimmung über Verfassungsänderungen als ein solcher zu betrachten; jedenfalls wird Zürich nicht auf die Dauer allein festhalten können an dem strenge verbarrikadirten Repräsentativstaate, wie ihn die N.Z.Z. verficht. Was also nach meiner Ansicht allein gegen die Motion Treichler geltend gemacht werden konnte, ist, daß das Volk nach einer Erweiterung seiner politischen Rechte nicht verlange u. daß die vorgeschlagne Verfassungsänderung kein praktisches Bedürfniß sey. Ich muß gestehen, daß ich, wäre ich Mitglied des zürcherischen Gr. Rathes, gar wohl zu einer Begutachtung der Motion hätte stimmen können, – mindestens eben so gut wie zu einer Prüfung der Kantonalbankfrage, die mir eine Menge von Klippen u. Bedenken darzubieten scheint. Wollte man aber Treichler'n die Ehre einer Begutachtung nicht erweisen, so hätte man wenigstens nicht in der Weise, wie es geschehen zu seyn scheint, über ihn herfallen sollen; mich haben einige Voten, die ich gelesen, an das Sprüchwort erinnert: «vous vous fâchez, donc vous avez tort». Nach meiner Ansicht ist es einer der größten Fehler, den man im politischen Leben begehen kann, statt bei der Sache zu bleiben, die Person u. ihre Tendenzen anzugreifen: ich darf es um so eher als einen Fehler bezeichnen, wenn ich zugleich bekenne, mich desselben auch schon schuldig gemacht zu haben. In der vorliegenden Diskussion waren nun eben gar viele Geschosse nicht auf die in Frage liegende Motion gezielt, sondern auf Dinge, die zu derselben nicht in unmittelbarer Beziehung standen; so kann sie ohne Zweifel nicht überzeugend wirken auf das Volk, sondern Treichler'n nur in die Stellung eines Märtyrers versetzen, die man sich ganz besonders hüten sollte ihm zu geben. Die bedeutende Zahl von Bürgern, welche | ihn in den Nationalrath gewählt hat, dürfte [sich?] in ihrem Vertreter selbst beleidigt fühlen! Jedenfalls glaube ich nicht, daß durch die fast einstimmige Beseitigung der Motion der Zweck, der Agitation den Lebensfaden abzuschneiden, erreicht worden ist.

Du begreifst wohl, daß ich diesen Herzenserguß vorzüglich auch darum an Dich abgehen lasse, weil ich mich in meiner Zeitung nicht in dieser Weise aussprechen könnte u. möchte. Den versprochnen einläßlichern Artikel über die Wirksamkeit der zürcherischen Regierung habe ich bis jetzt noch nicht liefern können, theils wegen Mangel an Raum, der immer vorzugsweise von kantonalen Gegenständen in Anspruch genommen wird, theils weil ich einen passenden Anlaß dazu abwarten wollte. Dieser dürfte sich schon noch finden; wenn nicht, um so besser, – dann bedarf es keiner Rechtfertigung. Hingegen sind Deine Ansichten über das Eisenbahnwesen, die Du mir mitzutheilen die Güte hattest, nicht ohne Einfluß geblieben auf den kurzen Artikel, welchen ich darüber geschrieben habe.

Bei uns bewegt sich dermalen Alles im ruhigen Geleise. Auf die nächste Landsgemeinde werden zwar wieder eine Menge von Gesetzesentwürfen vorbereitet, doch ist darunter nur die Militärorganisation von eingreifender Bedeutung. Für Ausrüstung u. Bekleidung wird bei uns der Wehrpflichtige in bedeutendem Maße in Anspruch genommen; doch haben für anerkannt Arme die Gemeinden zu bezahlen. Ueber diese Militärlast hat man bis jetzt im Volke nie murren gehört, eher etwa über die, durch das Bundesgesetz verlängerte Instruktionszeit u. ganz besonders, weil das Militär bei uns immer einquartirt wird, über schwere Quartirlasten. Die letztere Klage ist allerdings nicht unbegründet, u. es wird nun in der nächsten Landrathssitzung sich ernstlich darum handeln, ob wir nicht auch zur Erbauung einer Kaserne schreiten wollen.

Es hat mich sehr gefreut, aus Deinem letzten Briefe zu erfahren, daß es Deinen verehrten Eltern, denen ich mich bestens zu empfehlen bitte, dermalen mit ihrer Gesundheit ordentlich geht. Auch die Meinigen befinden sich im Ganzen recht wohl. – In der angenehmen Erwartung, daß Dir die Freimüthigkeit, mit der ich Dir meine Ansichten mittheilte, nicht unwillkommen seyn wird, grüßt Dich bestens

Dein treuer

J J Blumer.