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Korrespondenz: Alfred Escher – Johann Jakob Blumer

AES B1003 | FA Tschudi

In: Jung/Wiederkehr, Escher Briefe, Band 4, Nr. 77

Johann Jakob Blumer an Alfred Escher, Glarus, Freitag, 19. März 1852

Schlagwörter: Bewerbungen/Empfehlungen/Referenzen, Eisenbahngesetze, Kommissionen (eidgenössische), Landsgemeinde GL, Liberale Presse, Nationalrat, Parteienstreitigkeiten, Rechtliches, Regierungsrat ZH, Universität Zürich, Wahlen

Briefe

Glarus den 19. März 1852.

Mein theurer Freund!

Deinen eben so interessanten als einläßlichen Brief1 verdanke ich Dir bestens u. benütze den ersten freien Augenblick, der sich mir darbietet, um denselben zu beantworten. Wenn ich Dich seit der letzten Bundesversammlung ohne Nachrichten von mir gelassen habe, so wirst Du dieses wohl damit entschuldigen, daß es mir eben zu interessantern Mittheilungen an Stoff gebrach.

Ich bin mit dem hauptsächlichen Inhalte Deines Briefes vollkommen einverstanden. Auch ich halte die Demagogie, welche dermalen in der Schweiz im Schwunge geht, die das Volk mit s.g. materiellen Erleichterungen ködert, ohne sich um die Folgen derselben für den Staat zu bekümmern, für eine durchaus verwerfliche, u. muß von Wort zu Wort allem dem beistimmen, was Du über die verderblichen Wirkungen dieser Zeitrichtung sagst. Nicht minder gehe ich darüber mit Dir einig, daß, wenn die Treichler'sche Nationalrathswahl 2 ein Mißtrauensvotum für die zürcherische Regierung seyn sollte, sie dieses in keiner Weise verdient hat, indem sie, wie keine andere, auf der Bahn eines ruhigen, stätigen Fortschrittes wandelte u. hierin als ein wahres Muster voranleuchtete, allen billigen Volkswünschen zum voraus entgegenkam, alle Zweige der Staatverwaltung trefflich organisirte u. in einzelnen derselben, wie z. B. für die Hochschule, mit geringen Mitteln wirklich Erstaunenswerthes leistete. Du hast daher auch ganz Recht, wenn Du mit Befriedigung auf Deine kantonale Wirksamkeit zurückblickst, u. von ganzem Herzen stimme ich Deinem | Wahlspruche für die Zukunft bei: «Fortwandeln auf der bisher betretnen Bahn! Sich nicht weiter, aber auch nicht zurücktreiben lassen!» Ich zweifle nicht daran, daß Dich die Behörden, u. nicht minder auch der größere u. bessere Theil des Volkes in diesem löblichen Vorsatze unterstützen werden, u. dann wirst Du auch nicht nöthig haben den eventuell angekündigten Entschluß3 auszuführen, den ich zwar unter Umständen begreifen könnte, der aber gleichwohl alle Deine Freunde u. Meinungsgenossen mit tiefstem Bedauern erfüllen müßte. Für den Augenblick also möchte ich Dir u. Deinen nähern Freunden u. Collegen in Zürich vor Allem aus empfehlen, augenblicklicher Unbilden wegen den >Muth nicht sinken zu lassen, denn dazu wäre noch keine genügende Ursache vorhanden.

Ich habe in der Glarner-Zeitung schon wiederholt die gesunde Politik der zürcherischen Regierung hervorgehoben, u. um dieses bei einem spätern Anlaße noch entschiedner, u. namentlich in noch einläßlicherer Weise thun zu können, dazu liefert mir Dein Brief die trefflichsten Materialien. Wahr ist [...?] letzten Wochen derartige Stimmen in der Presse ziemlich vereinzelt waren, u. daß auch sonst die öffentliche Meinung, soweit ich davon Kunde erhielt, nicht so entschiedne Sympathien für Euer System, wie man wohl hätte erwarten dürfen, an den Tag gelegt hat. Ueberzeugt, daß Du eine ganz offne Sprache von mir verlangst, will ich Dir sagen, wie ich mir diese Erscheinung erkläre. Viele erblickten in der Treichler'schen Wahlfrage nur einen persönlichen Kampf, – eine Auffassung, die allerdings nicht stichhaltig war seit der Veröffentlichung seines Programmes4, aus welchem sich, wenn auch nicht für eidgenössische, doch für kantonale Angelegenheiten eine tiefgehende Meinungsverschiedenheit zwischen der liberalen Regierungsparthei einerseits u. Treichler u. seinem Anhange anderseits ergab. Dagegen gestehe ich Dir, daß es mir klüger geschienen hätte, Ihr hättet ihn im letzten Spätherbste im Frieden nach Bern ziehen lassen;5 sein Ehrgeiz wäre dann befriedigt gewesen, im Nationalrathe hätte er eine unbedeutende Rolle gespielt u. nicht viel geschadet, | u. die, alle Volksklassen durchwühlende Wahlbewegung der letzten Monate, die wohl noch manche schlimme Folge haben dürfte, wäre unterblieben. Auch ist es möglich, daß der «Landbote», der zwar mit sehr viel Talent u. Sachkenntniß geschrieben ist u. den ich für mich immer mit Befriedigung lese, in seiner Polemik gegen Treichler doch nicht ganz den richtigen Takt befolgt hat. Ich weiß zwar wohl, daß tadeln leichter ist als besser machen; doch wollte ich diese Seite der Sache um so weniger mit Stillschweigen übergehen, als sie von Vielen vorzugsweise in's Auge gefaßt wird. Das muß ich noch bekennen, daß ich von Anfang des Wahlkampfes an dem Erfolge desselben nicht mit rechter Siegerhoffnung entgegensehen konnte. Die Erfahrung, die ich selbst im letzten Herbst gemacht, lag mir noch zu nahe, daß ein neu auftauchendes Gestirn gerade durch die Opposition, die ihm, u. namentlich von Höhergestellten gemacht wird, beim Volke an Kredit gewinnt; bei Treichler kam dazu noch der materielle Köder, für den eine Fabrikbevölkerung so empfänglich ist, u. endlich haben, wie das immer geschieht, aus dem Zwiespalte, der unter den Liberalen u. Radikalen hervortrat, die Konservativen offenbar auch ihr Profitchen ziehen wollen.

Du hast es in Deinem Briefe ziemlich stark betont, daß die neuesten Erscheinungen im Kanton Zürich geeignet seyen, auch für unsern Kanton ernstliche Bedenken einzuflössen. Ich müßte in der That sehr kurzsichtig seyn, wenn ich die Gefahren, welche die ganze materiell-sozialistische Richtung unsrer Zeit für ein Fabrikland wie das unsrige darbietet, nicht einsehen würde. Es lag für mich in dieser Einsicht ein hauptsächliches Motiv zu Uebernahme einer Zeitungsredaktion, die mir zwar noch nicht gar viele Unannehmlichkeiten bereitet hat, desto mehr aber meine Zeit u. Kräfte zersplittert, die ich vielleicht für Besseres verwenden könnte. Auch kann mir das Resultat des Treichler'schen Wahlkampfes schon darum nicht gleichgültig seyn, weil, bei der hergebrachten innigen Verbindung zwischen den beiden Kantonen, alle Vor| gänge in Zürich von jeher ihren Wiederhall in unsern Bergen gefunden haben. Indessen ist es nicht meine Art, nur trüben Blickes in die Zukunft zu schauen, u. deßhalb führe ich Folgendes an, was für den Augenblick wenigstens mir einige Beruhigung giebt. Vorerst war, in innigem Zusammenhange mit unsrer demokratischen Verfassung, von jeher bei uns das Finanzsystem einheimisch, welches die meisten Lasten auf das Vermögen wälzt. Schon seit 20 Jahren bezahlen wir unaufhörlich 2 per mille Vermögenssteuer; für das laufende Jahr zwar sind in Folge einer bedeutenden Vermögenssteigerung nur 1½ per mille in's Budget aufgenommen, allein wenn es auch für dies Jahr dabei bleibt, so wird man doch zuversichtlich im nächsten Jahre wieder zum frühern Ansatze zurückkehren müssen. Daneben haben wir noch eine besondere Armensteuer, die in den reichern Gemeinden 6 Batzen, in den ärmern 10 Batzen von f. 1000.– bis dahin betrug; ferner auch eine Erbschaftssteuer, zwar nicht für den Staat, aber für Kirchen- u. Schutzwerke der Gemeinden, von 3 per mille für alle Erbschaften. Neben der Vermögensteuer besitzen wir nicht einmal eine Erwerbsteuer, die doch in mancher Hinsicht billig wäre; von indirekten Abgaben kennen wir nur das Salzregal6 u. ein, im Ganzen mäßiges Ohmgeld7. Sodann sind die s.g. materiellen Fragen bei uns nicht neu, sondern sowohl früher als auch in den letzten Jahren hin u. wieder zur Sprache gekommen; die Landsgemeinde hat nicht bloß die Progressivsteuer u. die Herabsetzung des Zinsfußes, sondern selbst die beantragte Abschaffung der s.g. Kopfsteuer, – die bei unsrer Verfassung durchaus nöthig ist, damit die nicht besitzende Mehrheit des Volkes nicht bloß die Besitzenden, sondern auch sich selbst besteure –, abgelehnt. Ich könnte vielleicht auch noch anführen, was von Seite unsrer Begüterten alljährlich freiwillig für gemeinnützige Zwecke zusammengelegt wird; doch dieses Argument möchte nicht stichhaltig seyn. Genug, ich bin nicht so leichtsinnig zu behaupten, daß unser Kanton dem «Dinge», wie es nun in größern Kantonen getrieben wird, gleichgültig zusehen könne; aber um die Lage | desselben richtig zu beurtheilen, muß man eben alle Momente berücksichtigen. Die Solidarität, welche gegenüber den sozialistischen Tendenzen zwischen allen Kantonen besteht, anerkenne ich vollkommen.

Deine Nachrichten über die Verhandlungen der Eisenbahnkommission haben mich sehr interessirt u. ich verdanke Dir sehr Deine gefälligen Bemühungen für die Bahnen von Rapperschwyl nach Wesen u. von da nach Glarus. Wir Glarner können da wirklich sagen, daß uns die gebratnen Tauben in's Maul fliegen, denn bis jetzt wenigstens hat bei uns noch Niemand ernstliche Schritte für das Zustandekommen von Eisenbahnen in unsrer Gegend gethan. Man ist bei uns überhaupt ziemlich lau für dieses Verkehrsmittel; gesprochen wird davon nicht viel, u. jedenfalls ist die vorherrschende Meinung eher für den Privatbau als den Staatsbau. Es hat mich sehr gefreut, daß Du Dich nun auch für jenes System erklärt hast, das wohl unsern schweizerischen Verhältnissen am besten entspricht u., wenn nicht Alles trügt, die größte Aussicht hat in den beiden Räthen die Mehrheit zu erhalten. Freilich bin ich dann immerhin dafür, daß die öffentlichen Interessen in den Konzessionsbedingungen möglichst gewahrt werden, u. in dieser Beziehung bin ich gespannt darauf Euern Gesetzesentwurf8 kennen zu lernen.

Ich möchte Dich nun noch um gefällige Auskunft ersuchen über eine Frage, die nicht mich, sondern einen unsrer beidseitigen Freunde betrifft. Kothing9 nämlich ist mit seinen Verhältnissen in Schwyz immer weniger zufrieden; wie es scheint, geht Landamm. Reding10 nur darauf aus, seine Arbeitstüchtigkeit auf alle Weise zu exploitiren u. ihn dabei in einer untergeordneten Stellung zu erhalten, – ihm die Mühe zu überlassen u. sich selbst den Ruhm anzueignen. Er ist daher durch die Ausschreibung der Stelle eines eidgen. Generalanwaldes auf den Gedanken verfallen, sich dafür anzumelden. Ich will nun nicht untersuchen, inwieweit er sich dazu eignen würde; jedenfalls besitzt er gute Kenntnisse, ist ein tüchtiger Arbeiter u. der französischen Sprache | in Folge mehrjährigen Aufenthaltes in der welschen Schweiz, ziemlich mächtig. Alles wird darauf ankommen, was für Mitbewerber sich einstellen werden, u. eben deßhalb wünschte ich von Dir zu erfahren, ob Du nicht etwa während Deines kurzen Aufenthaltes in Bern von einem Aspiranten gehört hast, auf den der Bundesrath bereits seine Blicke gerichtet hätte oder der sonst Ansprüche auf die Stelle zu machen berechtigt wäre, hinter denen diejenigen Kothings zurückbleiben müßten. Da ich Kothing bald antworten sollte, so würdest Du mich sehr verpflichten, wenn Du mir nur über diese Frage so beförderlich als möglich Auskunft gäbest. Im Uebrigen versteht es sich, daß Kothings Absicht einstweilen unter uns bleibt.

Der Winter ist mir unter fortwährender, mannigfacher Beschäftigung schnell genug verstrichen, doch fühle ich hier nur zu oft den Mangel an Erholung, die diesen Namen verdient. Gerne wäre ich einmal nach Zürich gekommen, wo mich so Manches angezogen hätte; aber wenn man einmal recht im Geschäftsleben drin ist, so entschließt man sich eben nicht mehr so leicht dazu, bloß des Vergnügens wegen zu reisen, was immer mit Zeitverlust verbunden ist, u. an vielfältigen Abhaltungen fehlt es selten. Vielleicht komme ich im Frühling doch noch einmal.

Von dem Befinden Deiner verehrten Eltern hast Du mir nichts geschrieben; wie geht es namentlich Deiner Mutter? Empfehle mich denselben bestens, u. empfange die herzlichsten Grüße von

Deinem

J J Blumer.

Kommentareinträge

1Brief nicht ermittelt.

2 Johann Jakob Treichler (1822–1906), Grossrat und Kantonsprokurator (ZH). – Treichler war am 7. März 1852 in den Nationalrat gewählt worden. Vgl. Gruner, Nationalratswahlen III, S. 27; Jakob Dubs an Alfred Escher, 10. März 1852.

3Rücktrittsabsichten Alfred Eschers infolge der Wahl Treichlers in den Nationalrat sind nicht dokumentiert. Hätte er einen Rücktritt in Erwägung gezogen, ist es naheliegend, dass er ihn vorab mit Blumer und Johann Jakob Rüttimann besprochen hätte.

4Gemeint ist wohl ein von Johann Jakob Treichler im Dezember 1851 veröffentlichtes Programm mit dem Titel «Was das ‹Volksblatt› will». Vgl. Neues schweizerisches Volksblatt, 28. Dezember 1851 (Nachläufer zu Nr. 49).

5 Treichler war bereits bei den ordentlichen Nationalratswahlen im Herbst 1851 angetreten. Damals hatte man seine Wahl jedoch zu verhindern gewusst. Treichler galt zu jener Zeit als Sozialist, erst in späteren Jahren wurde er durch Escher liberalisiert. Vgl. Jonas Furrer an Alfred Escher, 28. Oktober 1851; Jung, Aufbruch, S. 748; Johannes Kägi-Fierz an Alfred Escher, 7. Dezember 1851 Friedrich Gustav Ehrhardt an Alfred Escher, 16. Dezember 1851

6Salzregal: staatliches (das heisst kantonales) Monopol auf dem Salzhandel; dabei wurde eine Salzsteuer erhoben.

7Ohmgeld: Verbrauchssteuer auf Wein und anderen alkoholischen Getränken. Institutionen, Strukturen, Prozesse, Absatz 15.

8 Vgl. Bericht und Anträge Eisenbahnkommission (Privatbau), S. 128–133.

9 Martin Kothing (1815–1875), Archivar und Regierungssekretär (SZ). – Kothing erkundigte sich auch direkt bei Escher nach weiteren, möglicherweise aussichtsreicheren Bewerbern für die Stelle des eidgenössischen Generalanwalts. Vgl. Martin Kothing an Alfred Escher, 29. März 1852.

10Vermutlich Nazar Reding (1806–1865), Regierungsrat und alt Landammann (SZ).